30.01.2007 · In sieben von acht Jahren stiegen die Preise schneller, als es die EZB eigentlich versprochen hatte. Für dieses und das kommende Jahr erwarten Bankvolkswirte eine Inflationsrate von um 2 Prozent. Doch bestehen nach Sicht der Notenbank deutliche Inflationsrisiken.
Von Patrick WelterMit einer Inflationsrate von 2,2 Prozent im vergangenen Jahr hat sich die Bilanz der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht verbessert. Seit die EZB 1999 das Steuer der Geldpolitik im Euro-Raum übernommen hat, lag die Inflationsrate meistens über, aber nahe 2 Prozent. Dies verfehlt das Ziel, das die Notenbanker selbst als Preisniveaustabilität definiert haben: eine Inflationsrate auf mittlere Frist von unter, aber nahe 2 Prozent. Die im Jahresvergleich stets knappe Verfehlung der Preisniveaustabilität erklärt sich zum Teil durch einen rasant gestiegenen Ölpreis und durch andere, auch staatlich bestimmte Preiserhöhungen. Doch bleibt ein Makel: In sieben von acht Jahren stiegen die Preise schneller, als es die EZB der Bevölkerung eigentlich versprochen hatte. Für dieses und das kommende Jahr erwarten Bankvolkswirte mehrheitlich eine Inflationsrate von um 2 Prozent. Doch bestehen nach Sicht der Notenbank deutliche Inflationsrisiken.
Wie so oft in den ersten Jahren des Euro war die Inflationsentwicklung im vergangenen Jahr vor allem durch teureres Öl bestimmt. In Euro gerechnet, stieg der Ölpreis zwar weniger stark als die 43 Prozent im Jahr 2005, aber immer noch um kräftige 18 Prozent. Das Ölpreisplus trieb die allgemeine Inflationsrate deutlich in die Höhe; der binnenländische Preisdruck aber blieb verhalten. Die Kernrate der Inflation, aus der die besonders stark schwankenden Preise für Öl und unverarbeitete Nahrungsmittel herausgerechnet sind, verharrt seit der Jahresmitte bei 1,5 bis 1,6 Prozent. Weil der Ölpreis nach den Rekordständen im Herbst zuletzt deutlich auf 46 Euro je Barrel (rund 159 Liter) abgerutscht ist, sank auch die allgemeine Inflationsrate spürbar und lag im Dezember bei 1,9 Prozent. Ob der Ölpreis aber niedrig bleibt, ist unsicher.
Berg- und Talfahrt des Ölpreises
Die Berg-und-Tal-Fahrt des Ölpreises im vergangenen Jahr wird die Inflationsentwicklung in diesem Jahr spürbar beeinflussen. Der Grund sind statistische Basiseffekte. Im ersten Halbjahr 2007 wird der rasante Ölpreisanstieg 2006 aus der jährlichen Inflationsrate herausfallen. Nach Berechnungen der EZB dürfte dies für sich genommen die Inflationsrate im Schnitt um 0,4 Prozentpunkte drücken - ohne dass dies per se einen niedrigen Preisdruck anzeigt. Im zweiten Halbjahr dagegen wird der gegenteilige Effekt eintreten: Der Ölpreisverfall in den späteren Monaten des Jahres 2006 wird sich dann, zwölf Monate später, in einer höheren gemessenen Inflationsrate niederschlagen. Die EZB schätzt, dass diese Spätfolgen für sich genommen die Inflationsrate von August bis November 2007 um 0,5 Prozentpunkte höher ausfallen lassen werden.
Rätselraten über Mehrwertsteuereffekt
Diesen absehbaren statistischen Effekten, die im Jahresverlauf dennoch für Verwirrung sorgen könnten, stehen zwei große Unbekannte der Inflationsentwicklung gegenüber: die Folgen der Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland zum Jahresbeginn und die Lohnrunden vor allem in Deutschland. Allgemein wird erwartet, dass die Händler die Erhöhung des allgemeinen Mehrwertsteuersatzes von 16 auf 19 Prozent zu vielleicht zwei Dritteln auf die Preise aufschlagen werden. Dies könnte die deutsche Inflationsrate in diesem Jahr deutlich um bis zu einen Prozentpunkt nach oben schnellen lassen; im Euro-Raum kämen davon rund 0,3 Prozentpunkte an.
Freilich ist angesichts zuletzt kaum steigender Einkommen unklar, inwieweit die Unternehmen und der Handel Preiserhöhungen durchsetzen können. Die deutschen Verbraucher jedenfalls sind diesbezüglich sicher; nach den Umfragen der Europäischen Kommission stiegen ihre Inflationserwartungen in den vergangenen Monaten rasant. Die Einzelergebnisse aus der Preisstatistik bis Dezember deuten zudem darauf hin, dass es bei manchen Gütern schon zu vorgezogenen Preiserhöhungen gekommen ist. Damit könnte der für Januar erwartete Inflationsschub in Deutschland und im Euro-Raum geringer ausfallen.
Risiko Lohnrunden
Mit Argusaugen beobachten die Notenbanker ferner die anstehenden Lohnrunden. Bis zum dritten Quartal 2006, neuere Daten liegen noch nicht vor, war der lohnbedingte Preisdruck im Euro-Raum verhalten. Kräftige Lohnerhöhungen in wichtigen deutschen Branchen wie Metall und Elektro oder Chemie könnten indes angesichts der ordentlichen Wachstumsaussichten eine Lawine nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Euro-Staaten in Gang setzen. Ein Teil davon würde wohl durch eine prognostiziert bessere Produktivitätsentwicklung aufgefangen, so dass der Kostendruck für die Unternehmen nur bedingt stiege. Doch bleiben die Lohnabschlüsse die größte Gefahr für die weitere Inflationsentwicklung.
Dies gilt umso mehr, weil andere Indikatoren einen steigenden inländischen Preisdruck anzeigen. Seit 2005 kriechen die Preise von Konsum- und Investitionsgütern auf der Unternehmensebene stetig nach oben; die Preise für Vorleistungsgüter steigen derzeit sogar angesichts der gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise um mehr als 6 Prozent. Wenn es auch bei den Konsumgütern und bei den Vorleistungsgütern zuletzt eine gewisse Abschwächung gab, arbeiten sich die höheren Kosten doch durch die Preiskette vor. Trotz einer leichten Mäßigung sehen die Unternehmen nach Umfragen weiterhin Spielraum für höhere Absatzpreise.
Geldmenge wächst beschleunigt
Zu alledem kommt hinzu, dass die zuletzt mit Rekordtempo gestiegene Geldmenge ungebrochen mittelfristigen Inflationsdruck anzeigt. Zwar wirft die jüngste Beschleunigung des Zuwachses der Geldmenge M3 Fragen auf. Die EZB selbst deutete im jüngsten Monatsbericht an, dass der starke Zuwachs der kurzfristigen Schuldverschreibungen, einer Teilgröße von M3, nicht nur dem konjunkturellen Aufschwung, sondern womöglich auch strukturellen Reformen an den Finanzmärkten einzelner Euro-Staaten geschuldet sei. Dies ließe den Geldmengenzuwachs am aktuellen Rand in etwas günstigerem Licht erscheinen. Auch scheint die jüngste Beschleunigung von M3 weitgehend durch Geld getrieben zu sein, das als Folge vergleichsweise höherer Zinsen aus dem Ausland in den Euro-Raum hereinströmt. Insoweit zeigt die jüngste Expansion der Geldmenge nicht zwingend eine zu lockere Geldpolitik an.
Freilich ist der Liquiditätsaufbau, der sich seit Monaten im raschen M3-Wachstum widerspiegelt, auch ohne diese Sondereffekte groß genug, um Inflationsdruck und weitere Zinserhöhungen der EZB zu erwarten. An den Märkten setzt sich zunehmend die Meinung durch, dass die Zentralbank über den angekündigten Schritt im März hinaus im Sommer den Leitzins auf 4 Prozent anheben wird.
billiger US$ -> billiges Öl -> weniger Teuerung?
Sophia Orti (rum)
- 01.02.2007, 14:15 Uhr
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