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F.A.Z.-Konjunkturbericht Euro-Raum am Rand der Rezession

01.10.2008 ·  Mit der Verschärfung der Finanzkrise wächst die Angst vor einem Einbruch der Realwirtschaft. Der Konsum stagniert, die Verbraucher sind verunsichert. 2009 droht eine Durststrecke - der monatliche Konjunkturbericht der F.A.Z.

Von Philip Plickert
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Täglich neue Horrormeldungen aus der Finanzbranche erschüttern die Wirtschaft. Wie stark werden die Auswirkungen auf die Konjunktur sein? Wird es zu einer Kreditklemme kommen, die den Unternehmen jede Kraft für weiteres Wachstum nähme? Bislang blieb die Realwirtschaft davon verschont, wenn sich auch die Finanzierungsbedingungen zuletzt deutlich verschlechtert haben und das Kreditwachstum daher stark verlangsamt war.

Die von Amerika ausgehende Finanzkrise trifft die Konjunktur im Euro-Raum in einer kritischen Phase: Außer von der schwindenden Nachfrage aus den Vereinigten Staaten wird sie durch teures Öl und den hohen Euro-Wechselkurs geschwächt. In einigen Ländern - vor allem Spanien und Irland, etwas weniger in Frankreich - kommt dazu noch ein Verfall der Immobilienpreise. Die zuvor überproportionierte Bauwirtschaft in Spanien ist eingebrochen, was die Arbeitslosenquote dort mit 11 Prozent weit über die durchschnittlich 7,3 Prozent im Euro-Raum gehoben hat.

Große Verunsicherung lässt Konsum stagnieren

Die Mehrfachbelastung durch Finanzkrise, schwächere Weltwirtschaft und immer noch teure Rohstoffe hat im Euro-Raum zu einer drastischen Verschlechterung der Stimmungsindikatoren geführt: So ist das Industrievertrauen im September auf den niedrigsten Wert seit 2003 gefallen, als die Wirtschaft im Euro-Raum zwischen Stagnation und Rezession lag. Für die gesamte EU fiel der Stimmungsindex auf den niedrigsten Wert seit 1993, mit besonders kräftigen Rückgängen in den Niederlanden, Großbritannien und Spanien. Auch die europäischen Verbraucher sind so skeptisch wie seit Mitte der neunziger Jahre nicht mehr. Sie halten sich mit ihren Konsumausgaben wegen der hohen Teuerung weiter zurück.

Vor diesem düsteren Hintergrund haben Ökonomen zuletzt ihre Konjunkturprognosen deutlich gesenkt. Die EU-Kommission erwartet in diesem Jahr insgesamt statt 1,7 Prozent nur noch 1,3 Prozent Wachstum. Dieser noch halbwegs robuste Wert ist aber vor allem dem starken ersten Quartal zu verdanken, als die Wirtschaftsleistung im Euro-Raum noch um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal zunahm. Im zweiten Quartal, dem Frühjahr, sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,2 Prozent. Im soeben abgelaufenen dritten Quartal dürfte die Wirtschaft stagniert haben. Auch eine Rezession ist nicht ausgeschlossen.

Kieler Konjunkturforscher sehen BIP schrumpfen

Während die Brüsseler Kommission für 2008 in Deutschland, das gut ein Viertel der Volkswirtschaft des Euro-Raums ausmacht, wegen des Aufschwungs im Winter weiter ein Wachstum von 1,8 Prozent für realistisch hält, revidierte sie ihre Wachstumsprognose für Spanien von 2,2 auf 1,4 Prozent, für Frankreich von 1,6 auf 1,0 Prozent und für Italien von 0,5 auf 0,1 Prozent. Die Schwäche dieser wichtigen Handelspartner zieht auch Deutschland weiter hinunter.

Für das kommende Jahr sind Prognosen mit großer Unsicherheit behaftet. Trotz aller Risiken erwartet die Europäische Zentralbank (EZB) für 2009 immerhin noch 0,6 bis 1,8 Prozent, im Mittel also 1,2 Prozent Wachstum im Euro-Raum. Sie hofft auf eine allmähliche Erholung von der gegenwärtigen Schwächephase. Falls aber die Finanzkrise noch mehr eskalieren sollte, wäre wohl eine deutliche Rezession die Folge. Auch ohne weiteren Finanzkrach droht für 2009 eine Durststrecke, fürchten die meisten Konjunkturforscher. Besonders pessimistisch ist derzeit das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Für das kommende Jahr prognostiziert es eine stagnierende Wirtschaft im Euro-Raum. Rechnet man den Beitrag Deutschlands heraus, sehen die Kieler Konjunkturforscher sogar ein um 0,2 Prozent schrumpfendes BIP.

Teuerungsrate fällt bislang nur langsam

Die Ökonomen der EZB und andere Konjunkturforscher sind optimistischer. Sie verweisen auf den Ölpreis, der von seinem Höchststand von 147 Dollar je Barrel im Juli rapide gefallen ist und bei starken Schwankungen nun unter 100 Dollar liegt. Auch andere Rohstoffe sind wieder günstiger geworden, während die Lohnkosten noch mit akzeptabler Rate steigen. Dies alles wird die Teuerungsrate drücken, die allerdings von ihrem Höhepunkt von 4,0 Prozent im Juni und Juli bislang nur langsam fällt. Im September sank sie auf 3,6 Prozent. Viele Bankökonomen erwarten, dass die EZB angesichts der Konjunkturschwäche - die sich auch in einem scharf gesunkenen Wachstum der Geldmenge M1 äußert - und der nachlassenden Inflationsrisiken in den kommenden Monaten den Leitzins von derzeit 4,25 Prozent senkt.

Die gedämpfte Teuerung könnte auch den privaten Konsum beleben, der sich nur schleppend entwickelt. Im zweiten Quartal schränkten die Verbraucher im Euro-Raum ihre Konsumausgaben sogar um 0,2 Prozent ein, zuvor stagnierte der Konsum, auf den rund zwei Drittel der Nachfrage im Euro-Raum entfallen. Für eine stärkere Entwicklung des Konsums spricht die weiterhin gute Beschäftigungslage; dagegen spricht jedoch die große Verunsicherung der Verbraucher.

Export hat wieder etwas Aufschwung

Eine Stärkung von dieser Seite wäre aber besonders wichtig, weil die beiden bislang tragenden Säulen des Aufschwungs, der Export und die Investitionen, wegen der nachlassenden Weltkonjunktur schwächer werden. Seit Mai ist die Ausfuhr deutlich langsamer als die Einfuhr gewachsen - der Außenbeitrag zur Konjunktur nimmt damit ab. Das ist auch eine Folge des hohen Euro-Wechselkurses, der die preisliche Wettbewerbsfähigkeit europäischer Exporteure weiterhin beeinträchtigt. Von seinem Höchststand von fast 1,60 Dollar vor drei Monaten ist der Euro inzwischen allerdings um 10 Prozent abgewertet, was dem Export wieder etwas Auftrieb verschafft.

Bliebe der Ölpreis auf dem derzeitigen Niveau und fiele der Dollar nicht unerwartet stark, würde dies den Konjunkturausblick aufhellen. Über allem hängen aber die Wolken der Finanzkrise. Weitere Rettungsaktionen für Banken könnten zu höheren Defiziten der öffentlichen Haushalte führen. Das IfW erwartet für 2009 in Deutschland nur ein geringes Minus, im restlichen Euro-Raum jedoch ein Defizit von 2,6 Prozent vom BIP.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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