18.10.2005 · Die wirtschaftliche Lage hat sich in den vergangenen Monaten verbessert. Für das zweite Halbjahr dieses Jahres zeichnet sich trotz der Ölpreissorgen eine Belebung der Wirtschaft ab: der monatliche Konjunkturbericht der F.A.Z.
Von Patrick WelterDie wirtschaftliche Lage hat sich in den vergangenen Monaten verbessert. Für das zweite Halbjahr dieses Jahres zeichnet sich trotz der Ölpreissorgen eine Belebung der Wirtschaft ab, die im Frühjahr stagnierte. Der F.A.Z.-Konjunkturindikator stieg im August das dritte Mal nacheinander. Wie lange die Erholung andauern wird und ob sie sich zu einem vollen Aufschwung entwickeln kann, ist aber unklar. Die meisten Volkswirte erwarten für das kommende Jahr ein eher gedämpftes Wachstum.
Getragen wird die jüngste Belebung vor allem durch das verarbeitende Gewerbe und damit durch die Außenwirtschaft. Im Zeitraum von Mai bis Juli stieg der Auftragseingang in diesem Bereich dreimal nacheinander kräftig, als Folge vor allem von Großaufträgen aus dem Ausland. Im August brachen die neuen Bestellungen erwartungsgemäß ein, sie liegen aber immer noch deutlich über dem Niveau im zweiten Quartal. So ist eine gute Basis gelegt dafür, daß die Industrie im zweiten Halbjahr sich gut entwickeln sollte.
Positive Nachrichten
Dies zeigt sich auch in der Produktion, die im August zwar deutlich um 1,7 Prozent gegenüber Juli sank. Doch selbst wenn die Industrieproduktion im September stagniert haben sollte, wäre für das dritte Quartal immer noch ein Zuwachs von 0,7 Prozent gesichert. Umfragen zeigen zudem, daß die Unternehmen zuletzt Fertigwarenlager ab- und den Auftragsbestand aufbauten. So werden Neuaufträge schneller in die Produktion umgesetzt, was die Industrie auch im aktuellen Quartal stützen sollte. Positiv stimmt auch, daß sich im Bauhauptgewerbe zumindest zeitweise eine gewisse Stabilisierung abzeichnete.
Weitere positive Nachrichten gibt es aus dem Dienstleistungsbereich. Nach dem NTS-Einkaufsmanagerindex, der seit Oktober für die Royal Bank of Scotland erstellt wird, erlebte der Dienstleistungssektor im September den stärksten Geschäftsaufschwung seit fünf Jahren. Der Indikator, der auf einer Umfrage unter 450 Unternehmen beruht, erreichte 56,2 Punkte und liegt damit deutlich über der Marke von 50 Punkten, die Ab- und Aufschwung trennt. Seit Jahresbeginn 2005 schon weist der Indikator nach oben.
Ein Achtungserfolg ergab sich nicht zuletzt bei den Krediten. Die Ausleihungen der deutschen Banken legten im August zum ersten Mal seit November 2003 wieder zu - wenn auch nur um zarte 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Doch scheint die langandauernde Periode der schrumpfenden Buchkredite abzuklingen; schon seit Jahresbeginn 2005 hatten die Schrumpfungsraten sich verringert.
Mittelfristige Aussichten gedämpft
Insgesamt erwarten manche Ökonomen für das dritte Vierteljahr ein Wirtschaftswachstum von bis zu 0,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Auf ein Jahr hochgerechnet, wären das rund 2 Prozent und damit ein für Deutschland ausgesprochen gutes Ergebnis. Eine erste Schätzung der Wachstumsdaten für das abgelaufene Quartal wird das Statistische Bundesamt Mitte November vorlegen.
Die mittelfristigen Aussichten für die Konjunktur aber bleiben gedämpft. Getragen wird die Belebung überwiegend vom Export, der sich besser hält, als es die ölpreisbedingten Sorgen über die Weltwirtschaft erwarten lassen. Die Binnenwirtschaft indessen zeigt vor allem als Folge des sehr schwachen privaten Konsums keine Zeichen einer durchgreifenden Besserung. Im ersten Halbjahr sank der private Konsum. Der Einzelhandelsumsatz schrumpfte bis August in sechs von acht Monaten. Zugleich aber verbessert sich die Lage am Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosigkeit fällt, und die Beschäftigung steigt.
Arbeitslosigkeit sinkt, Konsum steigt aber nicht
Das Rätsel, warum der Konsum trotzdem nicht in Schwung kommt, klärt sich durch strukturelle Verschiebungen am Arbeitsmarkt. Die saisonbereinigte Zahl der Arbeitslosen fiel seit dem Höchststand im April um rund 127 000. Drei Viertel davon ging auf die Ich-AG und Ein-Euro-Jobs, also auf vom Staat finanziell unterstützte Stellen zurück. Die Zahl der offenen Stellen erhöhte sich seit Januar um 157 000; davon sind 99 000 staatlich gefördert. Der Beschäftigungsaufbau in diesem Jahr gründet vor allem in auch staatlich geförderten Niedriglohnjobs, während der Abbau der voll sozialversicherungspflichtigen Stellen im dritten Quartal wieder Fahrt aufzunehmen scheint. Der Wandel am Arbeitsmarkt weist so auf ein Beschäftigungswachstum hin, das einen in der Summe geringeren Lohnzuwachs als früher nach sich zieht.
Nach Analyse der Deutschen Bank ist durch die Reformen die Beschäftigungsschwelle des Wachstums zwar deutlich gesunken. Bedurfte es früher drei Quartale eines Wachstums von 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, um die Beschäftigung steigen zu lassen, seien es heute als Folge der Reformen nur noch rund 1 Prozent in der mittleren Frist. Zugleich aber stieg die Konsumschwelle. Als Folge des niedrigeren Pro-Kopf-Einkommens bedarf es eines stärkeren Beschäftigungszuwachses als früher, bevor der private Konsum anspringt. Damit sind die Aussichten für eine Erholung des privaten Konsums im kommenden Jahr schlecht, sieht man von einem Schub durch die Fußball-Weltmeisterschaft ab.
Arbeitskosten steigen moderat
Die moderate Entwicklung der Verdienste und Einkommen, die die Beschäftigung stützt, zeigt sich auch im Arbeitskostenindex, den diese Zeitung von nun an regelmäßig veröffentlicht. Der Index wird seit kurzem vom Statistischen Bundesamt vierteljährlich berechnet. Er bildet die Arbeitskosten je geleistete Arbeitsstunde ab und wird üblicherweise als Veränderung gegenüber dem Vorjahresquartal in Prozent dargestellt, bereinigt um die unterschiedliche Zahl von Arbeitstagen in den Quartalen. Erfaßt werden mit dem Index die Bruttolöhne und -gehälter, die Sozialbeiträge der Arbeitgeber und sonstige Kosten. Der Index stellt ein umfassendes Maß der Arbeitskosten im produzierenden Gewerbe und in ausgewählten Dienstleistungen dar. Dazu zählen unter anderem der Handel, das Gastgewerbe und das Kredit- und Versicherungsgewerbe. Der Vorteil des Arbeitskostenindex, der in der Tabelle zum Konjunkturbericht die Reihe Lohnkosten je Stunde ersetzt, ist die Vergleichbarkeit mit entsprechenden Angaben aus anderen EU-Staaten und für den Euro-Raum.
Im zweiten Quartal stiegen die Arbeitskosten je Stunde in Deutschland um 0,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, nach 1,3 Prozent im ersten Vierteljahr. Damit setzte sich eine seit dem Jahr 2004 andauernde gedämpfte Entwicklung fort. Im Durchschnitt der Jahre 1999 bis 2003 stiegen die Arbeitskosten um 2,6 Prozent. Die Arbeitskosten in Deutschland wuchsen seit dem Jahr 2000 spürbar schwächer als im Euro-Raum. Darin spiegelt sich vor allem eine moderate Lohnpolitik der hiesigen Gewerkschaften wider.
Der Arbeitsmarkt - a lagging indicator.
Fionn Huber (fionn)
- 17.10.2005, 23:23 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
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| Rohöl Brent Crude | 106,36 $ | −0,46% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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