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F.A.Z.-Konjunkturbericht Auf flachem Wachstumspfad

09.08.2004 ·  Dümpelt die deutsche Wirtschaft weiter dahin oder wird es einen Aufschwung geben? Der monatliche Konjunkturbericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Von Patrick Welter
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Ungeachtet aller Sorgen dauert die moderate Erholung in der deutschen Wirtschaft an. Das Statistische Bundesamt wird am Donnerstag eine erste Schätzung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im zweiten Vierteljahr vorlegen. Einiges spricht dafür, daß sich die gute Entwicklung des ersten Quartals fortgesetzt hat. Im ersten Vierteljahr wuchs das deutsche BIP um 0,4 Prozent zum Vorquartal. Die Konjunkturforscher erwarten eine ähnliche Aufwärtsbewegung für die Monate April bis Juni, möglicherweise sogar eine leichte Beschleunigung.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hat einen Zuwachs für das zweite Quartal von 0,5 Prozent errechnet; das entspräche, auf ein Jahr gerechnet, einer Wachstumsrate von rund 2 Prozent. Motor der Konjunktur war danach abermals der Export. Aber auch die Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen legten nach DIW-Angaben zu, während die Bauinvestitionen deutlich sanken. Der private Konsum stagnierte. Die DIW-Berechnungen weichen wahrscheinlich von den offiziellen Daten des Statistischen Bundesamtes ab. Sie dürften aber ein zutreffendes Bild der Grundzüge der Wirtschaftsentwicklung geben.

Lediglich Korrektur

Auch für die kommenden Monate zeichnet sich ab, daß Deutschland auf einem flachen Wachstumspfad voranschreitet. Dafür sprechen die Stimmungsumfragen in der Industrie. Das Ifo-Geschäftsklima hat sich vorerst wieder vom Verfall der vorherigen Monate erholt. Der für Reuters erhobene Einkaufsmanagerindex zeigte zuletzt für die deutsche Industrie eine ungebrochene und beschleunigte Expansion an. Der jüngste Einbruch des Auftragseingangs und der Produktion im deutschen verarbeitenden Gewerbe hat aufkommenden Aufschwungerwartungen zwar einen gehörigen Dämpfer verpaßt. Doch sind die Minusdaten weitgehend als Korrektur der ausgesprochen guten Werte der Vormonate zu sehen.

Der Trend des Auftragseingangs und der Produktion zeigt weiterhin nach oben und verspricht für das dritte Vierteljahr eine andauernde Erholung. So sind die Schreckensmeldungen der vergangenen Woche eher ein Signal, nicht übermütig zu werden. Ein Wirtschaftswachstum von 3 Prozent, wie es manche schon für die kommenden Jahre erkennen wollen, ist bei weitem nicht in Sicht.

Gebremstes Wachstum

Die Impulse für die deutsche Wirtschaft dürften auch in den kommenden Monaten weiterhin aus dem Ausland kommen. Dies zeigt sich daran, daß die Auslandsaufträge der Industrie deutlich stärker steigen als diejenigen aus dem Inland. Diese weisen seit dem zweiten Halbjahr 2003 nur ein sehr moderates Plus auf. Anzeichen für eine durchgreifende Belebung der Binnenkonjunktur gibt es nicht, weder auf der Seite der Investitionen noch auf der Seite des privaten Konsums. Ohne Impulse hier bleibt Deutschland von der Weltwirtschaft abhängig, die derzeit so schnell wächst wie seit Jahren nicht mehr.

Die Weltwirtschaft dürfte sich nach der Erwartung aller Konjunkturprognosen im zweiten Halbjahr ein wenig abkühlen. Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten scheint an Schwung zu verlieren; auch China will sein Wirtschaftswachstum bremsen. Die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute, die in den vergangenen Wochen ihre Konjunkturprognosen auf den neuesten Stand gebracht haben, sehen darin einen dämpfenden Faktor, aber keine Gefahr für die hiesige Erholung. Als Belastungsfaktor für die wirtschaftliche Erholung kommt dagegen zunehmend der erneute Anstieg des Ölpreises in den Blick. Wenn auch der derzeitige Preis um 40 Dollar zu einem guten Teil auf spekulativen Übertreibungen und Unsicherheit beruht, sind die freien Förderkapazitäten doch begrenzt. Ein länger als bislang erwartet hohes Ölpreisniveau wird wahrscheinlicher.

Der hohe Ölpreis

Das könnte die deutsche Wirtschaft zweifach treffen: Zum einen dämpft ein hoher Ölpreis die Inlandsnachfrage, weil Einkommen ins Ausland umgelenkt werden. Zum anderen würde ein hoher Ölpreis die Wirtschaft in den Vereinigten Staaten und in Asien direkt schwerer als Europa treffen, weil diese Wirtschaftsregionen mehr vom Öl abhängen. Deutschland würde dies über eine zusätzlich gedämpfte Exportnachfrage zu spüren bekommen. Belastend kommt hinzu, daß Deutschland und der Euro-Raum in den vergangenen Monaten keine weitere Aufwertung des Euro erlebten; eine solche ist auch nicht in Sicht. So wird der Ölpreisanstieg nicht mehr durch den Wechselkurs abgefedert. Auch in Euro gerechnet steigen die Ölpreise derzeit deutlich.

Panik ist dennoch fehl am Platze. Im Gegensatz etwa zu den Ölkrisen 1973 und 1981 beruht ein Großteil des jetzigen Preisanstiegs nicht auf einer Drosselung der Förderung, sondern auf der steigenden Nachfrage in der Welt. Es handelt sich (noch) nicht um einen Angebotsschock, sondern um einen Nachfrageschock, der der brummenden Weltwirtschaft zu verdanken ist. Das spricht dafür, daß die negativen Folgen eines andauernd hohen Ölpreises deutlich geringer als früher ausfallen würden. Dies gilt auch für Deutschland. Das DIW in Berlin rechnet für dieses Jahr mit einem Rohölimport von etwa 900 Millionen Barrel; ein Barrel sind etwa 159 Liter. Das wären rund 30 Millionen Barrel mehr als im vergangenen Jahr, in dem ein Barrel im Schnitt 28,9 Dollar kostete.

Bei einem jahresdurchschnittlichen Ölpreis von 34,5 Dollar würde die deutsche Rohölrechnung etwa 1,1 Prozent des BIP ausmachen oder gerade mal 0,13 Prozentpunkte mehr als im vergangenen Jahr. Bei einem Ölpreis von 40 Dollar läge der zusätzliche Kaufkrafttransfer ins Ausland den DIW-Berechnungen zufolge dagegen schon bei 0,32 Prozent des BIP. Doch selbst dies wäre noch deutlich geringer als die zusätzliche Ölrechnung über 0,59 Prozent des BIP, die der Ölpreisanstieg im Jahr 2000 bescherte. Dieser Nachfrageeffekt bildet nur einen Teil der Folgen eines hohen Ölpreises ab. Deutlich wird aber, daß nach derzeitigem Stand nur ein Dämpfer für das Wachstum, nicht aber ein Abbruch der wirtschaftlichen Erholung zu erwarten wäre.

Schwache Binnenkonjunktur

Wenn ein höherer Ölpreis Deutschland, wie das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) vermutet, dennoch beträchtlich treffen könnte, dann liegt der tiefere Grund nicht im Ölpreis, sondern in der schwachen Binnenkonjunktur. Unter den Forschungsinstituten läuft diesbezüglich eine spannende Wette, ob Deutschland aus diesem Tief herausfindet. Die Mehrzahl der Konjunkturforscher prognostiziert, daß die Wirtschaft im kommenden Jahr etwa so stark wie in diesem Jahr wachsen wird. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) erwartet hingegen eine Abkühlung von 1,8 auf 1,3 Prozent, das Berliner DIW eine Beschleunigung von 1,8 auf 2,1 Prozent.

Beide Institute unterstellen für 2005 einen Ölpreis von knapp über 30 Dollar und einen Wechselkurs des Euro von 1,20 Dollar. Die Unterschiede zwischen den beiden Vorhersagen liegen vor allem darin, daß das DIW eine deutlich stärkere Belebung der Anlage- und vor allem der Ausrüstungsinvestitionen sieht. Das käme einem sich selbst verstärkenden Aufschwung nahe. Zudem erwarten die Berliner im Vergleich zu den Kielern stärkere Impulse vom Export. Wer recht behält, wird sich frühestens in einem Jahr zeigen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.08.2004, Nr. 184 / Seite 12
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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