20.04.2006 · Seit gut zwei Jahren bestimmt der Ölpreis die Inflationsentwicklung in Deutschland und im Euro-Raum, ohne daß es bislang zu größerem Preisdruck gekommen ist. Der vierteljährliche Preisbericht der F.A.Z.
Von Patrick WelterSeit gut zwei Jahren bestimmt der Ölpreis die Inflationsentwicklung in Deutschland. Im März kostete Heizöl 63 Prozent mehr als vor zwei Jahren. Für Diesel sind 27 Prozent mehr zu berappen, für Benzin 15 Prozent. Im Gefolge des Ölpreises stiegen auch die Preise anderer Energieträger. Gas kostete den Privathaushalt im März 28 Prozent mehr als vor zwei Jahren, Strom immerhin 8 Prozent.
Der Energiepreisanstieg dominiert auch den Anstieg der allgemeinen Verbraucherpreise. Die jährliche Inflationsrate ist im März zwar gesunken, erreichte aber immer noch 1,8 Prozent. Sie läge bei nur 0,8 Prozent, gäbe es nicht die Preissteigerungen für Kraftstoffe und Haushaltsenergie. Mit den abermaligen Hochständen des Rohölpreises an den Terminmärkten und der Kraftstoffpreise an den Tanksäulen ist zu erwarten, daß die Teuerungsrate im April steigen wird.
Anzeichen für sekundären Inflationsdruck
Trotz dieser erheblichen Auswirkungen des teureren Öls auf die Verbraucherpreise ist die Inflationsentwicklung in den vergangenen zwei Jahren noch vergleichsweise glimpflich verlaufen. Bislang haben die deutschen Verbraucher eigentlich nur die direkten Folgen der steigenden Energiepreise zu spüren bekommen. Zwar wurden hier und da einzelne Produkte wie Flugreisen ölpreisbedingt teurer.
In zweierlei Hinsicht aber sind die Spätfolgen des Ölpreisschocks bislang ausgeblieben: Weder haben die Unternehmen die höheren Energiekosten in großem Stil auf die Verbraucher überwälzen können, noch haben die Gewerkschaften Lohnerhöhungen zum Ausgleich der steigenden Lebenshaltungskosten durchsetzen können. Das gilt auch für den Euro-Raum. Die deutsche und die europäische Wirtschaft haben den Einkommenstransfer an die ölexportierenden Länder erduldet, ohne daß es zu Verwerfungen gekommen ist. Doch mehrten sich die Hinweise, daß es mit dieser Ruhe bald vorbei sein könnte und daß sich sekundärer Inflationsdruck aufbaut.
Preisrisiko Gewerkschaften
Das gilt zum Beispiel für die Tarifverhandlungen in Deutschland. Die IG Metall spricht in den Verhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie von einem Ausgleich der Inflationsrate von 2 Prozent und meint damit einen "normalen" Teuerungsausgleich, der die Energiepreissteigerung nicht einschließe. Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre lag die Teuerungsrate freilich nur bei 1,5 Prozent. Bewußt oder unbewußt fordert die IG Metall einen Ausgleich der jüngsten Energiepreisverteuerung. Das birgt die Gefahr, daß Zweitrundeneffekte sich breitmachen: Lohnerhöhungen zur Korrektur des ölpreisbedingten Realeinkommensverlusts, die die Nachfrage ungebührlich stark befördern und Preisdruck erzeugen würden. Inwieweit die IG Metall und andere Gewerkschaften sich durchsetzen werden, ist indes noch offen.
In anderen Euro-Staaten aber steigen die Löhne kräftig. In Italien liegt die Einigung in der Metallindustrie bei rund 6 Prozent; in Griechenland gibt es im Lauf von zwei Jahren 10,9 Prozent mehr. Die Europäische Zentralbank (EZB) warnt vor möglichen Zweitrundeneffekten, sieht aber noch keine hinreichenden Indizien dafür.
Preisrisiko Unternehmen
Erste Anzeichen aber gibt es inzwischen dafür, daß die Ölpreis- und Rohstoffpreissteigerungen sich über die direkten Effekte hinaus allmählich durch die Preiskette bis zu den Verbrauchern vorarbeiten. Die Erzeugerpreise der Industrie im Inlandsabsatz stiegen im ersten Quartal in Deutschland und im Euro-Raum mit deutlich über 5 Prozent. Dies ist eine direkte Folge der höheren Energie- und Rohstoffpreise. Als Folge davon hat in den Wintermonaten der bislang abwärts gerichtete Preistrend für Vorprodukte oder Vorleistungsgüter gedreht, und er weist nun zögerlich nach oben. Auf den nachgelagerten Produktionsstufen ist von Preiserhöhungen bislang zwar gerade in Deutschland noch nichts zu sehen. Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß es dazu kommen wird.
Die von der Royal Bank of Scotland veröffentlichten Umfragen unter Einkaufsmanagern zeigen für Deutschland und den Euro-Raum, daß die Unternehmen allmählich beginnen, ihre Verkaufspreise anzuheben. Zum dritten Mal nacheinander stieg der Verkaufspreisindex in der Industrieumfrage, und der entsprechende Dienstleistungsindex stieg so stark wie seit 2002 nicht mehr. Diese Preissteigerungen dürften sich erst recht fortsetzen und ausbreiten, wenn der Ölpreis - wie vom Internationalen Währungsfonds (IWF) prognostiziert - weiter hoch bleibt und wenn die konjunkturelle Erholung im Euro-Raum und in Deutschland sich tatsächlich verbreitert.
Offensichtlich hat der Ölpreisanstieg begonnen, seine Kreise zu ziehen. Vor diesem Hintergrund hat EZB-Präsident Jean-Claude Trichet angekündigt, daß die Bank eine Normalisierung des niedrigen Zinssatzes anstrebt. Er hat eine Zinserhöhung aber erst mal auf Juni verschoben. Eine Notenbank muß weit vorausschauend handeln, will sie Inflationsrisiken im Keim ersticken - auch wenn die aktuellen Teuerungsraten sogar leicht zurückgehen.
Preisrisiko Liquidität
Die Preisrisiken resultieren derzeit auch aus weiteren Faktoren: Das rasante und parallele Wachstum der Geldmenge und der Kredite zeigt, daß in der europäischen Wirtschaft eine Erholung im Gange ist und daß eine steigende Teuerung droht. Die EZB berichtet, daß das Geldmengenwachstum vor allem durch die besonders liquiden Komponenten Bargeld und täglich fällige Einlagen getrieben wird. Diese Komponenten der Geldmenge stecken im Portemonnaie oder sind jederzeit abrufbar. Sie können auf der Stelle für Käufe genutzt werden, was die Inflation antriebe. Der wichtigste Grund für das Wachstum dieser Geldbestandteile ist nach Analyse der EZB der niedrige Zinssatz.
Warnend weist zudem der IWF darauf hin, daß der verstärkte internationale Handel und Wettbewerb zwar die globale Inflation grundsätzlich dämpfe. Dieser Effekt zeige sich aber deutlich nur in Zeiten schwachen Wachstums. Derzeit führe die rasche wirtschaftliche Expansion der Weltwirtschaft zu höheren Preisen für Öl und Rohstoffe, so daß importierter Inflationsdruck drohe. In den Wintermonaten stiegen die Importpreise in Deutschland beschleunigt um deutlich über 6 Prozent.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2468 | −0,16% |
| Rohöl Brent Crude | 106,36 $ | −0,46% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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