Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer relativen Schwächephase, doch es mehren sich die Zeichen für eine Erholung der Konjunktur. Wichtige Frühindikatoren wie das Ifo-Geschäftsklima zeigen schon zum vierten Mal nach oben, das Verbrauchervertrauen steigt. Das gibt Anlass zur Hoffnung, dass es im laufenden Quartal kein weiteres Minus geben wird, nachdem das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Schlussquartal 2011 um 0,2 Prozent gesunken ist.
Zugleich hat sich die konjunkturelle Spaltung Europas weiter verschärft: Im gesamten Süden drohen in diesem Jahr schmerzhafte Rezessionen. Positiv überrascht hat im vierten Quartal Frankreich, das stärker binnenwirtschaftlich orientiert ist (Exportquote unter 30 Prozent). In Deutschland (rund 50 Prozent Exportquote) gab es zum Jahresende ein Minus in der Ausfuhrstatistik: Der Export sank im Dezember um 4,3 Prozent - stärker als der Import mit minus 3,9 Prozent - und lag im Vergleich zum Vorjahresquartal nur noch um 4,7 Prozent höher. Insgesamt hat der Außenhandel im Schlussquartal das BIP um 0,3 Prozentpunkte nach unten gezogen.
Bedeckte Aussichten
Einige Ökonomen bleiben daher vorsichtig: „Zwar hat sich die Stimmung deutlich gebessert, doch sind die harten Daten wie Auftragseingänge und Industrieproduktion bis zuletzt schwach geblieben“, sagt etwa Joachim Scheide, Konjunkturchef im Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung rechnet mit einer „schwarzen Null“ im ersten Quartal. Doch wegen des schwachen Starts sei auch ein Rückgang nicht ausgeschlossen.
Bei einem zweimaligen BIP-Minus sprechen Ökonomen von einer „technischen Rezession“. Angesichts des im Februar zum vierten Mal aufgehellten Ifo-Geschäftsklimas glauben die meisten aber nicht, dass es dazu kommen wird. Allenfalls eine „Mini-Rezession“ will Jörg Krämer von der Commerzbank sehen. Und die sei schon wieder beendet. Mit Blick auf die Risiken der Staatsschuldenkrise in Europa und die schwächere Weltkonjunktur sowie den steil gestiegenen Ölpreis bleiben die Aussichten für die deutsche Wirtschaft aber bedeckt.
Belastet haben im vierten Quartal nicht nur die nachlassenden Exporte, wobei es vor allem in den Euroraum deutliche Einbußen gab. Auch der private Konsum konnte das Niveau des dritten Quartals nicht halten. Er sank im Herbst um 0,2 Prozent, obwohl der Einzelhandel von besseren Geschäften zu Weihnachten berichtete. Dennoch sagt DIW-Ökonom Ferdinand Fichtner: „Wir haben eine Nachfrageschwäche auf breiter Front, die durch die zuletzt gestiegenen Öl- und Benzinpreise noch verstärkt wird.“ Rohöl der Sorte Brent stieg Ende Februar auf den Rekordpreis von 93,70 Euro je Barrel. Die Autofahrer stöhnen über einen Benzinpreis von über 1,60 Euro je Liter.
Push-Faktoren für die deutsche Wirtschaft
Gestützt haben im vierten Quartal lediglich die Bauinvestitionen (plus 1,9 Prozent). Der Wohnungsbau erlebte im vergangenen Jahr einen kräftigen Aufschwung, wobei die günstigen Finanzierungsbedingungen und die Sorge der Bürger um die Geldwertstabilität die Nachfrage nach „Beton-Gold“ beflügelten.
Schwächer entwickelten sich im vierten Quartal die Ausrüstungsinvestitionen: Der Nachfrageboom nach Maschinen, Anlagen und Fahrzeugen kam im Herbst zum Erliegen. „Dahinter stand zum Teil das Bestreben der Industrie, mit Erweiterungen des Maschinenparks zu warten, bis wieder mehr Klarheit hinsichtlich der Geschäftsperspektiven besteht“, erklärt die Bundesbank in ihrem jüngsten Monatsbericht. Allerdings geht sie davon aus, dass die „Störeinflüsse“ als vorübergehend wahrgenommen werden.
Und der private Konsum dürfte von der günstigen Arbeitsmarktentwicklung profitieren: Die Arbeitslosenquote ist im Januar saisonbereinigt auf 6,7 Prozent gesunken - ein Drittel unter dem Euro-Durchschnitt. Zudem steigen die Einkommen, da nun höhere Tarifabschlüsse wirksam werden: Inklusive der Sondervergütungen sind die Bruttolöhne und -gehälter der deutschen Arbeitnehmer nach Angaben der Bundesbank im vergangenen Jahr so stark wie seit 1993 nicht mehr gestiegen.
Einfluss der Krise
Nach wie vor hängt die Schuldenkrise wie ein Damoklesschwert über der europäischen Konjunktur. Während die meisten Institute für Deutschland in diesem Jahr immerhin ein kleines Wachstum von gut einem halben Prozent voraussagen - nach 3,0 Prozent im vergangenen Jahr -, sieht es für Südeuropa düster aus. Die harten Sparprogramme drücken kurzfristig die Nachfrage. Für den Durchschnitt des Euroraums erwarten die Ökonomen der EU-Kommission eine „leichte Rezession“ mit einem BIP-Rückgang um 0,3 Prozent in diesem Jahr. Dabei gibt es aber ein steiles Gefälle.
Während sich Deutschland und auch Frankreich noch recht gut halten, stürzen Griechenland (nochmals 4,4 Prozent BIP-Rückgang) und Portugal (minus 3,3 Prozent) tiefer in die Rezession. Auch in Italien (minus 1,3 Prozent) und Spanien (minus 1,0 Prozent) dürfte die Wirtschaftsleistung deutlich schrumpfen. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert fast doppelt so tiefe Einbrüche in Italien und Spanien.
„EZB hat die Bedingungen entspannt“
Erschwerend kommt hinzu, dass die Staatsschulden und die südeuropäische Bankenkrise eng miteinander verflochten sind. Die angeschlagenen Banken der Peripherie, die mit Kapitalabflüssen kämpfen, können nur noch schwer Kredite vergeben. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat durch ihre Geldflut seit Dezember die Situation auf dem Interbankenmarkt beruhigt und zugleich den Kursanstieg auf den Aktienmärkten mit befeuert.
„Mit ihrem Dreijahrestender hat die EZB die Finanzierungsbedingungen der Peripherieländer entspannt“, meint auch Commerzbank-Volkswirt Krämer. „Aber sie kann die Staatsschuldenkrise nicht mit der Notenpresse lösen.“ Eine mögliche Eskalation der Staatsschuldenkrise stelle daher nach wie vor das größte Risiko für die Konjunktur dar.
