Home
http://www.faz.net/-gqf-quuz
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 17. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

F.A.Z.-Konjunkturbericht Der Konjunktur-Optimismus steht auf schwachen Beinen

10.08.2005 ·  Der Auftragseingang zieht an, der F.A.Z.-Indikator steigt und auch die Stimmungsbarometer zeigen nach oben. Doch es ist zu früh, um einen Aufschwung zu verkünden. Der monatliche F.A.Z.-Konjunkturbericht.

Von Patrick Welter
Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (0)

Die Erleichterung ist den Konjunkturbeobachtern derzeit anzumerken. Die jüngste Entwicklung wichtiger Indikatoren läßt eine moderate Erholung der deutschen Wirtschaft im zweiten Halbjahr möglich erscheinen. Damit würden die Erwartungen der Konjunkturforscher erfüllt, die im Frühjahr nur noch schüchtern und wortkarg vorgetragen wurden. Vorsicht ist allerdings angebracht. Zu oft zeigte die deutsche Wirtschaft in den vergangenen Jahren Zeichen der Besserung, die dann schnell wieder abbrach. Eine Erholung der Wirtschaft bedeutet noch lange nicht, daß diese auch in einen Aufschwung mündet.

„Weiche“ Stimmungsindikatoren wie der aus Umfragen gewonnene Ifo-Geschäftsklimaindex signalisieren, daß die Unternehmen wieder Hoffnung schöpfen. Freilich ist der Ifo-Index erst zweimal nacheinander gestiegen. Die Faustregel, nach der erst ein dreimaliger Anstieg eine konjunkturelle Wende signalisiert, ist noch nicht erfüllt. Daneben zeigten auch „harte“ Indikatoren wie der Auftragseingang und die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe zuletzt eine deutliche Besserung an.

Hohes Ausmaß an positiver Überraschung

Der F.A.Z.-Konjunkturindikator für Juni legte gegenüber dem Vormonat so stark zu wie seit dem Frühjahr 2004 nicht mehr. Das zeigt das Ausmaß der positiven Überraschung, deren Nachhaltigkeit freilich nicht bewiesen ist. Der kräftige Anstieg der Bestellungen im Juni zeigt vor allem Großaufträge im Bereich der Investitionsgüter, die eine Verbesserung im Trend vorgaukeln, die tatsächlich weniger stark ausfällt.

Die leichte Zuversicht, die sich dennoch auch für die europäische Konjunktur breitmacht, wird an diesem Donnerstag wahrscheinlich einen Dämpfer erhalten - zumindest in der Wahrnehmung des breiten Publikums. Dann veröffentlichen die Statistiker ihre Schnellschätzungen für das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal. Für Deutschland wird im Vergleich zum Vorquartal in etwa eine Stagnation oder ein leichtes Wachstum erwartet, was nach dem statistisch wohl überhöhten Zuwachs um ein Prozent im ersten Quartal enttäuschend ist. Für den Euro-Raum erwarten Volkswirte eine Abschwächung des saison- und preisbereinigten Wachstums des Bruttoinlandsprodukts von 0,5 auf 0,2 bis 0,3 Prozent.

Wieder Unterstützung durch die Binnenkonjunktur

Neben dem Export dürfte im zweiten Quartal die Binnenkonjunktur die deutsche Wirtschaft gestützt haben, zum ersten Mal seit dem dritten Quartal 2004. Die nominalen Daten für den Außenhandel lassen erkennen, daß die Warenausfuhr mit 2,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal ordentlich gewachsen ist. Das hebt für sich genommen die gesamtwirtschaftliche Produktion.

Die Wareneinfuhr wuchs in der nominalen Rechnung um 3,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Davon dürfte rund ein Prozent auf die höheren Preise für die Energieeinfuhr zurückzuführen sein. Damit könnte der preisbereinigte Außenbeitrag, die Differenz von Export und Import inklusive des Dienstleistungshandels, in etwa wachstumsneutral ausgefallen sein.

Leichtes Plus im produzierenden Gewerbe

Viele Indikatoren sprechen für einen leicht positiven Wachstumsbeitrag der Binnenwirtschaft. Stimmungsindikatoren für den Dienstleistungsbereich weisen auf eine größere Dynamik hin. Und trotz der Wachstumsdelle wuchs die Produktion im produzierenden Gewerbe im zweiten Quartal noch um 0,5 Prozent. Dabei half, daß im Baugewerbe der witterungsbedingte Produktionsausfall zu Jahresbeginn nachgeholt wurde.

Auch das Verarbeitende Gewerbe produzierte 0,5 Prozent mehr. Von der Nachfrageseite her ist unklar, wohin diese Produktion ging. Die Schwäche des privaten Konsums und die Beurteilung der Fertigwarenlager als eher zu groß durch die Unternehmen läßt den Schluß zu, daß diese ihre Läger im zweiten Quartal aufgefüllt haben. Dies könnte die weitere Entwicklung belasten.

Auftragslage stimmt hoffnungsvoll

Die Hoffnungen für die kommenden Monate richten sich darauf, daß die Auftragsbücher der Industrieunternehmen sich deutlich gefüllt haben. Die ausländischen Bestellungen hielten zuletzt das hohe Niveau des Vorquartals; die Besserung der weltwirtschaftlichen Lage und der schwächere Euro versprechen weitere Zuwächse. Als besonders positiv werten Volkswirte aber, daß die inländischen Aufträge zuletzt anzogen. Dies gilt für die Hersteller von Investitionsgütern, aber vor allem für die Hersteller von Konsumgütern.

Diese meldeten im Juli zum neunten Mal nacheinander mehr Aufträge aus dem Inland, was den Konjunkturforschern ein Rätsel aufgibt. Denn alle anderen Indikatoren für den privaten Konsum lassen keine Besserung erkennen. Der Einzelhandelsumsatz ist nach dem Zwischenhoch zur Jahreswende im zweiten Quartal inflationsbereinigt geschrumpft. Freilich muß die Aussagekraft dieser Daten für den privaten Konsum sich nach der Neuauswahl der befragten Unternehmen durch die Statistiker noch beweisen. Doch auch der von der Europäischen Kommission in Umfragen ermittelte Index des Verbrauchervertrauens ist zuletzt wieder gefallen und zeigt Stagnation an.

Konsum vermutlich weiter schwach

Nicht nur wegen des hohen Ölpreises gilt es als unwahrscheinlich, daß die Konsumkonjunktur in den kommenden Monaten anspringt. Die jüngste Verringerung der saisonbereinigten Arbeitslosenzahl gründet vor allem in der Vermittlung in den zweiten, staatlich gestützten Arbeitsmarkt. Der Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten hat sich wieder beschleunigt. Zudem bremst die Politik die Möglichkeiten zum Konsum: Der Beitrag der privaten Haushalte zur gesetzlichen Krankenversicherung stieg zum 1. Juli deutlich. Und ein möglicher Regierungswechsel wirft seine Schatten voraus.

Nach Berechnungen der Commerzbank würde das Wahlprogramm der Unionsparteien, wenn es umgesetzt würde, die privaten Haushalte vor allem dank der höheren Mehrwertsteuer im Jahr 2006 netto mit etwa 8,3 Milliarden Euro belasten. Hinzu kämen netto 4,4 Milliarden Euro aus bereits beschlossenen Maßnahmen der jetzigen Regierung. Insgesamt entspräche das Minus rund 0,9 Prozent des verfügbaren Einkommens. Mehr Einkäufe wird sich da kaum jemand erlauben können. Entlastet würden durch das Unions-Programm die Unternehmen netto um rund 5 Milliarden Euro. Die mit den Reformen der Union verbundenen Wachstumsimpulse sind nach Meinung der Commerzbank erst mittelfristig zu erwarten. Auch deshalb könnte der moderate Konjunktur-Optimismus sich als verfrüht erweisen.

Quelle: F.A.Z., 10.08.2005, Nr. 184 / Seite 10
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Abschied ohne Schock

Von Holger Steltzner

Der griechische Staatspräsident hat sich in Rage geredet: Wolfgang Schäuble habe sein Land beleidigt. Was genau meint Papoulias damit? Mehr 3 57

16.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.751,96 −0,09%
 OK
Umfrage

Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.