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F.A.Z.-Konjunkturbericht Der Höhepunkt ist wohl erreicht

17.11.2006 ·  Das gab es lange nicht mehr: Deutschlands Wirtschaft dürfte wenigstens noch in diesem Jahr annähernd so stark wachsen wie der Durchschnitt der Euro-Staaten. Dann aber geht es wohl wieder bergab - mit der deutschen wie mit der Euro-Raum-Konjunktur.

Von Werner Mussler
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Es ist eine neue Erfahrung für die deutsche Volkswirtschaft, die in den vergangenen Jahren meist die rote Wachstums-Laterne im Euro-Raum umgehängt bekam. In diesem Jahr dürfte Deutschland annähernd so stark wachsen wie der Durchschnitt der zwölf Euro-Staaten. Mehr noch: Daß die Euro-Wachstumsrate 2006 so hoch ausfallen wird wie seit dem Boomjahr 2000 nicht mehr, ist nicht zuletzt dem Aufschwung in der größten Volkswirtschaft der Währungsunion zu verdanken.

Das Statistische Bundesamt hat in dieser Woche für Deutschland nicht nur ein weiteres robustes Wachstum im dritten Quartal (0,6 Prozent zum Vorquartal) konstatiert, es hat vor allem die Wachstumsraten für das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Halbjahr 2006 noch einmal nach oben revidiert. Die jetzt vorliegenden Zahlen lassen erwarten, daß das laufende Jahr - gemessen an den deutschen Maßstäben - als Aufschwung in die Annalen eingeht. Die Prognosen der vergangenen Woche (2,3 bis 2,4 Prozent Wachstum) könnten noch leicht übertroffen werden. Jedenfalls wird die deutsche Wirtschaft mit einer Jahresrate von über 2 Prozent stärker wachsen als das Produktionspotential.

Dynamik im Euro-Raum nicht fortgesetzt

Das Europäische Statistikamt Eurostat hat die bisherigen BIP-Daten für den Euro-Raum im ersten Halbjahr noch nicht nach oben revidiert. Eine solche Revision ist aber (auf der Grundlage der deutschen Revisionen) in nächster Zeit zu erwarten. Auch die Euro-Wirtschaft könnte 2006 also noch etwas stärker gewachsen sein, als es die letzten Prognosen (2,6 Prozent) ausweisen.

Die von Eurostat in dieser Woche vorgelegten ersten BIP-Schätzungen für das dritte Quartal zeigen: Das Wachstum im Euro-Raum ist robust geblieben, die Dynamik des ersten Halbjahrs (mit Quartalszuwachsraten von annähernd 1 Prozent) hat sich aber nicht fortgesetzt. Das Plus von 0,5 Prozent zum Vorquartal blieb leicht hinter den Erwartungen zurück.

Schlußlicht 2006: Italien

An Deutschland lag das nicht. Schwächer als erwartet zeigten sich Frankreich und Italien. Die französische Wirtschaft, die im zweiten Vierteljahr noch mit einer rekordverdächtigen Rate von 1,2 Prozent gewachsen war, stagnierte im Quartalsvergleich. Manche Bankvolkswirte erklären den Einbruch mit methodischen Schwierigkeiten der nationalen Statistikbehörde bei der Saisonbereinigung der BIP-Daten. Allein damit dürfte sich der jüngste Einbruch aber nicht erklären lassen. Auch die - im vergangenen Jahr noch stagnierende - italienische Wirtschaft ist jüngst offenbar nur mäßig gewachsen. Unter den großen Ländern des Euro-Raums bleibt Italien in diesem Jahr das Wachstumsschlußlicht.

Im kommenden Jahr wird der Verlauf der Euro-Konjunktur wohl noch stärker als im ablaufenden Jahr von Deutschland abhängen. Ungewöhnlich oft verweist etwa die Europäische Kommission in ihrer Konjunkturprognose für den Euro-Raum auf die Auswirkungen der anstehenden Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland. Ob diese wegen des Vorzieheffekts für 2006 wirklich - wie von Brüssel behauptet - wachstumsneutral wirkt, wird man bezweifeln dürfen. Daß sie 2007 mindestens zu einer Konjunkturdelle auch im Euro-Raum führen wird, ist jedenfalls unstrittig.

Schlußlichter 2007: Deutschland, Italien

Dämpfend dürfte sich im kommenden Jahr auch die Finanzpolitik in Italien auswirken. Die Konsolidierungsschritte, die die Regierung in Rom noch durch das Parlament bringen muß, sind wahrscheinlich das mindeste dessen, was zur Gesundung der maroden Staatsfinanzen nötig ist. Doch sie werden dazu beitragen, daß das italienische Wachstum 2007 noch magerer sein wird als in diesem Jahr. Die politischen Versuche der Haushaltskonsolidierung dürften jedenfalls dazu beitragen, daß Deutschland und Italien im kommenden Jahr wieder zu den Wachstumsschlußlichtern im Euro-Raum gehören werden.

Dämpfend dürfte 2007 indes nicht nur die Politik wirken, sondern auch die weltwirtschaftliche Entwicklung. Von dieser hängt der Euro-Raum immer noch entscheidend ab - auch wenn sich die Binnennachfrage 2006 zur wichtigsten Triebkraft des Aufschwungs entwickelt hat. Die EU-Kommission verweist zwar auf eine geringere Abhängigkeit des Euro-Raums von der Weltkonjunktur. Zugleich nennt sie aber eine "weiche Landung" in Amerika als wichtigste Voraussetzung dafür, daß das Euro-Wachstum 2007 robust bleibt.

Kein einheitliches Bild der Frühindikatoren

Die amerikanische Wirtschaft hat ihren konjunkturellen Höhepunkt schon länger hinter sich. Im dritten Quartal lag die amerikanische Wachstumsrate (zum Vorjahresquartal) bei 2,9 Prozent, die des Euro-Raums bei 2,6 Prozent. Dieser im Vergleich zu den vergangenen Jahren geringere Abstand macht manchen europäischen Politiker stolz. Er hat seinen Grund weitgehend darin, daß sich die beiden Wirtschaftsräume in unterschiedlichen Phasen des Konjunkturzyklus befinden.

Die Frühindikatoren vermitteln derzeit kein einheitliches Bild. Auch dies könnte ein Hinweis darauf sein, daß sich die Euro-Wirtschaft derzeit um den konjunkturellen Wendepunkt herum bewegt. Daß die Industrieproduktion im September ungewöhnlich stark gesunken ist, mag für sich genommen noch nichts besagen, da die Produktionsdaten traditionell stark schwanken. Doch auch der vom Ifo-Institut berechnete Indikator für das Wirtschaftsklima für den Euro-Raum hat sich zuletzt eingetrübt. Dadurch wird relativiert, daß die von der EU-Kommission ermittelten Klimadaten und der DZ-Bank-Indikator noch unverändert positiv sind.

Der - bisher stimulierende - Effekt der Geldpolitik auf die Konjunktur dürfte allmählich auslaufen. Mit der erwarteten Zinserhöhung im Dezember wird die Europäische Zentralbank (EZB) auf einen neutralen Kurs einschwenken; ob sie diesem Schritt schnell weitere folgen lassen wird, ist derzeit offen. Wegen der gesunkenen Ölpreise befindet sich die Inflationsrate derzeit in jenem Bereich, den die EZB für mit Preisstabilität vereinbar hält: Sie beträgt 1,6 Prozent und ist damit "nahe, aber unter 2 Prozent". Aber auch die Euro-Inflationsrate wird durch die deutsche Mehrwertsteuererhöhung wieder steigen.

Quelle: F.A.Z., 17.11.2006, Nr. 268 / Seite 14
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Jahrgang 1966, Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

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