Der Euro steht an den internationalen Devisenmärkten nur minimal unter seinem Rekordhoch von 1,3666 Dollar je Euro. Die Aufregung in der deutschen Wirtschaft aber hält sich in Grenzen. 1,40 Dollar je Euro könne man sich vorstellen, verbreitet der Verband des deutschen Groß- und Außenhandels, und es klingt in diesen Worten kaum Sorge an - auch deshalb, weil sich die Aufwertung allmählich vollzogen hat, nicht aber abrupt wie zum Jahresende 2004, als der Euro zum Dollar sein Rekordhoch erreichte. Die Unternehmen hatten so viel Zeit, sich durch Währungsgeschäfte vor Kurssteigerungen abzusichern.
Selbst die europäischen Finanzminister, sonst immer für scharfe Worte über Wechselkurse zu haben, pflegen gedämpfte Töne. Warnungen vor einem zu starken Euro passen nicht in das Bild eines andauernden Aufschwungs in Deutschland und damit im Euro-Raum.
Die Binnenwirtschaft als Stütze
Tatsächlich stützen die Konjunkturforscher ihre guten Prognosen eines Wachstums von rund 2,4 Prozent bis 2008 in Deutschland auf die binnenwirtschaftlichen Kräfte. Auch die Bundesregierung, die an diesem Mittwoch ihre Wachstumsprognose für 2007 in etwa auf diese Zahl anheben will, setzt auf die Binnenkonjunktur. Die mit einem Plus von 12,5 Prozent sehr gute reale Exportentwicklung im vergangenen Jahr mag die wirtschaftliche Erholung angestoßen haben. Für dieses und das kommende Jahr aber erwarten die meisten Ökonomen, dass die Binnenwirtschaft den Geleitzug führen wird - ungeachtet aller steuerlichen Zusatzbelastungen. Die außenwirtschaftliche Flanke wird dabei als Risiko wahrgenommen, wie im Frühjahrsgutachten der großen Wirtschaftsforschungsinstitute, aber eigentlich nicht als ein großes.
Die Institute erwarten, dass der Export bis 2008 mit gut 8 Prozent ordentlich zulegen wird. Diese Prognose stützt sich auf die Annahme einer im fünften Jahr kräftig wachsenden Weltwirtschaft, in der die Vereinigten Staaten die Konjunkturdelle überwindet. Die ausländischen Aufträge, die zu Jahresanfang die deutschen Exporteure erfreut haben, deuten auf eine gute Exportentwicklung in den kommenden Monaten hin - und lassen die Abschwächung zur Jahreswende vergessen.
Preisliche Wettbewerbsfähigkeit verbessert
Für eine trotz der Euro-Aufwertung weiterhin gute Entwicklung des Exports spricht zudem, dass die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert hat. Die Umstrukturierungsbemühungen und vor allem die Lohnzurückhaltung haben den Unternehmen Vorteile verschafft, die sie nun gegenüber der ausländischen Konkurrenz ausspielen können.
Zwar zeigt der Indikator der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, den die Deutsche Bundesbank gegenüber 19 Handelspartnern berechnet, für März im Jahresvergleich ein Plus von 2,6 Prozent. So stark war die reale Aufwertung zuletzt im Jahr 2003. Bangemachen gilt freilich nicht. Der Indikator ist auf Basis der Verbraucherpreise gerechnet, die zu Jahresbeginn wegen der Mehrwertsteuererhöhung deutlich stiegen. Im Export aber spielt die höhere Verbrauchsteuer für den Absatzpreis keine Rolle. Die Institute kommen zu dem Schluss, dass - auf Basis der relativen Lohnstückkosten gerechnet - die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Exporteure sich sogar noch verbessert hat.
Lohnzurückhaltung stützt den Beschäftigungsaufbau
Die Lohnzurückhaltung zeigt nicht nur im Außenhandel ihre positive Wirkung auf die Konjunktur, sondern vor allem im Inland. Das Mehr von 290 000 Erwerbstätigen im Jahresdurchschnitt 2007 ist nicht vorstellbar ohne die moderate Lohnpolitik, die es für viele Unternehmen günstiger erscheinen ließ, in Deutschland und nicht in Osteuropa oder Asien mehr Menschen zu beschäftigen.
Die Mehrbeschäftigung stützt in der Summe die Einkommen und den Konsum, dem die Konjunkturpropheten eine zunehmend wichtige Rolle im Aufschwung zuschreiben. 2008 soll das Wachstum des privaten Konsums die Hälfte zum Wirtschaftswachstum von 2,4 Prozent beitragen. Das Anspringen des Konsums haben die Forscher in den vergangenen Jahren zwar regelmäßig vorhergesagt. Im Gegensatz zu früher könnten sie dieses Mal recht behalten - eben weil die Beschäftigung und damit die verfügbaren Einkommen wieder wachsen.
Demographie schönt Arbeitsmarktbilanz
Für dieses und das kommende Jahr erwarten die Forscher einen Beschäftigungsaufbau von im Jahresdurchschnitt 445 000 und 273 000 neuen Arbeitsplätzen. Die Zahl der Arbeitslosen soll dagegen weit stärker fallen, um 720 000 und um 302 000. Schon im vergangenen Jahr sah die Arbeitsmarktbilanz besser aus, misst man sie an der Zahl der Arbeitslosen und nicht an der Zahl der Beschäftigten. Einem Stellenzuwachs von 290 000 standen 374 000 weniger Arbeitslose gegenüber. Dafür gibt es zwei Gründe.
Zum einen zeigen die Bemühungen der Bundesagentur für Arbeit Erfolg, Arbeitslose aus der Statistik herauszufiltern, die dem Arbeitsmarkt gar nicht ernsthaft zur Verfügung stehen. Zum anderen aber zeigt sich der demographische Wandel. Die Zahl der Menschen zwischen 15 und 64 Jahren - im erwerbsfähigen Alter - schrumpfte 2006 um 307 000 und soll in diesem Jahr um 233 000 schrumpfen. Vor allem in Ostdeutschland trägt die geringer werdende Zahl an Erwerbspersonen dazu bei, dass die Arbeitslosenzahl sinkt - und die Arbeitsmarktbilanz insoweit schönt.
Untenehmensteuerreform hilft Investitionen nicht
Risiken für den inländischen Aufschwung sehen die Institute vor allem in der Lohnpolitik. Überhöhte Zuwächse oder Nachschläge in den laufenden Tarifrunden oder in den Lohnrunden des kommenden Jahres würden die mühsam gewachsene Erwartung der Unternehmen zerstören, dass der deutsche Standort strukturell an Attraktivität gewonnen hat - und wieder mehr Produktion in das Ausland treiben.
Vorerst sehen die Institute aber kein Ende des Investitionsaufschwungs, zumal sich das Baugewerbe offenbar gefangen hat und viele Unternehmen vor der Streichung der degressiven Abschreibung noch Investitionen in dieses Jahr vorziehen dürften. Die Unternehmensteuerreform 2008 indes, so heißt es im Gutachten, werde die Investitionstätigkeit kaum verbessern, weil die positiven Wirkungen der niedrigeren Steuersätze durch die schlechteren Abschreibungsbedingungen und die breitere Bemessungsgrundlage weitgehend aufgezehrt würden.
