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F.A.Z.-Konjunkturbericht Der Euro-Wirtschaft bläst scharfer Wind ins Gesicht

02.11.2004 ·  Die wirtschaftliche Entwicklung im Euro-Raum hat sich im dritten Quartal des Jahres abgeschwächt. Der hohe Ölpreis und der aufwertende Euro werden zum Risiko. Der Konjunkturbericht der F.A.Z.

Von Patrick Welter
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Nach den kräftigen Zuwächsen im ersten Halbjahr hat sich die wirtschaftliche Entwicklung im Euro-Raum im dritten Quartal des Jahres abgeschwächt. Mit der drohenden Zweifachbelastung eines andauernd hohen Ölpreises und eines weiter aufwertenden Euro bläst der Euro-Wirtschaft scharfer Wind ins Gesicht. Konjunkturbeobachter sind uneins, ob der moderate Aufschwung der vergangenen Monate stark genug ist, um diese Herbststürme unbeschadet zu überstehen.

Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für den Euro-Raum liegen für den Zeitraum von Juli bis September noch nicht vor. Doch schon jetzt ist klar, daß die im Frühjahr erreichte Aufwärtsdynamik der Industrieproduktion (ohne Baugewerbe) über den Sommer nicht getragen hat. Die Unternehmen haben ihr Produktionsniveau bis August noch gehalten, aber nicht mehr gesteigert. Die Kapazitätsauslastung ist nach einer Umfrage der Europäischen Kommission nur noch wenig gestiegen. Auch zeigte der Einzelhandelsumsatz im Sommer deutliche Schwächen. Auf der Habenseite kann der Euro-Raum allerdings verbuchen, daß die Kredite an Unternehmen bis in den September hinein beschleunigt gewachsen sind.

Nur eine Konjunkturdelle?

Wahrscheinlich ist nach Meinung von Bankvolkswirten, daß das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal nur noch mit 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen ist, nach 0,7 Prozent im ersten und 0,5 Prozent im zweiten Vierteljahr. Umstritten ist unter Fachleuten, ob diese Abschwächung eine Delle im Konjunkturverlauf oder den Beginn einer längeren Phase unterdurchschnittlichen Wachstums anzeigt.

Überrascht hat eher pessimistisch eingestellte Konjunkturbeobachter, daß die Stimmung der Unternehmen sich - nach Umfragen der Kommission - im Oktober weiter verbesserte. Der seit Mitte 2003 andauernde Aufwärtstrend des Index des Industrievertrauens ist ungebrochen. Diesem stark auf Erwartungen basierendem Konjunkturbarometer steht indes entgegen, daß der für die Nachrichtenagentur Reuters erhobene Einkaufsmanagerindex im Euro-Raum - und in Deutschland - das dritte Mal nacheinander gefallen ist. Wenngleich der Index noch eine Expansion der Industrie anzeigt, ist die Abschwächung doch offensichtlich. Welcher Umfrage darf man mehr Glauben schenken? Bankvolkswirte gewichten den Einkaufsmanagerindex stärker, weil er im historischen Vergleich den Verlauf der Industrieproduktion besser abbilde.

Gegenwinde unterschiedlicher Stärke

Zu beachten ist, daß in diesen Umfragen die jüngsten Entwicklungen des Ölpreises und des Euro-Wechselkurses wohl noch nicht zur Gänze eingegangen sind. Der Ölpreis erreichte in den letzten Oktoberwochen erst ein Rekordhoch von fast 52 Dollar für ein Barrel Nordseeöl (159 Liter) der Marke Brent und ist dann wieder deutlich gefallen. Im Monatsdurchschnitt kostete Öl rund 70 Prozent mehr als vor einem Jahr. In Euro gerechnet, nimmt sich dieser Anstieg mit fast 60 Prozent nur wenig bescheidener aus. Ein wenig hat geholfen, daß der Euro in den letzten Oktobertagen aufwertete. Im Schnitt der vergangenen Woche lag der Wechselkurs bei knapp 1,28 Dollar je Euro und hat damit das Band um rund 1,22 Dollar verlassen, in dem er seit dem Frühjahr schwankte. Was die Ölpreisrechnung senkt, könnte freilich - wenn es anhält - den Export beeinträchtigen.

Die Stärke dieser Gegenwinde der europäischen Konjunktur ist durchaus unterschiedlich. Hinsichtlich des Ölpreises nimmt die Nervosität der Europäischen Zentralbank (EZB) zu. Am Wachstum des privaten Verbrauchs, das sich seit dem Frühjahr abschwächt, ist zu erkennen, daß der Ölpreis die Konsumenten belastet. Die Inflationsrate im Euro-Raum stieg im Oktober nach einer ersten Schätzung von Eurostat sprunghaft auf 2,5 Prozent. Real bleibt den Verbrauchern weniger in der Tasche, weil mehr in die Kassen der Erdölproduzenten fließt.

Rezessionsängste nicht angebracht

Rezessionsängste sind wegen des hohen Ölpreises freilich bislang nicht angezeigt, wohl aber die Sorge einer weiteren Wachstumsabschwächung - die vor allem Deutschland treffen würde. Zu schnell in Vergessenheit gerät derzeit, daß der Anstieg des Ölpreises - wie auch der übrigen Rohstoffpreise - zumindest bis ins Frühjahr hinein eine Folge der boomenden Weltwirtschaft war, die in diesem Jahr so kräftig wächst wie in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht mehr. Das ist eine ganz andere Situation als die urplötzliche Angebotsverknappung innerhalb weniger Tage in den Ölpreisschocks der siebziger Jahre, die im Gedächtnis der Menschen haftet. Im Gegensatz zu damals sind die westlichen Volkswirtschaften unabhängiger vom Öl geworden, und sie hatten mehr Zeit, um sich an den Preisanstieg anzupassen. Bislang gibt es keine Zeichen, daß die im Standortwettbewerb geschwächten Gewerkschaften kompensierende Lohnerhöhungen durchsetzen können. All das läßt den Ölpreisanstieg weniger dramatisch scheinen, als es gelegentlich zu hören ist.

Die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute weisen in ihrer Gemeinschaftsdiagnose auf Anzeichen hin, daß ein Teil der Petrodollar schon "recycelt" wird, daß also die heimische Exportwirtschaft von einer gestiegenen Nachfrage aus den Erdölstaaten zu profitieren beginnt. Sie betonen auch, daß die Spekulationsprämie im Ölpreis bei einem Stimmungsumschwung schnell fiele. Dieser könnte eintreten, wenn die erwartete Abkühlung der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten und in China sichtbarer wird.

Doch benennen auch die Institute den hohen Ölpreis als größtes Risiko ihrer Wachstumsprognose. Unter der Annahme eines mäßigen Rückgangs auf 38 Dollar zum Jahresende 2005 erwarten sie, daß die höhere Energierechnung für sich genommen das Wirtschaftswachstum 2005 im Euro-Raum um 0,2 Prozentpunkte auf 2 Prozent senken wird. Das wäre für Europa verkraftbar, weniger für Deutschland. Dahinter steckt die auch von der EZB geteilte Erwartung, daß die Weltwirtschaft im kommenden Jahr stark genug ist, um ungeachtet des Ölpreises nicht in den Abschwung zu rutschen. Sorgen aber bleiben. Viele Bankvolkswirte halten ein Wachstum von 2 Prozent im kommenden Jahr für zu optimistisch.

Euro-Aufwertung noch ungefährlich

Aus konjunktureller Sicht deutlich weniger relevant ist dagegen bislang der Wertzuwachs des Euro an den Devisenmärkten. Noch ist die jüngste Aufwärtsbewegung zu jung, um ihre Dauerhaftigkeit als bewiesen anzunehmen. Noch ist die Aufwertung auch nicht so kräftig und schnell wie in den Wochen zur Jahreswende 2003/04, die den Euro-Kurs im Februar auf das Rekordhoch von 1,2926 Dollar je Euro trieb. Und noch ist die Aufwertung vor allem eine gegenüber dem amerikanischen Dollar; gegenüber den wichtigsten Handelspartnern hat der Euro im Wert deutlich weniger zugelegt.

Auch hier lohnt ein Blick zurück. Die starke Aufwertung des Euro bis in das Frühjahr hinein hat den Export des Euro-Raums nicht, wie vielfach befürchtet wurde, einbrechen lassen. Im Gegenteil verschaffte der Aufschwung der Weltwirtschaft der Ausfuhr kräftige Zuwächse. Bislang weist alles darauf hin, daß die Weltwirtschaft sich 2005 nur abschwächt, aber nicht zusammenbricht. Damit könnte der Euro-Raum die jüngste Euro-Aufwertung leicht verschmerzen. Anders sähe es aus, wenn der Wechselkurs des Dollar eine lange Reise abwärts begänne. Dieses Gedankenspiel ist freilich keine Gewißheit.

Rezessionsängste sind wegen des hohen Ölpreises nicht angebracht. Doch schon ein schwächeres Wirtschaftswachstum würde im Euro-Raum vor allem Deutschland treffen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2004, Nr. 257 / Seite 12
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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