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F.A.Z.-Konjunkturbericht Arbeitsmarktwunder in Randbereichen

20.09.2006 ·  Die EZB hat Recht behalten. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres ist die Euro-Wirtschaft so stark gewachsen wie seit Jahren nicht mehr. Die viel kritisierten Zinserhöhungen haben sich als richtig erwiesen. Mit dem Erfolg im Rücken plant die EZB nun weitere Schritte.

Von Patrick Welter
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Als die Europäische Zentralbank (EZB) vor zehn Monaten den Zyklus ihrer Zinserhöhungen begann, wurde sie von vielen Seiten und vor allem aus der Politik gescholten. Die Wirtschaft im Euro-Raum sei zu schwach, um höhere Kreditzinsen zu ertragen, wurde den Notenbankern vorgeworfen. Tatsächlich gaben die harten Wirtschaftsdaten zur Jahreswende 2005/2006 keinen Grund zum übermäßigen Optimismus. Die EZB aber verwies auf die „weichen“ Konjunkturumfragen unter Unternehmen, die auf einen robusten Aufschwung hindeuteten.

Im Rückblick hat die Zentralbank recht behalten. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres ist die Euro-Wirtschaft so stark gewachsen wie seit Jahren nicht mehr. Zudem hat das Europäische Statistikamt die Wachstumsraten für die beiden Winterquartale spürbar nach oben revidiert. Unterstellt man, daß diese neuen Ziffern - zumindest bis zur nächsten Revision - ein zutreffenderes Bild der Wirtschaftsentwicklung geben, haben die Korrekturen nachträglich die EZB bestätigt. Die Diskrepanz zwischen den weichen und harten Wirtschaftsdaten, die noch im Frühjahr für Zweifel an der Stabilität des Aufschwungs sorgte, hat sich aufgelöst.

Wachstum 2006 fällt höher aus als erwartet

Auf Grundlage der neuen Wachstumsdaten für die vergangenen Quartale haben die Konjunkturbeobachter begonnen, ihre Wachstumsprognosen deutlich anzuheben. So setzte das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen seine Wachstumsprognose für den Euro-Raum für dieses Jahr von 2 auf 2,5 Prozent herauf und befindet sich damit in guter Gesellschaft. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel erwartet wie die Deutsche Bank ein Wachstum von 2,6 Prozent - kräftiger wuchs die Euro-Wirtschaft zuletzt im Jahr 2000. Die Korrekturen der Wachstumsprognosen sind zum Teil rein statistisch zu begründen, zum Teil aber basieren sie auf einer Neueinschätzung der Stärke des Aufschwungs.

Aus statistischer Sicht führen die revidierten Wachstumsdaten zur Jahreswende 2005/2006 automatisch dazu, daß das Wachstum 2006 höher ausfällt. Weil die Euro-Wirtschaft mit mehr Schwung ins Jahr gestartet ist als zuvor bekannt, verschiebt sich die Rate für das gesamte Jahr automatisch nach oben. Wirtschaftlich bedeutsamer aber ist, daß die Investitionen schon seit einem Jahr sehr solide wachsen. Zusammen mit einem zögerlich erstarkenden privaten Konsum haben im zweiten Quartal die binnenwirtschaftlichen Wachstumskräfte die Oberhand über die außenwirtschaftlichen Schubkräfte gewonnen. Der Export legte zuletzt weniger stark zu, weil die frühere Euro-Aufwertung zeitverzögert bremste.

Prognosen: Wirtschaft wächst robust, aber langsamer

Mehrheitlich erwarten Volkswirte, daß die Euro-Wirtschaft in den kommenden Quartalen und im kommenden Jahr robust, aber langsamer als zuletzt wachsen wird. Darauf deuten schon jetzt Frühindikatoren hin. Über das Ausmaß der Abschwächung herrscht Ungewißheit. So erwarten die EZB-Ökonomen ein Wachstum 2007 zwischen 1,6 und 2,6 Prozent und im Mittel von 2,1 Prozent. Das RWI in Essen sieht 2,2 Prozent, das Kieler IfW 2 Prozent und die Deutsche Bank nur 1,6 Prozent. Ausschlaggebend für die Unterschiede ist unter anderem, wie stark die Ökonomen annehmen, daß der restriktive finanzpolitische Kurs in Deutschland (Stichwort: Mehrwertsteuererhöhung) und wohl auch in Italien die Konjunktur belasten wird. Ausschlaggebend ist ferner, wie sehr der dämpfende Einfluß einer sich verlangsamenden Konjunktur in den Vereinigten Staaten angesetzt wird. Die gelegentlich zu hörende Prognose, daß die Euro-Wirtschaft sich von den weltwirtschaftlichen Einflüssen emanzipieren könne, ist bisher nur eine Hoffnung.

Doch wird der Konsum und damit die Binnenwirtschaft wohl bis ins kommende Jahr hinein durch die Entwicklung am Arbeitsmarkt gestützt. Die Arbeitslosenquote fiel im Sommer auf 7,8 Prozent, so niedrig lag sie zuletzt im Frühjahr 2001. Die Beschäftigung wächst zunehmend, im zweiten Quartal um 0,4 Prozent. Seit dem Beginn der Währungsunion entstanden im Euro-Raum mehr als 8 Millionen neue Stellen und damit mehr als in den Vereinigten Staaten, wobei die Zahlenangaben je nach Quelle differieren.

Das „Arbeitsmarktwunder“ im Euro-Raum

Die Ökonomen der Deutschen Bank haben das „Arbeitsmarktwunder“ im Euro-Raum untersucht und kamen zu dem Schluß, daß eine gewisse Liberalisierung und staatliche finanzielle Begünstigung in Randbereichen des Arbeitsmarktes wie in der Teilzeitarbeit oder im Bereich niedriger Löhne die Beschäftigung antreibt. Solche Reformen gab es seit Anfang der neunziger Jahre in Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland.

Die gute Nachricht ist, daß diese Reformen wirken und ein Beschäftigungsaufbau mittlerweile auch bei niedrigeren Wachstumsraten gelingt als früher. Die schlechte Nachricht aus Sicht der Deutschen Bank aber ist, daß die Liberalisierung des regulären Arbeitsmarktes auf sich warten läßt. Die Ökonomen sehen die Gefahr, daß ohne umfassendere Lockerungen der arbeitsrechtlichen Regeln die neuen Erwerbstätigen in den Randbereichen des Arbeitsmarktes gefangen blieben, was langfristig das Produktivitätswachstum im Euro-Raum belasten werde.

Zinserhöhungen gelten als sicher

Angesichts der kräftigen wirtschaftlichen Entwicklung gelten unter Volkswirten zur Zeit zwei weitere Zinserhöhungen der EZB bis Dezember auf dann 3,5 Prozent als sicher. Äußerungen von Notenbankern lassen darauf schließen, daß das Ende des Zinserhöhungszyklus damit noch nicht erreicht sein muß. Schon steht die Zahl vier für das kommende Jahr im Raum. Das Basisszenario der EZB für die konjunkturelle Entwicklung jedenfalls deutet dies an, weil bei einem andauernden Wachstum rund um die Potentialrate die Kapazitätsauslastung weiter stiege und damit Preisdruck erzeugte.

Sorgenvoll blicken die Notenbanker auch auf die Lohnentwicklung. Im zweiten Quartal lagen die Arbeitskosten 2,4 Prozent höher als ein Jahr zuvor; der langjährige Abwärtstrend ist hier gebrochen. Sollte die auch als Folge der teuren Energie hartnäckig oberhalb von zwei Prozent liegende Inflationsrate in den Lohnrunden im Frühjahr 2007 zu Aufschlägen führen, wäre weiterer Preisdruck gewiß. EZB-Vertreter haben zuletzt erklärt, daß der Inflations- und Wachstumsausblick zum Jahresende entscheidend sei, wie es mit der Zinspolitik weitergehe. Noch ist also nicht entschieden, wann die EZB mit ihren Zinserhöhungen aufhören wird.

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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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