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F.A.Z.-Konjunkturbericht Die Wirtschaft im Euro-Raum wächst robust

19.05.2006 ·  Die Wirtschaft im Euro-Raum erlebt eine konjunkturelle Belebung. Die Analyse des Kapitalstocks aber zeigt, daß die mittelfristigen Wachstumsaussichten bescheiden bleiben. Der F.A.Z.-Konjunkturbericht.

Von Patrick Welter
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Trotz der Risiken durch Ölpreis und Euro-Wechselkurs deutet vieles darauf hin, daß das Wirtschaftswachstum im Euro-Raum in den kommenden Monaten an Substanz gewinnen wird. Die konjunkturelle Belebung bedeutet indes nicht, daß sich die langfristigen Wachstumsaussichten in der Währungsunion verbessern werden.

Im ersten Quartal des Jahres legte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach einer ersten Schätzung 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu, nach einem Ausrutscher zum Jahresschluß 2005 von nur 0,3 Prozent. Im Trend wächst die Euro-Wirtschaft seit Sommer des vergangenen Jahres mit Quartalsraten von etwa 0,5 Prozent. Dies entspricht auf ein Jahr hochgerechnet annähernd der inflationsneutralen Potentialrate, die das mittelfristige Trendwachstum angibt und die von der Europäischen Zentralbank (EZB) auf rund 2 Prozent geschätzt wird. Damit ist es eigentlich verfehlt, von einem Aufschwung zu sprechen. Wohl aber hat die Wirtschaft einen robusten Wachstumspfad eingeschlagen, der nach Konjunkturumfragen noch einige Zeit andauern sollte.

Die großen Euro-Staaten kommen in Fahrt

Die Kräftigung des Wirtschaftswachstums gründet vor allem darin, daß die großen Euro-Staaten Deutschland und Italien nach der Stagnation zum Jahresschluß 2005 wieder in Fahrt gekommen sind, so daß die Erholung an Breite gewinnt. Dagegen schwächte die konjunkturelle Dynamik in einigen kleineren Euro-Staaten sich ein wenig ab. Der starke Zuwachs der Einfuhr nach Deutschland deutet darüber hinaus darauf hin, daß die hiesige Wirtschaft auf Erholungskurs ist. Als Folge der großen Handelsverflechtung dürften davon auch die anderen Euro-Staaten profitieren. Ob dies zum Kern eines sich wechselseitig befeuernden Aufschwungs im Euro-Raum werden kann, ist offen.

Über die Wachstumskräfte im ersten Quartal liegen noch keine Angaben aus den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen vor. Der Einzelhandelsumsatz wuchs von Januar bis März um magere 0,1 Prozent, was trotz der weiter sinkenden Arbeitslosenquote auf eine verhaltene Entwicklung des privaten Konsums hindeutet. Dagegen produzierte das verarbeitende Gewerbe im ersten Vierteljahr solide 0,8 Prozent mehr. Zusammen mit dem im Trend steigenden Auftragseingang zeigen die Stimmungsumfragen in der Industrie einen andauernden Aufschwung an. Zum Beginn des zweiten Quartals schätzten die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes ihre Kapazitätsauslastung auf 82,2 Prozent und damit zum zweiten Mal nacheinander höher als im langfristigen Mittel. Dies läßt darauf hoffen, daß die Investitionen der Unternehmen nach dem Einbruch zum Jahresschluß 2005 wieder angezogen sind und das gesamtwirtschaftliche Wachstum angetrieben haben.

Weiche Konjunkturumfragen können irren

Weil die aus Umfragen gewonnenen Stimmungsindikatoren in jüngster Zeit zu einem steilen Höhenflug ansetzten und die reale Wirtschaft kaum hinterherkommt, diskutieren Konjunkturforscher derzeit intensiv über die Frage, wie sehr die "weichen" Umfragedaten als Indikator für die "harte" Konjunkturentwicklung dienen können. Auch die EZB hat sich im jüngsten Monatsbericht damit auseinandergesetzt. Grundsätzlich liege der Vorteil der Umfragen darin, daß sie einige Monate vor den Ergebnissen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen frühzeitig ein Bild über die Wirtschaftslage gäben.

Die Untersuchungen zeigen, daß die Konjunkturumfragen der Europäischen Kommission, aus denen auch der in der Tabelle aufgeführte Index des Unternehmenvertrauens stammt, im Regelfall einen hohen Gleichlauf mit der tatsächlichen Wirtschaftsentwicklung aufweisen. Dagegen laufe der RBS/NTC-Einkaufsmanagerindex, über den diese Zeitung regelmäßig berichtet, der Konjunktur im Regelfall ein wenig voraus und könne als Frühindikator dienen. Doch warnt die EZB, daß der Zusammenhang zwischen weichen und harten Daten gerade in den vergangenen Jahren nicht immer eng gewesen sei. Im Klartext heißt das: Konjunkturumfragen können schon einmal einen Aufschwung anzeigen, der dann aber gar nicht oder nicht im erhofften Ausmaß stattfindet.

Kapitalstock wächst langsamer

Die Wachstumsschätzung für das erste Quartal dürfte die Bank in ihrer Auffassung bestärken, daß die Erholung im Euro-Raum vorerst trägt. Im Monatsbericht findet die EZB dafür ein weiteres Indiz. Erstmals haben die Ökonomen der Zentralbank den Kapitalstock in der Währungsunion geschätzt. Der Bruttokapitalstock ist das physisch vorhandene Kapital, das für die Produktion im Euro-Raum zur Verfügung steht.

Die Berechnungen der EZB zeigen, daß der Kapitalstock im Gebiet der heutigen Währungsunion jetzt im Trend weniger stark wächst als früher. Für die Jahre 1981 bis 1992 meldet die Bank ein durchschnittliches Wachstum von rund 2,8 Prozent je Jahr. Seither hat sich der Zuwachs auf rund 2,1 Prozent verlangsamt. Dieser Befund spiegelt wider, daß der Euro-Raum seit den neunziger Jahren als Investitionsstandort an Attraktivität verloren hat, und er läßt für die mittelfristigen Wachstumsaussichten trotz der derzeitigen konjunkturellen Belebung nichts Gutes erwarten. Deutlich stärker als der allgemeine Kapitalstock haben sich in den vergangenen Jahren die sonstigen Anlagen entwickelt, zu denen auch Computerprogramme (Software) gehören.

Trotz der im langfristigen Trend schrumpfenden Entwicklung des Kapitalstocks deuten die Ergebnisse am aktuellen Rand darauf hin, daß die Wirtschaft Fahrt aufgenommen hat. So hat der Zuwachs der Investitionen in Metallerzeugnisse und Maschinen sich im Jahr 2005 beschleunigt. Die EZB verweist auch darauf, daß der Anteil der Ersatzinvestitionen (ohne Bau) seit 2003 deutlich gesunken ist. Im Umkehrschluß bedeutet dies, daß die Unternehmen im Euro-Raum zunehmend in Erweiterungen investieren. Dieser Befund stützt die Erwartung einer andauernden konjunkturellen Belebung.

Quelle: F.A.Z., 19.05.2006, Nr. 116 / Seite 14
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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