07.10.2009 · Absatzschwierigkeiten und geringe Kapazitätsauslastung lassen den Unternehmen kaum Spielraum für Preiserhöhungen. Zudem ist nicht mit hohem Lohndruck zu rechnen, der die Produktionskosten hochtreibt. Doch es bleiben Risiken: der vierteljährliche Preisbericht der F.A.Z.
Von Philip PlickertDie Inflationsrate ist zur Jahresmitte unter die Nulllinie gefallen; im September betrug die Jahresrate nach vorläufigen Daten minus 0,3 Prozent. Und dennoch gibt es in der Bevölkerung in Deutschland eine verbreitete Sorge, dass die enormen Summen an Liquidität, die zur Krisenbewältigung in die Märkte gegeben wurden, längerfristig die Inflation stark hochtreiben werden. Zeitschriften verkaufen Titelgeschichten zum Thema "Wie schützen Sie sich vor Inflation?" in einer Zeit, in der die Teuerung zum Stillstand gekommen ist.
Die Jahresrate von minus 0,3 Prozent im September bedeutet, dass die Lebenshaltungskosten eines durchschnittlichen Haushalts etwas niedriger waren als zwölf Monate zuvor. Hauptgrund dafür ist der schwankende Ölpreis. Zur Jahresmitte 2008 kostete das Barrel Öl (159 Liter) noch bis zu 90 Euro. Bis zum Jahresende 2008 stürzte der Preis dann auf gut 30 Euro ab, bevor er zum Sommer 2009 wieder auf rund 50 Euro kletterte. Entsprechend haben sich Benzin, Diesel und Heizöl in der zweiten Jahreshälfte 2008 verbilligt; auch einige Nahrungsmittel sind günstiger geworden. Dieses Auf und Ab hat die gesamte Preisstatistik kräftig verzerrt: Dass die Inflationsrate im Sommer 2009 unter die Nulllinie gerutscht ist, lag auch daran, dass sie im Vergleichszeitraum - zwölf Monate zuvor - so hoch gewesen war. In den kommenden Monaten wird dieser sogenannte Basiseffekt aber aus der Statistik herausfallen, so dass die Inflationsrate in drei bis vier Monaten deutlich in Richtung 1 Prozent steigen dürfte.
Eine andere Entwicklung ist für die sogenannte Kernrate der Inflation zu erwarten. Darunter verstehen Volkswirte die Teuerung des Warenkorbs ohne importierte Energieprodukte und Nahrungsmittel, deren Preise besonders schwanken. Die Kernrate, die ein besseres Bild vom heimischen Preisdruck zeichnet, lag auch in den vergangenen Monaten stets deutlich im positiven Bereich. Im Euro-Raum hat sie sich seit Jahresanfang in einem langsamen Sinkflug von rund 2 Prozent auf zuletzt 1,2 Prozent bewegt. Die Kerninflation wird wohl über das ganze kommende Jahr bei knapp 1 Prozent liegen, schätzt die Commerzbank. Eine niedrigere Prognose macht die Bank Unicredit. Demnach könnte die Kerninflation bis Ende 2010 fallen und erst knapp über null Prozent einen Boden finden.
Nur wenige Volkswirte erwarten Deflation
In dieser Entwicklung spiegeln sich auch die Spätfolgen der Rezession wider: Wegen ihrer Absatzschwierigkeiten und geringen Kapazitätsauslastung haben die Unternehmen nur geringen Spielraum für Preiserhöhungen. Zudem ist angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit nicht mit hohem Lohndruck zu rechnen, der die Produktionskosten hochtreibt. Eine deflationäre Abwärtsspirale erwarten in Europa jedoch nur wenige Volkswirte. Von den Industrieländern hat allein Japan derzeit wieder eine Deflation, also ein auf breiteter Front um 2,4 Prozent sinkendes Preisniveau. In den Vereinigten Staaten fiel die Rate innerhalb eines Jahres von plus 5,6 Prozent im Juli 2008 auf minus 2,1 Prozent. Dieses 50-Jahres-Tief war vor allem dem Basiseffekt des Ölpreises geschuldet. Bis zum Jahresende werde die Teuerung in Amerika wieder auf 2 Prozent schnellen, erwarten die Analysten der Bank Unicredit.
Kurzfristig ist der Preisdruck von Faktoren wie der Auslastung der Kapazitäten oder der Güternachfrage bestimmt. Längerfristig hingegen hat die Entwicklung der Geldmenge einen entscheidenden Einfluss auf die Inflation. In der Rezession ist die breit definierte Geldmenge M 3 im Euro-Raum langsamer gewachsen. Zuletzt betrug der Anstieg gegenüber dem Vorjahr nur noch 2,5 Prozent. Allerdings nimmt die engere Geldmenge M 1, die vor allem Bargeld und Sichteinlagen umfasst, wieder schneller zu. Das ist auch als Reflex auf die sich abzeichnende Konjunkturerholung zu verstehen.
Hunderte Milliarden Euro zusätzliche Liquidität
Drastisch ausgeweitet haben die Notenbanken in der Finanzkrise die sogenannte Geldbasis. Die angeschlagenen Banken haben Hunderte Milliarden Euro zusätzliche Liquidität erhalten, verleihen diese jedoch kaum weiter, sondern horten sie oder legen sie auf den Aktien- und Rentenmärkten an. Einige Beobachter sehen dort schon eine neue Preisblase entstehen. Bislang hat die enorme Ausweitung der Geldbasis nicht zu mehr Krediten und zu einen Anstieg der inflationsrelevanten Geldmenge M 3 geführt. Der Geldschöpfungsmultiplikator liegt derzeit nahe null.
Die meisten Bankvolkswirte glauben den Beteuerungen der Geldpolitiker, dass sie die Liquiditätsfluten rechtzeitig wieder einsammeln werden, sobald sich Anzeichen für eine höhere Inflation zeigen. Wie die Europäische Zentralbank stets betont, sind die Inflationserwartungen bislang aber noch stabil. Das zeigt sich an den Märkten daran, dass inflationsindexierte Anleihen, sogenannte Linker, nur einen geringen Aufschlag erzielen. Wegen der schleppenden Erholung der Konjunktur rechnen viele Beobachter nicht mit einer schnellen geldpolitischen Wende, also einem Anheben der Leitzinsen und einem Absaugen der Überschussliquidität.
Allerdings birgt das auch Risiken. In einer aktuellen Studie vertritt die Commerzbank die Ansicht, dass die Zentralbanken die Produktionslücke, an der sie den kurzfristigen Preisdruck festmachen, überschätzen könnten. Als Produktionslücke bezeichnen Ökonomen den Abstand zwischen der möglichen und der tatsächlich erbrachten Leistung einer Volkswirtschaft. Die Krise habe vom Produktionspotential und den Kapazitäten der Volkswirtschaften mehr vernichtet als gedacht, schreibt die Bank. Bis Ende 2010 gebe es wegen der Spätfolgen der Rezession keine Inflationsgefahren. Die Notenbanken dürften aber nicht wie in den siebziger Jahren den Fehler machen, die Geldpolitik zu spät zu straffen. Wegen dieses Risikos prognostiziert der Chefvolkswirt der Commerzbank für die kommenden zehn Jahre eine durchschnittliche Inflationsrate von 3 bis 4 Prozent, deutlich über dem EZB-Ziel von unter 2 Prozent.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2468 | −0,16% |
| Rohöl Brent Crude | 106,36 $ | −0,46% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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