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Europäische Zentralbank Kein Geld, keine Inflation

03.05.2006 ·  Sechzehn Jahre lang hat Otmar Issing die Geldpolitik in Deutschland und Europa mitbestimmt. Jetzt tritt der Ökonom ab. Die spannende Frage ist, ob die Geldpolitik der EZB darunter leiden wird. Ein FAZ.NET-Spezial.

Von Patrick Welter
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An diesem Donnerstag morgen kommen im sechsunddreißigsten Stockwerk des Euro-Towers in Frankfurt siebzehn Herren und eine Dame zusammen. Otmar Issing wird dem Rat der Europäischen Zentralbank über die wirtschaftliche und monetäre Lage berichten und eine geldpolitische Empfehlung geben - zum letzten Mal in der Geschichte der EZB. Ende Mai verläßt der Chefvolkswirt die Bank; als einziger gehört er ihrem Direktorium seit der Gründung am 1. Juni 1998 an.

Nach seinem Vortrag werden die sechs Direktoriumsmitglieder und die zwölf Governeure der nationalen Notenbanken diskutieren, ob sie den Leitzins von 2,5 Prozent verändern wollen. Ein Zinsschritt käme überraschend, nachdem die Bank sich im April faktisch die Hände gebunden hatte. Angesichts des sich beschleunigenden Wachstums der Geldmenge M3 dürfte der Rat erörtern, ob die von Präsident Jean-Claude Trichet im April für Juni angedeutete Zinserhöhung mit 50 Basispunkten kräftiger ausfallen sollte als gemutmaßt.

Geldmenge als Kompaß

Es ist bezeichnend, daß zu Issings Abschied die Geldmenge im Fokus steht. Der deutsche Ökonom weiß, daß die monetären Aggregate und die Analyse ihrer Bestimmungsfaktoren als Kompaß für die Geldpolitik nicht ausgedient haben, daß Inflation immer und überall ein monetäres Phänomen ist und entsteht, wenn zu viel Geld die Güter jagt. Zufrieden beobachtet er, daß sich diesbezüglich bei anderen Zentralbanken eine Renaissance anbahnt. "Kein Geld, keine Inflation" betitelte Mervyn King, der Gouverneur der Bank von England, eine Rede. Das Zitat gefällt Issing, der sechzehn Jahre lang die Geldpolitik in Europa entscheidend mitbestimmte, erst in der Deutschen Bundesbank, dann in der EZB.

Das Biest M3

Der Professor der Universität Würzburg, der in Forschung und Lehre eigentlich sein berufliches Glück gefunden hatte, kam ins Bundesbankdirektorium in schwierigen Zeiten. Zwei Tage nach seinem Amtsantritt erfolgte die deutsche Wiedervereinigung, der zum 1. Juli 1990 die deutsche Währungsunion vorangegangen war. Die rasch steigende Staatsschuld heizte die Wirtschaft und die Inflation an, ebenso wie die starke monetäre Expansion. Diese war auch dem von der Bundesbank nicht gewollten großzügigen Umtauschkurs der Ostmark zur D-Mark zu verdanken. Bis 1992 schraubte die Bank die Zinsen auf Rekordhöhen. Der restriktive Kurs trug zu den Krisen im Europäischen Währungssystem enger Wechselkursbandbreiten bei. In den Jahren 1992 und 1993 stand das EWS mehrfach auf dem Spiel; nur mit Mühe verteidigte die Bundesbank ihre geldpolitische Souveränität.

Trotz scharfer Kritik aus europäischen Partnerländern hielt der Zentralbankrat am Ziel Geldwertstabilität fest und führte die Inflation zurück - wohl wissend, daß er so die künftige EZB entlastete. Dabei pflegte der Chefvolkswirt einen aufgeklärten Monetarismus. Mit ihm verfehlte die Bundesbank in vier von acht Jahren ihr Geldmengenziel. Das "Biest M3", wie Issing sagte, bereitete Schwierigkeiten. Neue Finanzinstrumente und steuerlich bedingte Kapitalströme ließen die Geldmenge wild schwanken; ihre Aussagekraft als Indikator künftiger Inflation wurde bezweifelt. 1994 senkte die Bank sogar trotz starkem Geldmengenzuwachs die Zinsen, um einen Liquiditätsstau aufzulösen. Issing ist undogmatisch, analysiert genau und hinterfragt das eigene Wissen ständig. Offenheit und Bescheidenheit zeichnen den 70 Jahre alten Würzburger Gastwirtssohn auch im persönlichen Umgang aus.

Entdecker unbekannter Welten

Der Ökonom Manfred J.M. Neumann spricht von den Lehrjahren Issings in der Bundesbank. Prägend war die Unsicherheit, ob nach der Einheit alte "Gesetzmäßigkeiten" in der Wirtschaft weiter Bestand hatten. Wie reagierten die Unternehmen, wie Gewerkschaften, Sparer und Verbraucher auf den ökonomischen Schock der Wiedervereinigung? Diese Unwägbarkeiten für die Geldpolitik mußten in der künftigen Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion um ein Vielfaches größer sein. Bundesbankpräsident Axel Weber nennt Issing deshalb einen Entdecker unbekannter Welten, erst der vereinigten deutschen Wirtschaft und später der Wirtschaft im Euro-Raum. Hatte Issing 1992 der künftigen EZB noch empfohlen, ihre Geldpolitik an der Geldmenge auszurichten, dachte er schon 1996 über eine Mischstrategie nach. Mit einer Mixtur aus deutscher Geldmengensteuerung und britischem direktem Inflationsziel sah er die Bank am besten gerüstet, um die fundamentale Unsicherheit in den frühen Jahren der Währungsunion zu bewältigen. Dabei spielte die Vermutung eine Rolle, auch das Vereinigte Königreich werde den Euro 1999 einführen.

Der frühere Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer rühmt Issing für seine geldpolitische Umsicht und Standhaftigkeit als "die Investition Deutschlands in die EZB". Dort setzte Issing die maßgeblich von ihm entwickelte Zwei-Säulen-Strategie in Geldpolitik um und verfeinerte sie. In der wirtschaftlichen Säule geben Daten wie Wachstum, Lohnentwicklung oder der Wechselkurs Hinweise auf kurzfristige Preisrisiken. In der monetären Säule analysiert die Bank in einer auch nach der Strategieüberprüfung 2003 prominenten Weise Geldmengen- und Kreditentwicklungen. Dieser Blick auf mittel- bis langfristige Preisrisiken fördert die Konstanz der Geldpolitik. Darüber steht die Vorgabe, daß Preisstabilität bei einer Inflationsrate "unter, aber nahe 2 Prozent" erreicht sei.

Skepsis gegenüber dem Euro

Dem Euro stand Issing vor 1998 skeptisch gegenüber - nicht, weil er das Projekt als Teil der Einigung Europas abgelehnt hätte. Sorgen bereitete ihm, daß die Politiker das Pferd von hinten aufzäumten und mit dem Euro vorpreschten, obwohl die Erfolgsbedingungen - flexible Märkte, fiskalische Zurückhaltung - nicht hinreichend gegeben seien. Eine dauerhafte Währungsunion setze eine politische Union voraus. Mit dem Stabilitätspakt, der die Finanzpolitik disziplinieren sollte, wurde diese offene Flanke der Geldpolitik teilweise geschlossen - scheinbar. 2005 weichten die Regierungen den Pakt auf.

„Versuche keine Tricks“

Dagegen hat die Geldpolitik der unabhängigen, aber oft politisch bedrängten EZB sich bislang bewährt. Die Inflationsrate lag seit 1999 im Schnitt leicht über 2 Prozent - zwar oberhalb der mittelfristigen Preisstabilitätsnorm, aber niedriger als zu Bundesbankzeiten. Das starke Wachstum der Geldmenge zwischen 2001 und 2003 erklärte Issing wie früher mit Sonderfaktoren; die Bank verzichtete lange auf Zinserhöhungen. Zunehmend kritisieren indes Ökonomen, die steigende Überschußliquidität drohe in der nun schnell wachsenden Wirtschaft die Inflation anzutreiben. Die Geldschwemme habe zu riskanten Preisblasen an den Hausmärkten in einigen Euro-Staaten beigetragen. Die Bank verfolge den im Dezember eingeleiteten Zinserhöhungszyklus nicht energisch genug. Issing selbst hat seine Erfahrungen in Ratschlägen für Notenbanker zusammengefaßt.

„Versuche keine Tricks, versuche nicht, zu clever zu sein“, heißt es da, und: „Sei nicht dogmatisch, statt dessen verfolge eine Politik, die immer im Einklang mit deiner Strategie steht.“

Quelle: F.A.Z., 04.05.2006, Nr. 103 / Seite 14
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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