07.12.2004 · Der hohe Ölpreis drückt zunehmend, und die Aufwertung des Euro läßt Sorgen aufkommen. Der Konjunkturbericht der F.A.Z.
Von Patrick WelterDie deutsche Wirtschaft steht an einer Weggabelung. Bis in den Sommer hinein sah es so aus, als ob die exportgetriebene wirtschaftliche Erholung sich weiten und auf die Binnenwirtschaft übergreifen könne. Nun aber drückt der hohe Ölpreis zunehmend, und die Aufwertung des Euro gegenüber dem Dollar läßt Sorgen aufkommen, daß die Konjunkturstütze Export wegbricht.
Tatsächlich hat die Erholung im Sommerhalbjahr an Breite gewonnen. Die Investitionen sind nach dem tiefen Einbruch zum Jahresbeginn insgesamt gewachsen. Das verdeutlicht den großen Nachholbedarf, der bei den Unternehmen besteht. Ein Signal, daß diese Belebung den Beginn eines Investitionszyklus markiert, ist dies freilich noch nicht. Im Gegenteil dürfte die Investitionslust im Jahresschlußquartal einen Dämpfer erhalten haben.
Privater Konsum stagniert
Der Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe, der seit dem Frühjahr 2003 nahezu beständig stieg, stagnierte im Sommerhalbjahr. Und die Bestellungen aus dem Inland weisen im Trend sogar nach unten. Andere Konjunkturindikatoren hellen die Lage nicht auf. Der private Konsum stagniert seit Jahresbeginn. Die Zahl der Arbeitslosen steigt in saisonbereinigter Rechnung. Der Abwärtstrend im Bauhauptgewerbe ist ungebrochen. Und die Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe trübt sich deutlich ein.
All dies zeigt, auf welch wackeligen Beinen die schwache Binnenkonjunktur steht. Der große Lageraufbau, den das Statistische Bundesamt für das dritte Quartal meldete und der die Binnennachfrage in die Höhe zog, ist da nur ein schwacher Trost. Erstens ist der Lageraufbau ein „statistischer Mülleimer", in dem nicht zuzuordnende Restgrößen ausgewiesen werden. Das schmälert seine Aussagekraft. Zweitens würde gerade ein großer Lageraufbau die Produktionsaussichten zumindest für das Jahresschlußquartal zusätzlich eintrüben.
Nur eine Konjunkturdelle?
Der Konjunktureinbruch im dritten Quartal in die faktische Stagnation ist vor allem einem deutlich sinkenden Export und einem starken Import zu verdanken. Zusammen drückten diese beiden Faktoren den rechnerischen Wachstumsbeitrag des Außenhandels ins Negative. Offen ist, ob die Wachstumspause den Beginn einer Konjunkturdelle oder einer längeren Abschwächung anzeigt.
Konjunkturforscher sind verhalten optimistisch. So erwartet der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, daß die moderate Erholung andauern wird. Er prognostiziert ein reales Wirtschaftswachstum für 2005 von 1,4 Prozent, nach 1,8 Prozent in diesem Jahr. Rechnet man die unterschiedliche Zahl der Arbeitstage heraus, gelangt man in den Worten des Rates zur Erwartung einer „mehr oder weniger ungebrochenen konjunkturellen Geschwindigkeit".
Ölpreissorgen ...
Dieser Prognose steht die Sorge vor einem weiterhin hohen Ölpreis entgegen, aber auch die Angst vor dem aufwertenden Euro. Die Ölpreissorgen sind nicht zu vernachlässigen, zumal die negativen Folgen früher schon unterschätzt wurden. Der Sachverständigenrat unterstellt in seiner Prognose einen Ölpreis von jahresdurchschnittlich 42 Dollar je Barrel (159 Liter). Diese Annahme ist nicht unrealistisch. Der jüngste Ölpreisverfall zeigt, wie schnell das Blatt sich wenden kann.
Dramatischer als der Ölpreis ist derzeit in den Augen vieler Deutscher die Aufwertung des Euro gegenüber dem amerikanischen Dollar. Dieses Urteil steht auf schwachen Beinen: Der Ölpreisanstieg belastet die deutsche Binnenwirtschaft, weil er zugunsten der erdölexportierenden Länder Kaufkraft entzieht. Die Wirkung ist für Deutschland eindeutig negativ. Eine Aufwertung des Euro dagegen belastet den Export, verbilligt aber zugleich die Einfuhr - auch von Erdöl. So verschieben sich die internationalen Tauschverhältnisse („terms of trade") zugunsten Deutschlands, was den negativen Einfluß durch den nachlassenden Export abmildert.
... und Euro-Sorgen
Ein Blick in die Geschichte zeigt, daß die deutsche Wirtschaft früher mit einer starken Währung gut leben konnte. Die Wachstumsraten, gemessen an der Veränderung des Bruttoinlandsprodukts zum Vorjahresquartal, zeigen in den Phasen der Aufwertung in den achtziger Jahren und Mitte der neunziger Jahre keinen engen Zusammenhang mit dem Außenwert der D-Mark gegenüber dem Dollar. In der Grafik wurde der frühere Mark-Dollar-Kurs zur besseren Vergleichbarkeit in Dollar je Euro umgerechnet. Die seit dem Jahr 2000 andauernde Aufwertung des Euro wurde im ersten Halbjahr 2004 durch eine boomende Weltwirtschaft überkompensiert. Von dieser erwarten Ökonomen, daß sie 2005 stark wachsen wird, wenn auch schwächer als in diesem Jahr. Das sollte die Ängste vor dem starken Euro eigentlich mildern.
Ein zweites spricht dagegen, daß der gegenüber dem Dollar aufwertende Euro dem hiesigen Export sehr zusetzen wird. Der preisliche Konkurrenzdruck der deutschen Wirtschaft an den Weltmärkten mißt sich nicht allein am Dollar, sondern an allen Währungen der Handelspartner. In dieser breiten Betrachtung hat sich seit dem Sommer 2003 kaum etwas verändert. Die Deutsche Bundesbank berechnet dazu den Indikator der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Er ist seit Juli 2003 um weniger als 2 Prozent gestiegen und verschlechterte sich kaum, während der Euro gegenüber dem Dollar um 14 Prozent aufwertete. Vor allem liegt der Indikator gut 12 Prozent unter dem Hoch Mitte der neunziger Jahre.
Aufwertung nicht dramatisch
Der Indikator der Bundesbank berücksichtigt die Währungen von 49 Handelspartnern. Er berücksichtigt ferner die negativen Drittmarkteffekte, die sich für deutsche Exporteure im Ausland ergeben, wenn etwa amerikanische Anbieter als Folge eines schwächeren Dollar günstiger als deutsche Unternehmen liefern können. Somit bietet er ein trefflicheres Bild der preislichen Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft als der Dollar-Euro-Kurs. Der Indikator bezieht auch ein, daß Deutschland im Jahr 2003 in den „Dollar-Block" Amerika, China und Japan nur 14 Prozent seines Exports ausführte. Dagegen gingen in den „Euro-Block", der sich mittlerweile aus dem Euro-Raum, Dänemark, Estland, Litauen und Slowenien zusammensetzt, 46 Prozent der deutschen Ausfuhr.
Der geringe Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gründet unter anderem darin, daß rund die Hälfte des Exports durch Wechselkursschwankungen direkt nicht mehr betroffen ist. Zudem hat die niedrige deutsche Inflationsrate in den vergangenen Jahren den Exporteuren einen Kostenvorteil mit auf den Weg gegeben. All dies mindert die Sorge vor dem aufwertenden Euro und verweist auf das tatsächliche Problem Deutschlands: Falls die Konjunktur unter Exportschwierigkeiten zusammenbricht, dann ist das vor allem eine Folge der unzureichenden Dynamik der Binnenwirtschaft. Die Schuld dafür liegt nicht am Euro, sondern in Berlin.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2468 | −0,16% |
| Rohöl Brent Crude | 106,36 $ | −0,46% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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