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F.A.Z.-Konjunkturbericht Ein tiefer Graben zieht sich durch Europa

 ·  Die südeuropäischen Länder versinken immer tiefer in dem Strudel aus Schuldenanstieg, Sparprogrammen, schrumpfender Wirtschaft und steigender Arbeitslosigkeit. Deutschland dagegen hält sich gut.

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© F.A.Z. F.A.Z.-Konjunkturbericht

Die europäische Wirtschaft hat sich scheinbar stabilisiert. Darauf deuten mehrere Frühindikatoren hin, etwa der Einkaufsmanagerindex sowie der Economic Sentiment Index der EU-Kommission. Dabei zieht sich ein tiefer Graben durch die europäischen Volkswirtschaften: Vor allem Deutschland hält sich gut. Zwar geht auch die größte Volkswirtschaft des Euroraums im Winter durch eine Stagnationsphase oder erlebt sogar eine leicht Rezession, doch bleibt sie - getragen von der Binnenkonjunktur - auf hohem Niveau. Auch die Abschwächung der Weltwirtschaft hat sie bislang nicht sonderlich getroffen.

Die Länder der südeuropäischen Peripherie, die etwa ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) des gesamten Euroraums ausmachen, versinken dagegen immer tiefer in dem Strudel aus Schuldenanstieg, Sparprogrammen, schrumpfender Wirtschaft und steigender Arbeitslosigkeit. Zum Jahresende ist die Zahl der Erwerbslosen mit rund 16,5 Millionen - eine Quote von 10,4 Prozent - auf den höchsten Stand seit Beginn der Währungsunion gestiegen. Die höchste Arbeitslosenquote von fast 23 Prozent verzeichnet Spanien (mehr als 5 Millionen Erwerbslose), gefolgt von Griechenland mit mehr als 19 Prozent, Irland mit 14,5 und Portugal mit 13,6 Prozent. Wegen der schlechten Entwicklung der Peripherie liegt Europas Wirtschaftsleistung dreieinhalb Jahre nach Beginn der Krise immer noch 1,8 Prozent unter dem Stand vor der Rezession.

Lähmende Faktoren

Die Verunsicherung der Bürger in der Peripherie führt zu Konsumzurückhaltung, die Unternehmen verschieben Investitionen. Beides zusammen lähmt die Konjunktur. Griechenland erscheint als hoffnungsloser Fall. Das Land steckt nun schon das fünfte Jahr in einer sich verschärfenden Rezession und leidet unter der Last eines rasant gestiegenen Schuldenberges. Portugal kämpft ebenso mit einer tieferen Rezession und steigendem Misstrauen der Finanzmärkte. Die Schwergewichte Spanien und Italien müssen in diesem Jahr mit schrumpfender Wirtschaftsleistung rechnen. Die Kapitalmärkte beobachten nervös, ob sie diesen Ländern noch Geld leihen können. Italiens Risikoprämien sind zuletzt deutlich gesunken, die Rekordzinsen für Portugal deuten jedoch ein hohes Ausfallrisiko an. Diese Unsicherheiten belasten die Wirtschaft und den konjunkturellen Ausblick in Südeuropa. Die Krise der Peripherie zieht langsam auch ins Zentrum des Euroraums, wovon die nachlassende Wirtschaftsleistung in Frankreich zeugt.

Als einziger Anker, so scheint es derzeit, hält sich Deutschland. Zum Jahresbeginn gab es mehrere erfreuliche Nachrichten. So konnte das Ifo-Geschäftsklima im Januar den dritten Anstieg in Folge verzeichnen und eine Trendwende einleiten. Zwar schwächten sich die aktuellen Geschäfte im Januar gegenüber Dezember leicht ab, und die Kapazitätsauslastung der Industrie liegt niedriger als im Herbst. Doch blicken die Unternehmen zuversichtlicher in die Zukunft. "Die deutsche Wirtschaft startet mit Elan ins neue Jahr", meinte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, sonst einer der Pessimisten in der Euro-Krise. Eine geringe Arbeitslosigkeit von 5,5 Prozent (nach europäischem Standard) stärkt das Konsumentenvertrauen. Der starke Anstieg des ZEW-Konjunkturerwartungsindex zeigt, dass Anleger und Analysten im Januar Vertrauen gefasst haben. Das gebe "Anlass zu vorsichtigem Optimismus, dass es sich entgegen wiederholt vorgebrachten Warnungen vor einer Rezession lediglich um eine Konjunkturdelle handelt", sagte ZEW-Präsident Wolfgang Franz.

Die EZB schiebt an

Im dritten Quartal ist die europäische Wirtschaft mit einem Plus von revidiert nur 0,1 Prozent beinahe stagniert, im Schlussquartal 2011 ist das BIP vermutlich recht deutlich gesunken. Die Volkswirte der Europäischen Zentralbank berichten besorgt über die magere Konsumnachfrage, sinkende Einzelhandelsumsätze und abnehmende Autoverkäufe. Die Neigung der Bürger zu größeren Anschaffungen sei auf "historisch niedrigem Niveau", betont die EZB. Noch stärker rückläufig sind die Investitionen. Schon im September verzeichnete die Investitionsgüterproduktion ein Minus von 3,9 Prozent, im Oktober nahm sie nochmals um 0,9 Prozent ab. Vor allem die Bauwirtschaft in Südeuropa hat ihre Aktivitäten verringert. Der Auftragseingang der Gesamtindustrie ist im September um 7,8 Prozent eingebrochen. Im Oktober erholte er sich nur gering um 1,5 Prozent und büßte im November wieder um 1,3 Prozent ein. All dies deutet auf ein schwaches viertes Quartal mit rund einem halben Prozent BIP-Verlust hin.

Ein kräftiger Schub für die lahmende Wirtschaft kommt indes von der EZB, die im Dezember die Geldschleusen für die Banken weit geöffnet hat und die Märkte mit sehr günstiger Liquidität flutet. Das hat die Risikoprämien kurzfristig deutlich gedrückt und verbilligt Kreditzinsen. Die EZB erwartet, dass diese Maßnahmen sowie eine leichte Belebung der Weltwirtschaft im Verlauf des Jahres zu einer langsamen Erholung der europäischen Konjunktur führen.

Allerdings gibt es zunehmend Prognosen, die dem Euroraum für das Gesamtjahr eine schrumpfende Wirtschaft voraussagen. Während die EU-Kommission in ihrer Herbstprognose im November noch von 0,5 Prozent Wachstum im Jahr 2012 ausging, hält der Internationale Währungsfonds eine "milde Rezession" mit einem Minus von 0,5 Prozent für realistisch. Besonders düster und beunruhigend sind die Prognosen des IWF für Italien (minus 2,2 Prozent) und Spanien (minus 1,7 Prozent). Griechenland und Portugal sehen auch die EU-Ökonomen in Rezessionen mit rund 3 Prozent BIP-Rückgang. Für Deutschland und Frankreich erwarten die Washingtoner Ökonomen nur ein minimales Jahresplus von 0,3 und 0,2 Prozent.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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