27.01.2005 · Die deutschen Verbraucherpreise sind im vergangenen Jahr so stark gestiegen wie seit 2001 nicht mehr. Die Steigerungsrate von 1,6 Prozent scheint wenig und ist doch zu spüren.
Von Patrick WelterDie Verbraucherpreise in Deutschland sind im vergangenen Jahr so stark gestiegen wie seit 2001 nicht mehr. Mit einer Steigerungsrate von durchschnittlich 1,6 Prozent lag der deutsche Preisauftrieb 2004 zwar noch deutlich unter den 2 Prozent des Jahres 2001, aber ebenso deutlich höher als die 1,1 Prozent des Jahres 2003. Und die Tendenz weist aufwärts: Im letzten Vierteljahr 2004 lag die Preissteigerungsrate bei knapp 2 Prozent.
Das ist fast doppelt so hoch wie zu Jahresbeginn und ein Zeichen dafür, daß die Inflation ganz allmählich ihr Haupt erhebt. Vorbei sind die Zeiten, als manche Ökonomen noch 2003 vor einer Deflation warnten, die sich nicht einstellte. Vorbei ist freilich auch das beruhigende Gefühl, die Preisstabilität sei ungefährdet.
Steuerentlastung aufgezehrt
Der deutsche Verbraucher merkt das bei seinen täglichen Einkäufen und beim Blick in das Portemonnaie am Monatsende. Der Blick auf die Volkswirtschaft zeigt, daß die Entlastung der Arbeitnehmer durch die Steuerreform im vergangenen Jahr zur Gänze durch höhere Preise aufgezehrt wurde. Die Bruttolöhne und -gehälter stiegen nominal um 0,1 Prozent. Netto - unter Einschluß der Steuerreform - ergab sich ein Plus von 1,6 Prozent. Real, also unter Berücksichtigung der gleich hohen Inflationsrate, blieb den Arbeitnehmern auch netto nicht mehr in der Tasche. Die Entwicklung im Jahr 2004 erinnert mahnend daran, daß selbst scheinbar geringe Teuerungsraten den Bürger, seine Konsummöglichkeiten und seinen Wohlstand treffen.
Den Großteil der Teuerung im vergangenen Jahr verdanken die Deutschen nicht den gestiegenen Energiepreisen, sondern der Bundesregierung. Die Gesundheitsreform brachte höhere Zuzahlungen und die vierteljährlich zu leistende Praxisgebühr. Das trug 0,7 Prozentpunkte zur Inflationsrate bei. Die zweimalige Erhöhung der Tabaksteuer, die nicht alle Haushalte trifft, erbrachte 0,3 Prozentpunkte Inflationsbeitrag. Mehr als die Hälfte der Teuerung war damit politisch verursacht. Die Bundesregierung hat so die Steuersenkungen zum Jahresbeginn konterkariert und sich die Entlastung teilweise zurückgeholt. Dagegen erscheint der Preisschub durch gestiegene Heizöl- und Kraftstoffpreise als Folge der höheren Rohölpreise aus Verbrauchersicht fast vernachlässigbar: Gerade mal ein Achtel der Preissteigerung läßt sich damit begründen.
Konjunktureller Preisdruck gering
Der politische Einfluß auf die Teuerungsrate im vergangenen Jahr weist zugleich darauf hin, daß der binnenwirtschaftliche Preisdruck in Deutschland gering blieb. Obwohl das Wirtschaftswachstum mit 1,7 Prozent erstmals seit Jahren deutlich höher als die inflationsneutrale Potentialwachstumsrate war, nutzten die Unternehmen ihre Kapazitäten unterdurchschnittlich aus. Die Binnennachfrage blieb schwach, so daß die Unternehmen trotz der höheren Energie- und Rohstoffpreise in der Gesamtheit kaum Preiserhöhungen durchsetzen konnten. Der Index der Erzeugerpreise gewerblicher Produkte im Inlandsabsatz stieg um 1,6 Prozent und blieb nahezu unverändert gegenüber der Steigerung im Vorjahr.
Auch die Preissetzungskraft auf den Weltmärkten blieb - vor allem als Folge des aufwertenden Euro - noch gering. Die Ausfuhrpreise legten nur um 0,5 Prozent zu. Der Jahresdurchschnitt der Erzeuger- und Ausfuhrpreise verdeckt indes den unterjährigen Aufwärtstrend: Im Dezember stiegen die Erzeugerpreise um 2,9 Prozent und die Ausfuhrpreise immerhin um 1 Prozent.
Verhaltener Preisdruck im Euro-Raum
Auch im Euro-Raum hat sich im Jahresverlauf ein gewisser Preisdruck aufgebaut. Die Erzeugerpreise, die im Januar um 0,2 Prozent zulegten, stiegen im November um 3,6 Prozent. Dezemberwerte liegen noch nicht vor. Höhere Energie- und Rohstoffpreise auf der Stufe der Vorleistungsgüter haben diese Beschleunigung maßgeblich verursacht, doch zeigten sich im Jahresverlauf auch bei den Investitions- und bei den Konsumgütern Preisanstiege. Noch hat sich dieser - im historischen Vergleich verhaltene - Preisdruck nicht bis zur Verbraucherebene vorgearbeitet. Doch erhöhte sich die harmonisierte Inflationsrate im Euro-Raum (HVPI) von 1,9 Prozent im Januar auf 2,4 Prozent im Dezember. Wie in Deutschland gründet ein Großteil dieser Beschleunigung in den gestiegenen Energiepreisen und in den politisch administrierten Preiserhöhungen. Die Kernrate der Inflation, in der die besonders schwankungsanfälligen Energie- und Nahrungsmittelpreise nicht berücksichtigt sind, verharrte im Jahresverlauf um 2 Prozent.
In den kommenden Monaten werden statistische Basiseffekte die Preisentwicklung im Euro-Raum und in Deutschland absehbar dämpfen. Die vorjährigen Ölpreissteigerungen, die höheren Gesundheitspreise und die Tabaksteuererhöhungen werden aus der monatlichen Inflationsrate gegenüber dem Vorjahr herausfallen. Nach Berechnungen der Europäischen Zentralbank (EZB) dürften allein Gesundheits- und Tabakpreiseffekte die Inflationsrate um 0,3 Prozentpunkte senken. Darin gründet ein Teil der Erwartung, daß die Euro-Inflationsrate im Jahresverlauf wieder unter 2 Prozent fallen werde. Die EZB rechnet derzeit mit einer durchschnittlichen Inflationsrate 2005 von 1,5 bis 2,5 Prozent.
Löcher in den öffentlichen Kassen
Den absehbar dämpfenden Effekten steht indes das Risiko entgegen, daß die Regierungen im Euro-Raum abermals indirekte Verbrauchsteuern oder politisch bestimmte Preise erhöhen. Zudem wird der Druck auf die öffentlichen Kassen nicht kleiner werden. Unsicherheit besteht ferner über die Entwicklung des Ölpreises und mögliche Reaktionen der Tarifpartner. Freilich dürfte der schwache Arbeitsmarkt den Gewerkschaften auch in diesem Jahr kaum Verhandlungsmacht zu deutlichen Lohnerhöhungen lassen.
Die Wachstumserwartungen für den Euro-Raum weisen für dieses Jahr und vor allem für das kommende Jahr auf eine leichte Beschleunigung, vor allem aber auf eine Verbreiterung des Aufschwungs hin. Wird dieses Szenario der EZB ernst genommen, sollte sich weiterer Preisdruck aufbauen, der von der reichlich verfügbaren Liquidität im Euro-Raum begünstigt wird.
Geldmenge und Kredite wachsen
Die Geldmenge ist seit dem Frühjahr 2004 beschleunigt gewachsen. Der Grund dafür ist nicht mehr die Flucht der Anleger in kurzfristige Wertpapiere, die zuvor die Geldmenge aufblähten. Die EZB hat im Monatsbericht Januar diese Portfolioumschichtungen aus der Geldmengenentwicklung herausgerechnet und zeigt, daß die solchermaßen bereinigte Geldmenge eben seit Frühjahr 2004 schneller wächst als die offizielle Geldmenge. So unsicher diese Berechnungen sind, zeigen sie doch, daß das niedrige Zinsniveau und die zunehmende Kreditaufnahme der Verbraucher und Unternehmen das Geldmengenwachstum treiben.
Das deutet zum einen darauf hin, daß die wirtschaftliche Erholung der Binnenwirtschaft im Euro-Raum tatsächlich Boden gewinnt. Zum anderen aber belegt diese Entwicklung, daß das Geldmengenwachstum Preisrisiken birgt. Der nächste Zinsschritt der EZB mag auf sich warten lassen, aber nichts deutet derzeit darauf hin, daß er nach unten geht.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2468 | −0,16% |
| Rohöl Brent Crude | 106,36 $ | −0,46% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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