22.10.2009 · Die deutsche Wirtschaft die Wende zum Wachstum geschafft. Doch nach Finanzkrisen dauert die Erholung länger als nach normalen Rezessionen. Der jüngste Aufschwung wird nicht lange tragen. Es bleiben Risiken für den Arbeitsmarkt.
Von Philip PlickertDie deutsche Wirtschaft schwankt zwischen Hoffen, dass der Aufschwung beginnt, und der bangen Ahnung, dass die Krise noch viele Opfer fordern wird. Seit dem Frühjahr ist immerhin die Rezession gestoppt - früher als erwartet. Der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von rund 6 Prozent war der tiefste Einbruch der Wirtschaftsleistung seit dem Zweiten Weltkrieg. Nun wächst das BIP wieder, allerdings von einem niedrigen Niveau aus. Im dritten Quartal (Juli bis September) dürfte das BIP nach Ansicht der Wirtschaftsforschungsinstitute um 0,7 Prozent gestiegen sein; einige optimistische Bankvolkswirte halten auch ein Wachstum von 1 Prozent für möglich.
Dieser Aufschwung wird aber nicht weit tragen. Schon im Herbst deutet sich eine neue Abschwächung an. Ein Hauptrisiko für die Konjunktur ist die steigende Arbeitslosigkeit, die den bislang recht stabilen Konsum schwächt, warnen die Institute. Die staatlichen Konjunkturpakete, die im Sommer kräftig geschoben haben, laufen nach und nach aus. Die Bauwirtschaft wird länger profitieren, die Autohersteller müssen sich nach dem Ende der Abwrackprämie auf einen herben Rückgang einstellen. Zudem nehmen die Finanzierungsschwierigkeiten vieler Unternehmen zu, weil die Banken - trotz der unbegrenzten Liquidität und der niedrigen Leitzinsen der Europäischen Zentralbank - nur zögerlich neue Kredite vergeben.
Wie die historische Erfahrung zeigt, dauert die Erholung von Rezessionen, die von Finanzkrisen ausgelöst wurden, wesentlich länger als bei normalen Rezessionen. Das betonen die Ökonomen der Institute in ihrer jüngst vorgestellten Gemeinschaftsdiagnose. Zwar haben sie ihre düstere Prognose etwas abgeschwächt, dass die deutsche Volkswirtschaft ihr Niveau vor Ausbruch der Krise erst 2013 wieder erreichen werde. Dennoch gehen sie weiter von einem flachen Wachstumspfad aus. Der Aufstieg aus dem Rezessionsloch wird also mühsam.
Immerhin ist die konjunkturelle Wende eingeleitet. Das lässt Wirtschaft und Arbeitnehmer hoffen. Die Industrie verbucht seit März wieder steigende Aufträge, zuletzt im Juli um 3,1 Prozent und im August um 1,4 Prozent. Verglichen mit dem Vorjahresmonat, ist das Niveau aber immer noch um gut 20 Prozent niedriger. Hoffnung macht, dass auch die Nachfrage nach Investitionsgütern wieder anzieht. Sie war in der Rezession besonders stark - um bis zu 30 Prozent - gefallen. Nun kommen besonders aus dem asiatischen Raum mehr neue Aufträge.
Kein exportgetriebener Aufschwung
Das lässt die Exportwirtschaft aufatmen, die in der Rezession einen schweren Rückschlag erlitten hat: Um gut ein Viertel war der Export im April gegenüber dem Vorjahr gefallen; nun liegt der Rückstand nur noch bei einem Fünftel. Über das Gesamtjahr rechnet der Außenhandelsverband mit einem Minus von 18 Prozent gegenüber dem Rekordjahr 2008 - also ein Schrumpfen des Werts der Ausfuhr von knapp 1 Billion Euro auf rund 820 Millionen Euro.
Nächstes Jahr könnte es trotz des gestiegenen Euro-Wechselkurses um 10 Prozent aufwärts gehen, hofft der Verband. Die Institute dämpfen hingegen die Erwartungen: Wegen der nur mäßigen Erholung in den Industrieländern stehe kein exportgetriebener Aufschwung bevor. Allerdings ist der Import zuletzt so stark gesunken, dass der Außenhandelsüberschuss im zweiten Quartal einen beträchtlichen positiven Beitrag zum BIP-Wachstum lieferte.
Erstaunlich robust hat sich der private Konsum entwickelt. Die Verbraucher ließen sich von den Krisennachrichten bislang nicht erschrecken. Geholfen hat die geringe Inflationsrate. Die Budgets sind entlastet durch niedrigere Ausgaben für Benzin und Heizöl, auch einige Nahrungsmittel sind nicht mehr so teuer wie vor einem Jahr. Das stärkt die Kaufkraft der Verbraucher. Zudem profitierten die privaten Haushalte von den noch hohen Lohnabschlüssen im vergangen Jahr. Hinzu kamen die steuerlichen Entlastungen und Transfers wie der Kinderbonus, die im zweiten Konjunkturpaket enthalten waren. Der entscheidende Grund für die Gelassenheit der Konsumenten war aber wohl die bislang nur moderate Zunahme der Arbeitslosigkeit.
2010 dürften 800.000 Stellen verlorengehen
Diese hat die meisten Ökonomen überrascht: Sie mussten ihre düsteren Prognosen zurückziehen, die vor einem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosenzahl bis auf 5 Millionen Ende 2010 warnten. Nun erwarten sie nur noch rund 4,1 Millionen Arbeitslose im Jahresdurchschnitt 2010. Wegen der Krise dürften in diesem Jahr etwa 800.000 Stellen verlorengehen, schätzen die Institute.
Damit wären die Deutschen, verglichen etwa mit Amerika oder gar Spanien, recht glimpflich davongekommen. Entscheidend war das Instrument der Kurzarbeit, das vor allem die Industrie stark nutzt. Mehr als 1,4 Millionen Beschäftigte arbeiteten derzeit kurz, das entspricht etwa 400.000 Vollzeitarbeitsplätzen, die vorerst gerettet sind. Im Herbst läuft vielerorts die Kurzarbeit aus, dann wird sich zeigen, ob Massenentlassungen wirklich vermieden werden können. Auch nach dem Ende der Rezession ist die Krise noch lange nicht vorbei.
| Name | Kurs | Prozent |
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| Rohöl Brent Crude | 106,36 $ | −0,46% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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