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F.A.Z.-Konjunkturbericht Eine Fahrt auf dem Wellblech

29.01.2010 ·  Die meisten Euro-Länder haben die Rezession inzwischen klar hinter sich gelassen. Von einem kräftigen, selbsttragenden Aufschwung ist noch keine Rede. Für die kommenden Monate steht eine Konjunktur mit kleinen Auf und Ab voraus.

Von Philip Plickert
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Es sind gefährliche Zeiten für den Euro-Raum. Die Angst geht um, dass einige Staaten nach der Wirtschaftskrise in eine Staatsfinanzkrise schlittern. Griechenland ist akut gefährdet. Sein turmhohes Defizit wirft Schatten auf seine Zahlungsfähigkeit. Auch in Spanien und Portugal sind die öffentlichen Finanzen in einer bedrohlichen Schieflage. Bedenklich ist die Situation auch in Irland. Immerhin hat die Grüne Insel recht entschieden die fiskalische Notbremse gezogen; vor der Krise war ihre Schuldenquote zudem gering. Nun aber drohen die Peripheriestaaten von den laufenden Defiziten erdrückt zu werden.

An den Finanzmärkten kursiert der Schimpfname "Pigs" für die vier schwächsten Glieder der Währungsunion; das hässliche Akronym setzt sich aus den Anfangsbuchstaben von Portugal, Irland, Griechenland und Spanien zusammen. Früher gab es die spöttische Bezeichnung "Club Med". Gemeint waren die unsoliden Länder des Mittelmeerraums, die ihre mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und ihre Schulden durch Abwertungen und Inflation zu überspielen versuchten. Jetzt steht die Währungsunion vor einer Zerreißprobe, weil der Euro-Raum auch konjunkturell auseinanderstrebt. In Spanien hat die Arbeitslosenquote wohl die Marke von 20 Prozent überschritten. In Griechenland formiert sich Protest gegen die Notsparpläne der Regierung.

Rezession war gestern

Abgesehen von den mediterranen Sorgenländern haben die meisten anderen Euro-Länder die Rezession inzwischen klar hinter sich gelassen. Im dritten Quartal wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) aller 16 Euro-Länder um 0,4 Prozent zum Vorquartal. Dabei ragte Deutschland mit 0,7 Prozent Zuwachs hervor. Doch schon im Schlussquartal hatte die größte Volkswirtschaft des Euro-Raums einen Durchhänger: Andeutungen des Statistischen Bundesamtes zufolge hat die Wirtschaftsleistung stagniert. Die Deutsche Bundesbank und das Wirtschaftsministerium sagen hingegen, dass die wirtschaftliche Entwicklung auch im Herbst weiter aufwärtsgerichtet war.

Dafür sprechen die weiter steigenden Stimmungsindikatoren, vor allem der Ifo-Index, wogegen der ZEW-Index etwas zurückgefallen ist. Besser als zunächst befürchtet geht es der Industrie. Entgegen der ersten Meldung zu Jahresbeginn hat sie im November doch ein großes Auftragsplus verbucht. Besonders aus dem Ausland kamen deutlich mehr Bestellungen. Damit wiederholt sich anscheinend das traditionelle Muster, dass die exportorientierte deutsche Wirtschaft vom Aufschwung der Weltwirtschaft hochgezogen wird. Wenn die Auslandsnachfrage schneller wächst, könnte Deutschland auch den oberen Rand der Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute erreichen. Diese gehen von nur 1,2 bis 2 Prozent Wachstum in diesem Jahr aus. Angesichts des tiefen Niveaus nach der Rezession - 2009 ist die deutsche Wirtschaft um etwa 5 Prozent gesunken - ist dies allerdings doch nur eine schwache Erholung.

Für die Weltwirtschaft sind die jüngsten Prognosen wieder optimistischer, vor allem, weil einige Schwellenländer mit China an der Spitze überaus stürmisch wachsen. Der Internationale Währungsfonds sagt nach dem Schrumpfen des Weltsozialprodukts um 0,8 Prozent 2009 für dieses Jahr rund 4 Prozent Wachstum voraus. In China, derzeit die Lokomotive der Weltkonjunktur, halten die IWF-Fachleute ein Wachstum von 10 Prozent in den kommenden zwei Jahren für möglich. Allerdings blicken nicht wenige Ökonomen mit Sorge auf das Reich der Mitte, dessen Wirtschaft zu überhitzen droht. Am Immobilienmarkt deuten die teils exorbitanten Preise die Gefahr einer Blasenbildung an. Um dem vorzubeugen, müsste die Pekinger Zentralbank das extrem hohe Kreditwachstum stärker bremsen. Sonst könnte die Lok aus dem Gleis springen und die Weltwirtschaft in neue Turbulenzen stürzen.

Euro-Raum von Überhitzung weit entfernt

Von Überhitzung ist der Euro-Raum weit entfernt. Die IWF-Fachleute sagen bloß ein mageres Wachstum von 1,0 Prozent voraus, nachdem das BIP der 16 Länder der Währungsunion im Rezessionsjahr 2009 um rund 4 Prozent gesunken ist. Auch die Ökonomen der Europäischen Zentralbank (EZB) haben zum Jahresende für 2010 ein Wachstum in der Spanne von 0,2 bis 2,0 Prozent - im Mittel also 1,1 Prozent - prognostiziert. Von einem kräftigen, selbsttragenden Aufschwung ist der Euro-Raum also noch weit entfernt. Dies zeigt auch die geringe Kapazitätsauslastung der Industrie von etwa 71 Prozent. Da in vielen Fabriken nur auf Sparflamme produziert wird, planen nur wenige Unternehmen neue Investitionen in Maschinen oder Anlagen. Im vierten Quartal hat vermutlich die Auffüllung der Lager nochmals die Produktion etwas gesteigert, doch hält der Schwung des Lagerzyklus nicht ewig. Auch der Schub der Konjunkturprogramme läuft langsam aus. Und bei weiter steigender Arbeitslosigkeit - inzwischen ist die Quote über 10 Prozent gestiegen - dürfte der private Konsum schwächer werden.

Daher rechnen viele Volkswirte mit einem nur geringen Wachstum im Winterquartal, zumal die Frosttage die Bauwirtschaft zum Erliegen gebracht haben. Für die kommenden Monate steht eine Konjunktur mit kleinen Auf und Ab voraus, wie eine Fahrt auf einem Wellblech (Finanzministerium: Erholung der Wirtschaft bleibt unsicher). Zugleich drohen eher mittelfristig die ökonomischen Ungleichgewichte im Euro-Raum weiter zuzunehmen: Während sich die Kernländer erholen, müssen die Länder der Peripherie, darunter einstige Boomländer wie Spanien, nach der Krise ein neues Geschäftsmodell suchen. In den Jahren unmittelbar nach der Euro-Einführung haben sie von real sehr niedrigen Zinsen profitiert, weil ihre Inflationsraten höher waren als der Durchschnitt. Dies hat in Spanien die Immobilienblase aufgepumpt, die nun geplatzt ist. Wie ungleichen Konjunkturverläufen mit einer einheitlichen Geldpolitik zu begegnen ist, dürfte den Strategen der EZB noch Kopfzerbrechen bereiten.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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