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F.A.Z.-Konjunkturbericht Eine Erholung auf wackeligen Beinen

30.11.2009 ·  Mit dem Ende der Rezession schaltet Europa nicht sprunghaft auf Wachstum, sondern beginnt eine mühsame Erholung. Viele Volkswirtschaften kämpfen mit den Folgen der Krise: der monatliche Konjunkturbericht der F.A.Z.

Von Philip Plickert
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Mit dem Ende der Rezession schaltet Europa nicht sprunghaft auf Wachstum, sondern beginnt eine mühsame Erholung. Viele schmerzhafte Folgen des wirtschaftlichen Einbruchs werden nachwirken, einige sogar noch zunehmen, vor allem die Arbeitslosigkeit und die Staatsverschuldung. Insgesamt fünf Quartale, von April 2008 bis Juni 2009, ist die Wirtschaftsleistung geschrumpft. In dieser Zeit ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Euro-Raum um rund 5 Prozent gesunken. Diese Rezession hat damit eine rund dreimal so schwere Einbuße gebracht wie die drei vorangegangenen Rezessionen im Durchschnitt.

Nun konnte Europa für den Sommer erstmals wieder ein leichtes Wachstum vermelden, wenngleich einige Länder wie Großbritannien, Spanien, Griechenland und wohl auch Irland weiter in der Rezession stecken. Im Herbst hat die Erholung im Kern des Euro-Raums allem Anschein nach an Fahrt gewonnen. Der vorangegangene Einbruch war jedoch so tief, dass trotz der Konjunkturwende für das Gesamtjahr 2009 mit etwa 4 Prozent BIP-Verlust gerechnet wird. Die Rezession steckt der europäischen Wirtschaft noch weiter in den Knochen, ihre Erholung steht auf wackeligen Beinen.

Angesichts des niedrigen Niveaus bewerten viele Beobachter das Wachstum von 0,4 Prozent im Sommer als eher mager. Die deutsche Wirtschaft, zuvor wegen des Exporteinbruchs besonders stark geschrumpft, hat im dritten Quartal um 0,7 Prozent zugelegt (zum Vorjahr freilich noch ein Minus von 4,8 Prozent). Deutschland zieht den Euro-Raum derzeit aus der Rezession. Frankreich hat mit 0,3 Prozent Plus die Erwartungen enttäuscht. Italien, die drittgrößte Volkswirtschaft im Euro-Raum, fand aus seiner langen Rezession mit einem Zuwachs von 0,6 Prozent heraus. Spanien, die viertgrößte Volkswirtschaft im Euro-Raum, hinkt mit minus 0,3 Prozent hinterher.

Die Frage ist, wie weit dieser Schub trägt

Als neues Wachstumszentrum der Welt erscheinen die aufstrebenden asiatischen Volkswirtschaften mit China an der Spitze. Davon profitieren auch die europäischen Exporteure. Im Sommer erzielte Deutschland einen Zuwachs der Warenausfuhr von fast 5 Prozent zum Vorquartal. Der Export des gesamten Euro-Raums steigt ebenfalls, wenngleich das Niveau des Vorjahres noch lange nicht wieder erreicht ist. Der Rückstand betrug zuletzt immer noch 18,4 Prozent, in Deutschland gut 15 Prozent.

Dass Europa trotz einiger Nachzügler im Sommer die Rezession überwunden hat, ist maßgeblich eine Folge der gewaltigen Konjunkturpakete. Diese haben den Absturz gestoppt und die Konjunktur neu gestartet - die Frage ist nur, wie weit dieser Schub trägt. Die Bauwirtschaft wird wohl noch länger staatliche Aufträge abzuarbeiten haben. Die Fahrzeugindustrie wird hingegen in Schwierigkeiten kommen. Nachdem die Abwrackprämien nun ausgelaufen sind, droht vielen Autoherstellern eine harte Landung.

Ohnehin sind die Kapazitäten der Industrie weiter äußerst gering ausgelastet, trotz der Belebung der Produktion seit Mai. Diese ist auch dem Lagerzyklus zu verdanken: In der Rezession haben die Unternehmen ihre Produktion und Bestellungen gestoppt und von Vorräten gelebt, nun müssen sie kräftig nachproduzieren. Ohne diesen Lageraufbau hätte es in Deutschland im dritten Quartal überhaupt kein BIP-Plus gegeben. Der private Konsum, der bis zu zwei Drittel der Nachfrage ausmacht, bremst derzeit in Deutschland und wird wohl noch schwächer werden. Er sinkt, weil mehr und mehr Bürger wegen Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit weniger verdienen. Die Arbeitsmärkte haben sich in der Rezession im Euro-Raum höchst unterschiedlich entwickelt: In Deutschland ist die Lage noch recht gut. Die Arbeitslosenquote von 7,6 Prozent (nach Eurostat) liegt deutlich unter den 9,7 Prozent des Durchschnitts. Am schlimmsten hat es Spanien getroffen, innerhalb eines Jahres hat sich die Arbeitslosenquote fast verdoppelt. Sie klettert jetzt in Richtung 20 Prozent.

Schulden und Defizite der Staaten steigen

Höhere Ausgaben für die Konjunkturpakete und für die Sozialsysteme sowie Steuerausfälle als Spätfolge der Rezession lassen die Staatsdefizite im kommenden Jahr im Euro-Raum auf gut 7 Prozent des BIP schnellen, so die besorgte Prognose der EU-Kommission. Mittelfristig stellen die Staatsschuldenberge - die Schuldenquote nähert sich 80 Prozent des BIP im Durchschnitt des Euro-Raums - eine erhebliche Belastung der wirtschaftlichen Aussichten dar, vor allem wenn die derzeit sehr niedrigen Zinsen einmal wieder steigen werden und die Finanzminister dann höhere Steuern einfordern.

Kurzfristig gibt es sowohl Risiken als auch Chancen im Euro-Raum. Die Ökonomen der EU-Kommission erwarten eine Abschwächung des Wachstums im Winter 2010. Im Gesamtjahr halten sie nur 0,75 Prozent Zuwachs für wahrscheinlich. Zum einen schwächt sich der Konsum ab, wenn die Arbeitslosigkeit weiter steigt. Zum anderen klagen viele Unternehmen über zunehmende Finanzierungsschwierigkeiten. Wenn die Banken mehr Kredite abschreiben müssen, weil Schuldner zahlungsunfähig werden, kann die Krise des Finanzsystems neu aufflackern. Im Winterhalbjahr könnte daher eine Kreditklemme drohen. Andererseits besteht auch die Chance, dass der globale Aufschwung kräftiger als erwartet anläuft.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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