Home
http://www.faz.net/-gqf-nluh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Europäische Zentralbank „Ich sehe derzeit für den Euro-Raum kein Risiko einer Deflation"

13.06.2003 ·  In der Debatte über die Preisentwicklung darf man nicht mit den Ängsten der Menschen spielen. Das sagt Gertrude Tumpel-Gugerell, das neue Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank, im F.A.Z.-Gespräch.

Von Benedikt Fehr und Christian von Hiller
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die Wirtschaft des Euro-Raums schwächelt, die europäischen Zinsen sind auf das niedrigste Niveau seit dem Zweiten Weltkrieg gefallen. Sind dies Anzeichen, daß eine Deflation droht? „Ich sehe derzeit für den Euro-Raum weder Deflationserscheinungen noch das Risiko einer Deflation", antwortet Gertrude Tumpel-Gugerell sehr bestimmt. Wirtschaftliche Schwäche bei stabilen Preisen oder geringer Inflation sei strikt von Deflation zu unterscheiden, sagt die promovierte Nationalökonomin. Für 2004 erwarte die Europäische Zentralbank (EZB) eine Inflationsrate um 1,5 Prozent. Somit gebe es keinen Anlaß, sich über Deflation, also über ein längere Zeit sinkendes Preisniveau, Sorgen zu machen.

______________________________________________

„Man sollte mit den Ängsten der Menschen nicht spielen.“

______________________________________________

Seit dem 1. Juni gehört Tumpel-Gugerell den obersten Führungsgremien der europäischen Geldpolitik an, dem achtzehn Mitglieder zählenden EZB-Rat sowie dem sechs Mitglieder zählenden Direktorium, der Exekutive der EZB. Im Gespräch - ihrem ersten Interview seit Amtsantritt - wird rasch deutlich, was es heißt, daß sie fast ihr gesamtes Berufsleben in der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) gearbeitet hat und eine gelernte Notenbankerin ist: Jede Antwort ist sorgfältig so formuliert, daß die Finanzmärkte daraus keinerlei Hinweise auf künftige geldpolitische Beschlüsse ableiten können. Alle Aussagen sind darauf ausgelegt, die Öffentlichkeit nicht unnötig in Unruhe zu versetzen. So mahnt sie in der Deflationsdebatte zur Zurückhaltung: „Man sollte mit den Ängsten der Menschen nicht spielen." Auch die Diskussion in Amerika kreise weniger um akute Deflationsgefahren als um die Möglichkeit der Geldpolitik, vorausschauend zu agieren.

Im EZB-Direktorium ist Tumpel-Gugerell an die Stelle von Sirkka Hämäläinen gerückt, die Ende Mai turnusmäßig ausgeschieden ist. Sie hat Hämäläinens Aufgaben übernommen: die Verantwortung für die Generaldirektion Finanzmarktsteuerung, wozu insbesondere die Refinanzierungsgeschäfte mit den Kreditinstituten zählen, sowie die Generaldirektion Zahlungsverkehrssysteme. Bei den wöchentlichen Refi-Geschäften sieht sie derzeit keinen Änderungsbedarf. Das Zusammenspiel zwischen EZB und den Finanzmarktteilnehmern funktioniere gut, sagt sie.

Hegt sie Pläne für das Zahlungsverkehrssystem "Target"? Tumpel-Gugerell bittet um Verständnis: Darüber zu sprechen, sei es noch zu früh. Noch hat sie nicht einmal Zeit gefunden, ihr neues Büro richtig in Besitz zu nehmen. An der Wand hinter ihrem Schreibtisch hängen immer noch skandinavisch anmutende Bilder von Wildgänsen. Die hat ihre Vorgängerin hinterlassen, und sie passen nicht recht zum Flair der fünfzigjährigen Tumpel-Gugerell mit ihrem unverkennbar wienerischen Zungenschlag.

______________________________________________

„Geldpolitik allein kann einen konjunkturellen Aufschwung aber nicht herbeiführen."

______________________________________________

Sie ist der einzigen Frau im EZB-Rat gefolgt - ist sie also bloß eine "Quotenfrau"? Kaum: Wie ihre Vorgängerin, die vor ihrem EZB-Mandat Gouverneurin der finnischen Zentralbank war, ist Tumpel-Gugerell in Sachen Geldpolitik hochkompetent. Wie auch nicht: Seit 1998 war sie Vizegouverneurin der OeNB. In dieser Eigenschaft hat sie bereits an den Sitzungen des EZB-Rates teilgenommen, war ferner Mitglied des Wirtschafts- und Finanzausschusses, dem wichtigsten wirtschaftspolitischen Beratungskomitee der Europäischen Union. Zudem hat sie den Beratenden Bankenausschuß der EU geleitet - ein Mandat, das sie Ende des Monats niederlegen wird, um sich ganz auf die EZB zu konzentrieren.

In der Geldpolitik liegt sie betont auf der Linie, die der EZB-Rat in der Öffentlichkeit vertritt. Sollte die EZB nicht wie die amerikanische Notenbank Fed versuchen, die Konjunktur aktiv zu stimulieren? „Wenn Geldpolitik ihren Auftrag erfüllt, ist schon viel erreicht", sagt Tumpel-Gugerell und bleibt dem EZB-Credo treu, daß die erste Aufgabe der EZB die Wahrung der Preisstabilität ist. Wenn die Erwartungen über die künftige Inflation es zuließen, könne die Notenbank aber die Leitzinsen senken, fährt sie fort. Dies habe die EZB beherzigt und die Leitzinsen nun sogar auf ein Rekordtief gesenkt. Das schaffe gute Voraussetzungen für Investitionen und eine konjunkturelle Erholung. „Geldpolitik allein", beeilt sie sich zu betonen, „kann einen konjunkturellen Aufschwung aber nicht herbeiführen." Das könne nur gelingen, wenn Unternehmen und Verbraucher wieder Vertrauen in die Zukunft faßten. „Das fällt mir auf", merkt sie an, „der Konjunkturpessimismus ist hier in Deutschland viel größer als in Österreich."

______________________________________________

„Der Wechselkurs ist kein Ziel der Geldpolitik.“

______________________________________________

Was ist von dem Bericht der Londoner „Times" zu halten, dem zufolge der EZB-Rat Interventionen am Devisenmarkt für den Fall erörtert hat, daß der Euro den Kurs von 1,30 Dollar übersteigt? Da habe wohl jemand das Gras wachsen hören, widerspricht sie. Der Wechselkurs sei kein Ziel der Geldpolitik. Derzeit liege der Euro zum Dollar ungefähr auf seinem langfristigen Durchschnitt und damit etwa auf seinem Gleichgewichtskurs, wiederholt sie Äußerungen von EZB-Chef Wim Duisenberg.

Wie schätzt sie das Ergebnis der Strategiedebatte ein, die die EZB unlängst abgeschlossen hat; hat die EZB die bisherige Strategie nur leicht angepaßt - oder wesentlich verändert, wie vor allem die angelsächsischen Medien meinen? An den Grundelementen der Strategie, der Definition von Preisstabilität und der Rolle der monetären Analyse, habe sich nichts geändert. Es habe sich um eine Klarstellung der bisherigen Strategie gehandelt. Insbesondere solle die neue Definition, die Preisstabilität als eine mittelfristige Inflationsrate „knapp unter 2 Prozent" bestimmt, den Finanzmärkten die Sorge nehmen, daß die EZB die Preisrisiken nach unten nicht genügend beachte. „Würden wir sehr viel niedrigere Inflationsraten beobachten, unter 1,0 Prozent", sagt sie, „gäbe es mehr Anlaß zu Sorge, daß sich eine Deflation entwickeln könnte. Aber diese Sorge gibt es jetzt nicht."

Schon in der Anhörung vor dem Europaparlament zeigte sich Tumpel-Gugerell stets bemüht, auf EZB-Linie zu argumentieren. Damit unterschied sie sich von Paul de Grauwe, dem belgischen Mitbewerber um den Direktoriumsposten, der dafür plädierte, daß die EZB ihr Inflationsziel auf 2,5 Prozent anheben solle. Doch erweckt Tumpel-Gugerell nicht den Eindruck, daß sie ein „Netterl" sei. Treffender scheint, sie als „Mannschaftsspielerin" einzuordnen, die sich durchaus in eine Diskussion einbringt, sich dann aber auch an gemeinsam gefaßte Beschlüsse hält. Schließlich war sie, anders als de Grauwe, als OeNB-Vizegouverneurin bereits eng in Meinungsbildung und Beschlußfassung im EZB-Rat einbezogen.

______________________________________________

Taube oder Falke? „Solche pauschale Kategorisierungen lehne ich ab."

______________________________________________

Sie spricht leise, die Antworten sind knapp. Rechnet sie als Geldpolitikerin sich eher den Tauben oder den Falken zu? „Solche pauschale Kategorisierungen lehne ich ab", kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: nur keine Angriffsfläche bieten. Aber mit zunehmender Gesprächsdauer huscht immer häufiger ein gewinnendes Lächeln über ihr Gesicht, zeigt sie sich von ihrer humorvollen Seite. Wird sie den Heurigen durch Frankfurter Äppelwoi ersetzen? Kein Bedarf! Aber vielleicht gibt es ja in Frankfurt auch ein Kaffeehaus?

Wie bewertet das neue Direktoriumsmitglied die Reform des EZB-Rats, der zufolge alle Mitgliedsländer des Euro-Raums an allen Ratssitzungen teilnehmen dürfen, wenn auch mit rotierendem Stimmrecht? Kann überhaupt in einem Gremium mit 25 und mehr Mitgliedern - nach Aufnahme der EU-Beitrittsländer in die Währungsunion - noch effizient diskutiert und entschieden werden? Daß jeder Notenbankgouverneur bei jeder Ratssitzung die Möglichkeit zur Mitsprache habe, sei unverzichtbar, sagt sie. Schließlich habe jedes Mitgliedsland seine geldpolitische Souveränität nur unter dieser Bedingung aufgegeben. In der Praxis werde sich die Art des Diskutierens bald einspielen. Auch der Wirtschafts- und Finanzausschuß der EU zähle ja mehr als 30 Mitglieder. „Aber natürlich ist es schwierig, einen Währungsraum mit vielen Mitgliedsländern zu einem gut funktionierenden Ganzen zusammenzufügen. Da ist dann das Direktorium gefordert."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.06.2003, Nr. 135 / Seite 12
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2471 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,34 $ −0,48%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.