25.04.2005 · Die Preisentwicklung wird seit Monaten durch den Ölpreis bestimmt. Hausgemachter Inflationsdruck ist nach Meinung der EZB nicht zu erkennen. Der vierteljährliche Preisbericht der F.A.Z.
Die Preisentwicklung in Deutschland und im Euro-Raum wird seit Monaten durch den Ölpreis bestimmt. Hausgemachter Inflationsdruck aus einer binnenwirtschaftlichen Stärke heraus ist nach Einschätzung der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht zu erkennen.
Im März lag die jährliche Inflationsrate im Euro-Raum wie im Vormonat bei 2,1 Prozent. Ohne Energie gerechnet, betrug die Inflationsrate 1,6 Prozent. Das gleiche Bild zeigt sich in Deutschland: Der europäisch harmonisierte Preisindex lag im März bei 1,7 Prozent und ohne Energie bei 1,1 Prozent. Der seit Januar deutlich angezogene Ölpreis fordert seinen Tribut. Im März stiegen die Energiepreise im Euro-Raum um 8,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Niedrige Kerninflation
Ein zweiter Sonderfaktor brachte zuletzt Bewegung in die Preisverhältnisse. Bedingt durch das außergewöhnlich kalte Wetter in einigen Euro-Staaten, stiegen die Preise für unverarbeitete Lebensmittel im Februar und im März deutlich. In Deutschland ließ dies die Nahrungsmittelpreise zum ersten Mal seit zwölf Monaten steigen. Die Preise für unverarbeitete Lebensmittel schwanken - wie der Ölpreis - in der Regel recht stark.
Um den Preistrend zu erkennen, betrachtet die EZB deshalb auch die Inflationsrate ohne die Preise für Energie und ohne die Preise für unverarbeitete Nahrungsmittel. Diese gelegentlich als "Kerninflationsrate" bezeichnete Teuerungsrate lag im ersten Quartal knapp über 1,5 Prozent. Seit Jahresmitte 2004 ist sie im Trend gefallen und liegt nun so niedrig wie zuletzt vor vier Jahren.
Trügerische Stille?
In diesen Daten gründet die Ruhe an der Preisfront. Volkswirte rätseln, ob es eine trügerische Stille ist. In den Prognosen der künftigen Preisentwicklung steht an vorderster Stelle die Frage, ob und wie schnell die hohen Öl- und Rohstoffpreise sich als Kosten durch die Preisketten in der gewerblichen Wirtschaft voranarbeiten und von einer Verarbeitungsstufe zur nächsten und zum Verbraucher weitergereicht werden.
Preiskette durch die Wirtschaft
Sehr gut läßt sich diese Kette in Deutschland nachverfolgen. Die Einfuhrpreise, in denen sich die höheren Öl- und Rohstoffpreise direkt niederschlagen, legten im Februar um 3,7 Prozent zu. 3 Prozentpunkte gehen auf höhere Energiepreise zurück. Der vergleichsweise stabile Euro-Kurs dient schon seit langem nicht mehr als Puffer. Schnell bemerkbar machen sich höhere Einfuhrpreise in den Erzeugerpreisen der Industrie für Vorleistungsgüter im Inlandsabsatz. Die Bundesbank berichtet über einen Anstieg um 6 Prozent im Februar.
In den allgemeinen Abgabepreisen der Industrie zeigt sich der Preisdruck kaum verhaltener. Um 4,2 Prozent stiegen die Erzeugerpreise zu Jahresbeginn, so stark wie zuletzt zur Jahresmitte 2001. Bei den Verbrauchern ist davon indes noch nicht viel angekommen. Sie spüren den höheren Ölpreis direkt und drastisch an der Tankstelle und beim Füllen ihrer Heizöltanks. Doch die Verteuerung der Konsumgüter auf der Erzeugerstufe hält sich in einem "deutlich engeren Rahmen", wie die Bundesbank im jüngsten Monatsbericht schreibt. Dies gilt auch für die Preise von Investitionsgütern.
EZB: Begrenzter Preisdruck
Im Euro-Raum gibt es bislang wenig Zeichen, daß die Energiepreisteuerung sich rasant durch die Preiskette vorarbeitet. Die Preise für Konsumgüter kriechen auf der Erzeugerstufe seit langem nach oben und legten im Februar um 1,3 Prozent zu. Die EZB sieht dies entspannt. Der Druck steigender Erzeuger- auf die Verbraucherpreise sei bisher "sehr begrenzt", heißt es im Monatsbericht für April - wenngleich Umfragen unter Unternehmen darauf hinwiesen, daß ein Teil der höheren Einkaufspreise weitergereicht wird. Doch ist die konjunkturelle Lage nicht so gut, daß größerer Spielraum für Preisaufschläge besteht.
Auf der Verbraucherstufe ließ die Teuerung für gewerbliche Waren der Industrie im ersten Quartal sogar spürbar nach. Diese Komponente trägt knapp ein Drittel zum gesamten Verbraucherpreisindex bei und erklärt einen Teil der jüngsten Abflachung der Kerninflation. Die EZB ist noch unschlüssig, ob sie hierin eine dauerhafte Abschwächung sehen soll. Die Preise für Dienstleistungen hingegen steigen weiterhin stark. Die im ersten Quartal übliche Abschwächung aufgrund billigerer Pauschalreisen ist in der allgemeinen Teuerungsrate für Dienste nicht zu erkennen.
Risiko Überschußliquidität
Alles in allem ist als Folge der eingetrübten Konjunkturaussichten kein binnenwirtschaftlicher Preisdruck zu erkennen. Dies könnte sich schnell ändern, falls Gewerkschaften die höheren Ölpreise zum Anlaß nähmen, höhere Lohnsteigerungen durchzusetzen. Dagegen spricht die geringe Macht der Arbeitnehmervertreter, nicht zwingend eine höhere Einsicht.
So bleibt als größtes Inflationsrisiko aus Sicht der Geldpolitik, daß die Geldmenge im Euro-Raum bis zuletzt kräftig wuchs und der Pegel der monetären Überschußliquidität im Euro-Raum steigt. Auch die Kredite an private Haushalte und Unternehmen sind stark gestiegen; der Aufwärtstrend ist stabil. Die historisch niedrigen Zinsen zeigen zunehmend ihre Wirkung.
Inflations- und Blasensorgen
Die EZB präsentierte im Monatsbericht für März verschiedenste Preisprognosen, die auf der Geldmengen- und Kreditentwicklung basieren. Alle zeigten an, daß die Inflationsrate im Euro-Raum bis Jahresmitte 2006 über 2 Prozent liegen wird - oberhalb der Preisstabilitätsnorm der Zentralbank. Die Vorhersagen dieser simplen Modelle sind nicht eins zu eins in die Geldpolitik zu übersetzen. Doch läßt die Veröffentlichung keinen Zweifel daran, daß die Geldmengenentwicklung der EZB auch hinsichtlich der künftigen Inflation Sorge bereitet und nicht nur wegen der Gefahr von Preisblasen an den Häusermärkten. Die EZB schätzt den Preisanstieg für Wohneigentum im Euro-Raum 2004 auf 7,2 Prozent. Im Schnitt der vergangenen vier Jahre stiegen die Hauspreise um 6,8 Prozent - deutlich schneller als die 3,6 Prozent in den Jahren zuvor.
Die monetäre Säule der geldpolitischen Strategie der EZB weist so auf notwendige Zinserhöhungen hin, die realwirtschaftliche Säule nicht. Der scheinbare Widerspruch ist Beleg für eine komplexe Wirklichkeit. Die Notenbank nimmt beide Säulen ernst. Manche Bankvolkswirte meinen, sie nähme die monetäre Säule derzeit nicht ernst genug. Die meisten Beobachter erwarten, daß die Zentralbank mit Zinserhöhungen beginnt, wenn erste Signale aus der konjunkturellen Sphäre auf einen Preisschub hinweisen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2468 | −0,16% |
| Rohöl Brent Crude | 106,36 $ | −0,46% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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