24.08.2007 · Deutschland hat Glück. Die Vertrauenskrise am Finanzmarkt trifft auf eine recht robuste Konjunktur. Dennoch könnte das Wirtschaftswachstum unter den Turbulenzen leiden. Der monatliche Konjunkturbericht der F.A.Z.
Von Patrick WelterWie stark wird die Krise an den Finanzmärkten die deutsche Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen? Auf diese brennende Frage können Konjunkturforscher derzeit keine verlässliche Antwort geben. Die Wirtschaftsdaten liegen nicht so zeitnah vor, dass schon erste Auswirkungen ablesbar wären. Ohnehin ist unklar, wie lange die Spannungen am Geldmarkt noch andauern werden und ob - und gegebenenfalls wie stark - verunsicherte Geschäftsbanken ihre Kredite verteuern werden. Der rasante Verfall der Konjunkturerwartungen von Analysten und institutionellen Investoren, den der ZEW-Index anzeigte, ist jedenfalls derzeit kein solides Maß: Der ZEW-Indikator ist für seine großen Schwankungen bekannt, und mitten in einer Krise ist großer Pessimismus von Finanzmarktteilnehmern nicht erstaunlich.
Soweit die harten Wirtschaftsdaten reichen, deuten sie für Deutschland auf weiteres Wachstum hin, wenngleich dieses in den kommenden Monaten nicht mehr so stürmisch verlaufen dürfte wie noch im vergangenen Jahr. Im zweiten Quartal hat die wirtschaftliche Dynamik sich zwar überraschend deutlich abgeschwächt. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag nur 0,3 Prozent höher als im ersten Vierteljahr. Auch die Vorjahresrate von 2,5 Prozent zeigt eine Verlangsamung an. Im Winterhalbjahr lag sie noch höher als 3 Prozent.
Die Außenwirtschaft schiebt, der Investitionsaufschwung läuft
Die Detailangaben zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, die das Statistische Bundesamt am Donnerstag vorlegte, zeigen indes eine gespaltene Wirtschaftsentwicklung. Von der Außenwirtschaft erhielt die Wirtschaft wieder kräftige Impulse. Wenngleich der Export mit 0,9 Prozent im Quartalsvergleich erheblich langsamer wuchs als noch im zweiten Halbjahr 2006, trug der Außenhandel als Folge eines schrumpfenden Imports rechnerisch deutliche 0,8 Prozentpunkte zum Wachstum bei. Gebremst hat im zweiten Vierteljahr damit die Binnenwirtschaft: Die inländische Nachfrage ging im Quartalsvergleich um 0,6 Prozent zurück.
Maßgeblich verantwortlich dafür waren die um 4,8 Prozent geschrumpften Bauinvestitionen. Dies ist eine Spätfolge des milden Winters: Weil in den ersten Monaten des Jahres außergewöhnlich viel im Freien gearbeitet werden konnte, hat der - nach der Erhöhung der Mehrwertsteuer - erwartete Einbruch der Bauaktivität sich ins zweite Quartal verschoben. Dagegen entwickelten die sonstigen Investitionen sich abermals robust. Die Unternehmen investierten 2,5 Prozent mehr in neue Ausrüstungen. Damit dauert dieser Investitionsaufschwung weiterhin an. Auch die zuletzt sehr gute Entwicklung des Auftragseingangs im verarbeitenden Gewerbe weist auf eine robuste Industriekonjunktur in Deutschland hin. Zwar wurde das jüngste Plus der Bestellungen von 4,4 Prozent durch Großaufträge überzeichnet; doch weist der Auftragstrend auch aus dem außereuropäischen Ausland nach oben. Es gibt bislang keinen Anlass, an einer weiterhin guten Industriekonjunktur zu zweifeln, wenn auch die Kapazitätsauslastung sich im Sommer abschwächte.
Privater Konsum bleibt Sorgenkind
Der private Konsum, die wichtigste Nachfragekomponente in der Binnenwirtschaft, erholte sich im zweiten Quartal von dem mehrwertsteuerbedingten Einbruch zu Jahresbeginn. Der private Verbrauch stieg im Quartalsvergleich um 0,6 Prozent, was angesichts der steigenden Beschäftigung und des Umfrageoptimismus der Verbraucher freilich ein eher bescheidenes Plus ist. Der Aufschwung hat immer noch nicht die vielfach erwartete Breite gewonnen. Tatsächlich sparten die privaten Haushalte im ersten Halbjahr spürbar mehr als zuvor. Die Sparquote stieg in der saisonbereinigten Rechnung auf 10,9 Prozent. Den Konsum belastete darüber hinaus, dass der Anstieg der Bruttolohnsumme durch Sozialabgaben und Steuern weitgehend aufgezehrt wurde. Die Bruttolöhne stiegen im zweiten Vierteljahr um 0,7 Prozent zum Vorquartal. Netto blieb nur ein Plus von 0,1 Prozent übrig. Je Arbeitnehmer gerechnet, sanken die monatlichen Nettolöhne und -gehälter sogar um 0,2 Prozent zum Vorquartal.
Konsum und Investitionen dürfte auch belastet haben, dass die Unternehmens- und Vermögenseinkommen, von denen auch die privaten Haushalte als Anleger profitieren, im zweiten Quartal deutlich um 3,7 Prozent zurückgingen, nachdem sie in den Jahren zuvor kräftig gestiegen waren. Sollte diese Entwicklung sich fortsetzen, würde dies die Erwartungen eines bis ins Jahr 2008 andauernden Aufschwungs dämpfen.
Risiken aus der Finanzkrise
Insgesamt deutet vieles darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft der Finanzkrise in robuster Verfassung begegnete, wenn auch die vergangenen Zinserhöhungen allmählich zu einer langsameren Gangart führen solten. Auch mit gelegentlich erwarteten Wachstumsraten von gut 2 Prozent stünde Deutschland im historischen Vergleich nicht schlecht da. Sollten sich die Spannungen am Geldmarkt rasch wieder legen, wären Abwärtsrevisionen solcher Prognosen kaum zu erwarten. Die Neubewertung von Kreditrisiken, die nach der sehr langen Zeit sehr niedriger Zinsen einer Normalisierung gleichkommt, wird zwar manche Kredite für Unternehmen verteuern. Dies ist teils aber auch geboten, um Fehlinvestitionen vorzubeugen. Das größere Interesse von Anlegern an sichereren Anlagen begünstigt ferner die Kosten der Kapitalaufnahme für große Unternehmen, was der Konjunktur hilft. Ohnedies sind die deutschen Unternehmen nach der Bilanzbereinigung der vergangenen Jahre bei weitem nicht so stark von der Außenfinanzierung abhängig wie oft angenommen.
Höhere Kreditzinsen dürften den privaten Konsum - im Gegensatz etwa zu den Vereinigten Staaten oder Spanien - kaum beeinflussen, weil die deutschen privaten Haushalte in den vergangenen Jahren nicht in einen Immobilienkaufrausch verfallen waren. Als Risiko stellt sich freilich dar, dass viele private Haushalte etwa in Geldmarktfonds investiert haben. Verluste dort dürften breite Kreise der Bevölkerung treffen. Doch ist auch hier relativierend anzumerken, dass die Abhängigkeit des Konsums von privatem Finanzvermögen in Deutschland nicht sonderlich stark ausgeprägt ist.
Als größtes Risiko der Finanzkrise bleibt damit, dass die Verwerfungen am amerikanischen Hypothekenmarkt die Wirtschaft der Vereinigten Staaten in die Rezession schlittern ließen. Trotz der guten Entwicklung in vielen Schwellenländern würde dies der Weltwirtschaft einen deutlichen Schlag versetzen, der auch den deutschen Export träfe. Ob es dazu aber kommt, ist derzeit nicht vorhersehbar.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2471 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,36 $ | −0,46% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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