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F.A.Z.-Konjunkturbericht Verhaltenes Wachstum im Euro-Raum erwartet

12.01.2005 ·  Die Wirtschaft im Euro-Raum ist 2004 zum ersten Mal seit drei Jahren wieder nennenswert gewachsen. Die Aussichten für dieses Jahr stellen sich derzeit verhalten dar. Der monatliche Konjunkturbericht der F.A.Z.

Von Patrick Welter
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Vor einem Jahr prognostizierten die Ökonomen für die Wirtschaft in der Europäischen Währungsunion mehrheitlich ein Wachstum zwischen 1,5 und 2 Prozent. Diese Vorhersage dürfte sich bewahrheitet haben: Wenn auch die Daten für das Schlußquartal noch nicht vorliegen, pendeln sich die Einschätzungen zum Wirtschaftswachstum 2004 auf 1,8 Prozent ein. Damit ist die Euro-Wirtschaft zum ersten Mal seit drei Jahren wieder nennenswert und in der Nähe ihres Potentials gewachsen. Zwischen 2001 und 2003 legte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) lediglich um 1,6 Prozent, 0,9 und 0,5 Prozent zu.

Der Blick zurück stimmt in anderer Hinsicht nicht so zuversichtlich. Getrieben von einem starken Export, startete die Euro-Wirtschaft das vergangene Jahr fulminant und verlor dann im zweiten Halbjahr deutlich an Schwung. Die vierteljährliche Wachstumsrate, die im ersten Quartal noch bei 0,7 Prozent lag, schrumpfte im dritten Vierteljahr auf 0,3 Prozent. Für das Jahresschlußquartal erwarten Volkswirte eine Stabilisierung bei 0,3 bis 0,4 Prozent.

EZB erwartet 1,4 bis 2,4 Prozent Wachstum

Die entscheidende Frage zum Jahresbeginn 2005 ist, ob diese Abschwächung eine Konjunkturdelle darstellt, oder ob sie das Ende des Aufschwungs markiert hat. Mehrheitlich optieren die Volkswirte für die optimistischere Variante. Im Prognosedurchschnitt wird dem Euro-Raum für 2005 ein Wachstum von rund 1,7 Prozent vorhergesagt.

Dabei ist unterstellt, daß die Ölpreise sich im Laufe des Jahres abschwächen und der Euro gegenüber dem Dollar bei knapp über 1,30 Dollar je Euro liegt. Die Europäische Zentralbank (EZB) rechnet nach den Worten ihres Chefvolkswirts Otmar Issing mit 1,4 bis 2,4 Prozent. Dahinter steht die Erwartung, daß die Konjunkturdelle sich bis in das erste Halbjahr 2005 hinein ziehen wird und die Euro-Wirtschaft dann wieder allmählich Fahrt aufnimmt.

Binnenwirtschaft ausschlaggebend

Von der Weltwirtschaft darf der Euro-Raum sich in diesem Jahr keine zusätzlichen Exportanregungen erhoffen, sondern im Gegenteil zunächst eher eine Dämpfung. 2004 wuchs die Weltwirtschaft mit rund 5 Prozent so stark wie seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr. Für 2005 wird eine Abschwächung auf rund 4 Prozent erwartet.

Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung weist in seiner Vorausschau darauf hin, daß die entscheidende Determinante des hiesigen Außenhandels die Entwicklung des Welthandels, nicht aber der Wechselkurs sei. Das relativiert ein wenig das Risiko, die vergangene oder eine weitere Aufwertung des Euro könnten den europäischen Export zusammenbrechen lassen.

Ohnehin spielen für die Entwicklung der Euro-Wirtschaft die Binnenkräfte die maßgebliche Rolle. Gemessen an der Nachfrage, addierte sich etwa 2003 die inländische Verwendung auf 97,8 Prozent des BIP. Dieser Wert überzeichnet die Bedeutung der Binnenkräfte, weil beispielsweise die Investitionen der Unternehmen auch von der ausländischen Nachfrage abhängen. Doch bleibt die Binnenwirtschaft auch 2005 für den großen Euro-Raum ausschlaggebend.

Lagerbestände unfreiwillig aufgebaut

Die jüngsten Konjunkturindikatoren legen nahe, daß von dieser Seite das Jahr schlecht beginnen dürfte. Zwar zeigen manche, nicht alle Umfragen für die Jahreswende eine leicht verbesserte Stimmung im verarbeitenden Gewerbe an. Der von der EZB sehr beachtete Reuters-Einkaufsmanagerindex ist im Dezember zum ersten Mal seit dem Sommer leicht gestiegen.

Doch zeigt die Umfrage nach Analyse von Goldman Sachs auch, daß die Unternehmen als Folge der geringeren Exportnachfrage ihre Lagerbestände im zweiten Halbjahr 2004 unfreiwillig vergrößert haben. Das läßt für die kommenden Monate eine Produktionszurückhaltung erwarten. Dazu paßt, daß die Industrieunternehmen nach der Umfrage der Europäischen Kommission ihre Produktionserwartungen zuletzt zurücknahmen.

Erholung der Investitionen unsicher

Unsicher ist deshalb, ob die im vergangenen Sommer begonnene deutliche Investitionserholung in der Industrie über das dritte Quartal 2004 hinausreicht. Darauf setzen offenbar die EZB, die auf eine Verbreiterung der Inlandsnachfrage hofft, und die überwiegende Mehrheit der Konjunkturforscher. Dafür spricht die vielfach vollzogene Sanierung der Unternehmens- und Bankbilanzen in den vergangenen Jahren. Auch hat sich die Kreditaufnahme der Unternehmen bis November auf niedrigem Niveau zögernd verbessert.

Die Konsumkredite privater Haushalte sind zuletzt beschleunigt gewachsen, was auf eine gewisse Kräftigung der privaten Nachfrage hinweist. Doch zeigt der private Konsum, der knapp 60 Prozent zum BIP beisteuert, keine Zeichen einer rapiden Belebung. Im November stagnierte der reale Einzelhandelsumsatz. Trotz - annahmegemäß - sinkender Energiepreise und einer im Jahresverlauf rückläufigen Inflationsrate erwarten die meisten Fachleute, daß der private Konsum im Euro-Raum frühestens vom Sommer an Schwung gewinnt. Für den Arbeitsmarkt wird mit keiner durchgreifenden Verbesserung gerechnet.

Monetärer Rahmen expansiv

Die monetären Bedingungen sehen die Prognostiker weiter expansiv. Von der EZB, deren Rat an diesem Donnerstag in Frankfurt zusammenkommt, wird eine Zinserhöhung frühestens für das zweite Halbjahr erwartet. Eher pessimistisch eingestellte Ökonomen gehen davon aus, daß die EZB bei einer sich deutlich verlangsamenden Konjunktur und einer weiteren Aufwertung des Euro noch einmal eine Zinssenkung erproben könnte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2005, Nr. 9 / Seite 12
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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