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F.A.Z.-Konjunkturbericht Wirtschaft im Euro-Raum ist robuster als deutsche Ökonomie

 ·  Die Deutschen haben es in der Europäischen Währungsunion schwer. Die Wirtschaft hierzulande hängt mehr vom Export und damit von der Verfassung vor allem der Vereinigten Staaten ab, als der Euro-Raum.

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Die Deutschen haben es in der Europäischen Währungsunion schwer. Die Untergangsstimmung, die angesichts des schwachen Wachstums hierzulande weit verbreitet ist, steht in deutlichem Widerspruch zu dem gemäßigten Optimismus, der sich bei Betrachtung der Wirtschaft im gesamten Euro-Raum ausbreitet. Deutschland ist zwar mit rund einem Drittel der Wirtschaftsleistung der wichtigste Teil im Euro-Raum und scheint doch nicht dazuzugehören.

Die Gründe offenbart ein Blick in die Statistik. Seit dem Boom im Jahr 2000 ist die deutsche Wirtschaft im Durchschnitt der vierteljährlichen Wachstumsraten nur um 0,1 Prozent gewachsen, die Wirtschaft im gesamten Euro-Raum dagegen um 0,3 Prozent. Zwei Faktoren sind dafür entscheidend: Der private Konsum der Deutschen legte seit Sommer 2000 schwächer zu als in den Jahren zuvor und schwächer als derjenige aller Euro-Europäer. Wichtiger aber noch ist, daß die Investitionen in Deutschland einbrachen: Bis zum Sommer 2000 wuchsen sie im langjährigen Durchschnitt der vierteljährlichen Zuwachsraten nur unwesentlich langsamer als die Euro-Investitionen. Danach aber ging es steil bergab ins Minus und vor allem deutlich steiler als im Euro-Raum. Hier liegen die Ursachen für die hiesige Wachstumsschwäche. Deutschland ist als Investitionsstandort unattraktiv geworden; die Gründe darf man auf dem Arbeitsmarkt, in der Steuer- und Abgabenlast und in der Regulierung suchen.

Trotz allem: Das erste Quartal war gut, sogar sehr gut

Ein ähnliches Muster zeigte sich im ersten Quartal dieses Jahres, für das Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) vorliegen. Der Konsum in Deutschland stagnierte, im Euro-Raum konsumierten die Verbraucher dagegen - real und saisonbereinigt gerechnet - satte 0,6 Prozent mehr als im Vorquartal. Und während die Bruttoanlageinvestitionen im Euro-Raum mit minus 0,1 Prozent nahezu stagnierten, fielen sie in Deutschland um 1,8 Prozent.

Die Sonne der Konjunktur lachte - niemand war glücklich

Die hiesige Wachstumsschwäche darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß das erste Vierteljahr für den Euro-Raum und auch für Deutschland ein gutes, sogar ein sehr gutes Quartal war. Mit einem realen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts um 0,6 Prozent im Euro-Raum oder aufs Jahr gerechnet um 2,4 Prozent wuchs die Euro-Wirtschaft annähernd in dem Tempo, das ihr allgemein als inflationsneutrales Potentialwachstum zugeschrieben wird. Das gleiche gilt freilich auch für die deutsche Wirtschaft: Der vierteljährliche Zuwachs um 0,4 Prozent entspricht einer annualisierten Rate von 1,6 Prozent und liegt damit schon am oberen Ende dessen, was Volkswirte als deutsches Wachstumspotential benennen. Zu Jahresbeginn lachte die Sonne der Konjunktur über Deutschland, und doch war niemand glücklich damit.

Dies liegt an den unterschiedlichen Aussichten beider Wirtschaftsräume. Die Konjunktur im Euro-Raum ist nach verbreiteter Einschätzung von Volkswirten noch nicht endgültig gefestigt, doch weisen alle verfügbaren Daten für das zweite Quartal auf eine Fortdauer und Weitung der Erholung hin. Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe wächst, und vor allem der Auftragseingang entwickelt sich gut. Umfragen bei Unternehmen zeigen unverändert eine Verbesserung der Lage an, auch wenn manche Indikatoren wie der Einkaufsmanagerindex zuletzt leicht nachgaben. Zusammen mit der expansiven Geldpolitik, den steigenden Unternehmensgewinnen und dem aufgestauten Nachholbedarf sind alle Voraussetzungen gegeben, daß die Investitionsfreude der Unternehmen dauerhaft erwacht - und nicht nur wie im Schlußquartal 2003 am Bau kurz aufflackert. Daß das Verbrauchervertrauen sich noch nicht erholt hat und der Einzelhandelsumsatz zuletzt nachgab, trübt dieses Bild nicht: Erst müssen die Investitionen anspringen - wofür es Anzeichen gibt -, bevor man vielleicht gegen Jahresende eine Erholung am Arbeitsmarkt und damit weiter steigenden Konsum erwarten darf.

Amerikanische Konjunkturabschwächung gefährdet Euro-Raum kaum

Risiken dieses maßvoll optimistischen Szenarios liegen im Ölpreis und in einer Verfestigung der Inflation, die zuletzt als Folge der Verteuerung des Ölpreises auf rund 2,5 Prozent gestiegen ist. Auch die Erzeugerpreise sind in die Höhe geschnellt und weisen auf weiteren Preisdruck hin. Ob der Ölpreis und die Rohstoffpreise angesichts der unverändert starken Weltwirtschaft hinreichend sinken, damit hier Entwarnung gegeben werden kann, ist offen. Die Inflation dämpft die verfügbaren realen Einkommen und den Konsum. Sie kann die Europäische Zentralbank zudem schneller als erwartet zu einer Zinserhöhung verleiten.

Ein Risiko freilich stellt sich für den Euro-Raum kaum, zumindest weniger stark, als es vermutet wird: Für das gerade begonnene zweite Halbjahr wird weithin eine leichte Abschwächung des Wachstums in den Vereinigten Staaten und in der Welt prognostiziert. Wird dies die Erholung im Euro-Raum beenden? Wohl kaum. Zum einen laufen von Herbst an die konjunkturdämpfenden Wirkungen der vergangenen Euro-Aufwertung aus. Zum anderen hängt die Euro-Wirtschaft zuwenig an der Ausfuhr. So leben beispielsweise Frankreich und Italien derzeit von der Binnenkonjunktur, nicht vom Export. Der weltwirtschaftliche Boom mag die Wirtschaft im Euro-Raum angestoßen haben, die wahre Kraft der Konjunktur aber kommt von innen - wie das erste Quartal gelehrt hat.

Euro-Raum: keine brillante, aber robuste Erholung

Der Volkswirt Eric Chaney von Morgan Stanley hat berechnet, daß die Ausfuhr des Euro-Raums im ersten Quartal nur um 1 Prozent gestiegen ist. Das ist zuwenig, um einen exportgestützten Aufschwung anzunehmen. In den offiziellen Zahlen der VGR spiegelt sich dieser geringe Einfluß der Ausfuhr nicht wider. Hier werden die echte Ausfuhr und der Intrahandel innerhalb des Euro-Raums vermengt; das Konjunkturbild wird verzerrt. Manches spricht deshalb dafür, daß die Binnenwirtschaft kräftiger ist als vermutet. Die Erholung im Euro-Raum ist nicht brillant, aber robust, wie Chaney zugespitzt formuliert.

Für Deutschland gilt dies nicht. Weit mehr als der Euro-Raum hängt die hiesige Wirtschaft von der Ausfuhr über die deutschen und über die Euro-Grenzen hinaus ab; allein die ausländische Nachfrage erklärt das gute erste Vierteljahr. Deutschland würde eine Abschwächung der Weltkonjunktur stärker spüren als die restlichen Euro-Staaten, ohne daß eine erstarkende Binnenwirtschaft dies auf absehbare Sicht ausgleichen könnte. So dämpft die deutsche Wachstumsschwäche die konjunkturellen Aussichten hierzulande - und der Euro-Raum muß aufpassen, daß sein größter Mitgliedstaat ihn nicht neuerlich nach unten zieht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2004, Nr. 155 / Seite 10
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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