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F.A.Z.-Konjunkturbericht Viel Raum für Überraschungen

24.03.2006 ·  In diesen Wochen müssen die harten Wirtschaftsdaten die weichen Prognosen der Konjunkturforscher erfüllen. Sonst wird es nichts mit dem Aufschwung im Euro-Raum. Der monatliche Konjunkturbericht der F.A.Z.

Von Patrick Welter
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Gebannt schauen die Konjunkturanalysten in diesen Wochen auf die Wirtschaftsdaten aus dem Euro-Raum. Das Wachstum zum Jahresschluß 2005 mit nur 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal war enttäuschend. Das wurde nahezu einhellig als Ausreißer abgetan.

Unerschrocken hielten die Beobachter an ihren Prognosen fest, nach denen die Wirtschaft in der Währungsunion in diesem Jahr mit rund 2 Prozent wachsen werde. Das wäre ein deutliches Plus gegenüber den mageren 1,4 Prozent im Jahr 2005. Nun müssen die ersten eintröpfelnden Wirtschaftsdaten dieses Jahres die Prognosen aber auch bestätigen. Die Spannung ist hoch, weil die Europäische Zentralbank angedeutet hat, daß sie den Termin einer weiteren Zinserhöhung von den Daten abhängig macht. Zwischen Mai und Juli ist für die EZB alles drin.

Eine erste Schätzung für das Wachstum im ersten Quartal werden die europäischen Statistiker Ende Mai/Anfang Juni vorlegen. Bis dahin muß den Konjunkturforschern der Blick auf die einzelnen Daten ausreichen. Diese lassen bislang nur wenig Zweifel aufkommen, daß die Erholung vorankommt. Scheinbare Schocks relativieren sich beim Blick auf die Details.

Schocks, die keine sind

Die Stimmungsindikatoren aus dem Verarbeitenden Gewerbe weisen bis März unvermindert auf einen Aufschwung hin. Der Einkaufsmanagerindex ist, wie auch der Index des Industrievertrauens, bis März gestiegen und liegt mit 54,5 Punkten im expansiven Bereich. Harte Daten wie die Stagnation der Industrieproduktion im Januar oder der im gleichen Monat drastisch um 5,9 Prozent sinkende Auftragseingang scheinen dieses Bild nicht zu bestätigen. Doch der zweite Blick auf die Daten gibt Anlaß zur Entwarnung: Die gesamte Industrieproduktion war so schwach, weil die stark schwankende Energieerzeugung im Januar einbrach. Im Verarbeitenden Gewerbe, dessen Entwicklung die konjunkturelle Dynamik besser abbildet und die Grundlage der F.A.Z.-Graphik ist, ist der Aufwärtstrend hingegen klar intakt.

Auch der Auftragsschock ist nur eine Korrektur des Vormonats, in dem die Bestellungen wegen Großaufträgen drastisch stiegen. Rechnet man die Bestellungen für Schiffe, Flugzeuge und Eisenbahnen heraus, zeigt sich im Januar ein Auftragsplus von 0,3 Prozent gegenüber Dezember. Es besteht kein Anlaß zur Sorge, daß der starke Aufschwung im Verarbeitenden Gewerbe schnell ein Ende finde. Der Anstieg der Bruttoanlageinvestitionen dürfte sich fortsetzen, zumal sich im Baugewerbe eine Erholung abzeichnet, die entscheidend für das Aufschwungszenario ist. Im ersten Quartal wird hier aber zumindest in Deutschland der kalte und lange Winter belasten.

Starkes Wachstum der Kredite

Aus konjunktureller Sicht ausgesprochen positiv ist zu werten, daß das Kreditwachstum im Euro-Raum sich bis Januar weiterhin spürbar beschleunigt hat. Besonders stark stiegen zuletzt die Ausleihungen von Unternehmen, aber auch die Konsumentenkredite. Unverändert rapide wachsen die Kredite für Wohnimmobilien. Der Einzelhandelsumsatz lag im Januar kräftige 0,8 Prozent höher als im Dezember. Nach zwei Monaten der Stagnation ist auf einen dauerhaften Konsumschub vorerst aber nicht zu setzen. Zwar hat sich die Stimmung der Verbraucher und auch des Einzelhandels gebessert; die Beschäftigungserwartungen etwa der Industrieunternehmen lassen freilich keine Hoffnung auf einen Beschäftigungsboom und damit steigende Einkommen zu.

Auch für den Außenhandel liegen bislang nur Daten für Januar und nur für den Warenhandel vor. Sie zeigen eine kräftige Erholung der zum Jahresschluß 2005 verhaltener gewachsenen Ausfuhr, aber zugleich eine noch stärker steigende Einfuhr. Wenn auch diese Wertangaben durch die steil anziehenden Einfuhrpreise verzerrt sind, ist bisher nicht zu erwarten, daß der Außenhandel rechnerisch einen Wachstumsbeitrag zum Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal liefern wird.

„Ein Hauch von Aufschwung“

Insgesamt stehen die bislang verfügbaren Wirtschaftsdaten dem Bild einer kräftigen wirtschaftlichen Erholung in den ersten Monaten dieses Jahres nicht entgegen. Sie lassen aber viel Raum für Überraschungen - unangenehmer und angenehmer Art. Vorsichtig spricht die Commerzbank von einem "Hauch von Aufschwung". Die abwartende Haltung des EZB-Rates ist insoweit verständlich, wäre da nicht die kräftige Expansion der Kredite und der Geldmenge, die künftige Inflationsrisiken anzeigt. Aus der Politik dürfte der Druck zur Zinszurückhaltung auf den EZB-Rat stark zunehmen, sollten die Wirtschaftsdaten, die in den kommenden Wochen mehr Aufschluß über das erste Quartal geben müssen, enttäuschen.

Auf mittlere Sicht sind die wirtschaftlichen Aussichten nicht so klar, wie die EZB sie derzeit zeichnet. Nach der jüngsten Projektion wird das Wachstum sich 2007 nur leicht abschwächen und das BIP dann real rund 2 Prozent zulegen. Bundesbankpräsident Axel Weber deutete unlängst sogar eine mögliche Beschleunigung an.

Zwischen 2 und 1,3 Prozent - die Aussichten für 2007

Diese zuversichtliche Einschätzung für das kommende Jahr wird längst nicht von allen Ökonomen geteilt. Frühindikatoren wie der DZ-Bank-Indikator für den Euro-Raum zeigten zuletzt eine Abschwächung des Wachstumstempos im kommenden Halbjahr an. Die Euroframe-Gruppe europäischer Forschungsinstitute prognostizierte am Donnerstag eine Verlangsamung der BIP-Zuwachsrate für 2007 von 2,2 auf 2 Prozent. Die Commerzbank sieht das Wachstum 2007 bei 1,8 Prozent, die Deutsche Bank bei 1,6, die Deka-Bank bei 1,4 Prozent und die Hypo-Vereinsbank bei 1,3 Prozent.

Ausschlaggebend für diese Unterschiede ist, wie sehr eine Verlangsamung der amerikanischen Wirtschaft im zweiten Halbjahr und damit des europäischen Exports unterstellt wird. Zudem weisen manche Banken darauf hin, daß der hauspreisgetriebene Konsumschub in Euro-Staaten wie Spanien und Irland sich dem Ende zuneigt. Für eine Abschwächung der Wirtschaft im Jahr 2007 sprechen auch die dann restriktive Fiskalpolitik gerade in Deutschland. Einen sich selbst tragenden Aufschwung im Euro-Raum sieht von den Bankvolkswirten bislang niemand heranreifen.

Quelle: F.A.Z., 24.03.2006, Nr. 71 / Seite 14
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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