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F.A.Z.-Konjunkturbericht High Noon im Euro-Raum

12.05.2005 ·  Die Wirtschaft im Euro-Raum ist im ersten Quartal um 0,5 Prozent gewachsen. Doch die Aussichten trüben sich deutlich ein. Die EZB warnt vor der hohem Ölpreis. Der F.A.Z.-Konjunkturbericht.

Von Patrick Welter
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Volkswirte haben ihre Wachstumserwartungen für den Euro-Raum leicht zurückgenommen. Nach einer Umfrage der Europäischen Zentralbank (EZB) erwarten die Beobachter mehrheitlich ein Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent in diesem und von 2 Prozent im kommenden Jahr. Das ist je ein Zehntelprozentpunkt niedriger als in der Umfrage im Februar. Die meisten Befragten sähen Abwärtsrisiken, berichtete die EZB am Donnerstag im Monatsbericht über die Umfrage.

Die Unsicherheit unter den Ökonomen ist freilich groß. Die Investmentbank Goldman Sachs senkte ihre Wachstumsprognose für den Euro-Raum für dieses Jahr gerade von 1,4 auf 1,1 Prozent. Dagegen hält die Deutsche Bank ein Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent für am wahrscheinlichsten. Die Hypo-Vereinsbank (HVB) setzt das Wachstum mit 1,8 Prozent an.

Im ersten Quartal ein Plus von 0,5 Prozent

Einigkeit besteht nur darin, daß die Wachstumsbeschleunigung im ersten Quartal statistisch überzeichnet ist und daß es im zweiten Quartal düsterer aussehen wird. Eurostat, das statistische Amt der EU, schätzte den Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im ersten Vierteljahr am Donnerstag auf 0,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal, nach 0,2 Prozent zum Jahresschluß 2004. Im Vergleich zum Vorjahr lag die gesamtwirtschaftliche Erzeugung zum Jahresbeginn 1,4 Prozent höher.

Diese Zahlen klingen besser als sie sind. Die jüngsten verfügbaren Indikatoren weisen darauf hin, daß die Euro-Wirtschaft sich nach der im vergangenen Sommer einsetzenden Wachstumsverlangsamung noch nicht gefangen hat. Nach Stimmungsumfragen unter den Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes trübte das Konjunkturklima sich bis in den April hinein ein. Der von der EZB stark beachtete Einkaufsmanagerindex fiel zuletzt knapp unter die Expansionsschwelle von 50 Punkten, zum ersten Mal seit Herbst 2003. Schon sprechen manche Ökonomen von einer drohenden Rezession in der Industrie.

Schwere Zeiten und Hoffnungsschimmer

Für diesen Schluß ist es noch zu früh. Sicher aber ist, daß das verarbeitende Gewerbe im zweiten Quartal schwere Zeiten erleben wird. Der Auftragseingang hat sich abgeschwächt. Die Unternehmen schätzen ihre Lager überdurchschnittlich gut gefüllt ein, was die Produktionsaussichten verdunkelt. Und die Kapazitätsauslastung ist schon zu Beginn des zweiten Quartals deutlich auf 80,9 Prozent abgesackt.

Den schlechten Nachrichten aus der Industrie stehen einige Hoffnungsschimmer entgegen. Der Einkaufsmanagerindex der Dienstleister fiel im April nur marginal und hält sich deutlich oberhalb der Expansionsschwelle. Das leichte Minus im April gründete zudem allein in einem drastischen Einbruch in Italien, während der Indikator für die Dienstleistungskonjunktur in Frankreich, Spanien und Deutschland nach oben wies. Auch der private Konsum im Euro-Raum wächst. Der Einzelhandel setzte im ersten Quartal 0,6 Prozent mehr um als im Vorquartal. In Kontrast zu den Unternehmen hält die Stimmung der Verbraucher sich schon seit Sommer 2004 auf einem nur leicht unterdurchschnittlichen Niveau.

Verbraucher oder Unternehmen: Wer behält recht?

Für die wirtschaftliche Entwicklung ist entscheidend, wer recht behalten wird: die Verbraucher oder die Unternehmen. Die Ökonomen der HVB sprechen von "High Noon im Euro-Raum". Unternehmen erfaßten konjunkturelle Wendepunkte schneller, übertrieben in ihrem Urteil aber häufiger als die Verbraucher. Ein mögliches Szenario sei, daß die Konsumenten noch nicht begriffen hätten, was passiert. Danach würde der Abschwung in der Industrie sich durchsetzen und eine Erholung der Binnennachfrage im zweiten Halbjahr wäre ausgeschlossen.

Das zweite Szenario der HVB unterstellt, daß die europäischen Verbraucher robuster gegenüber schlechten Nachrichten geworden sind und der Pessimismus der Unternehmen übertrieben sei. Damit stünde einer moderaten Erholung der Binnenwirtschaft im zweiten Halbjahr nichts entgegen. Die Streitfrage, ob die Verbraucher oder die Unternehmen den längeren Atem behielten, hält die HVB derzeit für eine Glaubensfrage.

EZB warnt vor hohem Ölpreis

Trotz dieser hoffnungsvollen Unsicherheit sind die dunklen Wolken am Konjunkturhimmel nicht wegzublasen. Der grenzüberschreitende Handel im Euro-Raum, ein vergleichsweise guter Indikator für die Entwicklung der Binnenwirtschaft, schrumpfte zuletzt. Der hohe Ölpreis belastet die Entwicklung hierzulande direkt, aber mehr noch die Weltwirtschaft und so den europäischen Export.

Die EZB warnt im Monatsbericht davor, daß der Ölpreis länger als erwartet auf seinem hohen Niveau verharren oder gar noch steigen könne. "Sehr viel stärker ausgeprägte negative Effekte" seien nicht auszuschließen. Für das zweite Quartal rechnen Volkswirte mit einem Abfall des BIP-Zuwachses auf rund 0,2 Prozent. Die Erwartung, daß die moderate Erholung danach wieder einsetze, ist bislang eine Hoffnung. Sie gründet in der Annahme, daß der Euro nicht aufwertet und die dämpfenden Effekte auf den Export auslaufen werden.

Die außenwirtschaftlichen Aussichten hängen auch davon ab, wie die Wirtschaft der wichtigsten Handelspartner des Euro-Raums sich entwickeln wird. Auch in den Vereinigten Staaten wiesen Indikatoren für die Industriekonjunktur in den vergangenen Monaten nach unten. Doch wächst die amerikanische Wirtschaft noch mit soliden Raten. Die Wirtschaftsdaten jenseits des Atlantiks sind kompatibel mit der erwarteten moderaten Abschwächung und einem robusten Wachstum der Weltwirtschaft. Erfüllt sich diese Erwartung, würde dies der Euro-Wirtschaft im zweiten Halbjahr wieder auf die wackeligen Beine helfen.

Übung in Demut

Diese Einschätzung, das rekordniedrige Zinsniveau und die monetäre Überschußliquidität halten die EZB davon ab, an Zinssenkungen zu denken. Nach der Umfrage im Monatsbericht haben die Bankvolkswirte ihre Inflationserwartungen nicht gesenkt. Unverändert wird mit einer Inflationsrate von 1,9 Prozent in diesem und mit 1,8 Prozent im kommenden Jahr gerechnet. Die Aufwärtsrisiken für dieses Jahr werden aber höher als zuvor eingeschätzt; auch die EZB warnt davor. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet erklärte zuletzt: "Wir sind weder optimistisch noch pessimistisch, wir sind realistisch." Die Demut vor den Wirtschaftsdaten gebiete es, abzuwarten.

Quelle: F.A.Z., 13.05.2005, Nr. 110 / Seite 10
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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