24.06.2005 · Wahrscheinlich hat der Euro den Handel innerhalb des Euro-Raums beflügelt - und damit die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt. Ökonomen aber suchen noch nach Belegen und Erklärungen.
Von Patrick WelterEines der gewichtigsten Argumente für den Euro war, daß der Handel innerhalb des Euro-Raums zunehmen werde. Wahrscheinlich ist das nach der Einführung des Euro 1999 auch geschehen. Ökonomen aber tun sich schwer, den Effekt nachzuweisen und zu beziffern.
"Am wahrscheinlichsten ist, daß der Euro den Handel zwischen den Euro-Staaten um 5 bis 10 Prozent gesteigert hat", sagte der Handelstheoretiker Richard Baldwin auf einer Forschungskonferenz der Europäischen Zentralbank. "Wenn wir in einigen Jahren mehr Daten haben, könnte es mehr sein", gab der Ökonom von der Universität Genf indes zu bedenken - und schloß auch nicht völlig aus, daß die Ökonomen schlichtweg das Falsche messen.
Klare Sache in der Theorie
Theoretisch ist die Sache eigentlich klar. Wenn die Wechselkurse zwischen Staaten abgeschafft werden, sollte der Verzicht auf das Wechselkursrisiko den Handel über die Binnengrenzen hinweg deutlich beflügeln. Auf den ersten Blick zeigen das auch die Außenhandelsstatistiken - scheinbar: Der Export innerhalb des Euro-Raums (Intra-Handel) stieg in den neunziger Jahren schneller, als die Wirtschaft wuchs, und in den ersten Jahren der Währungsunion stieg er besonders rasch. Die große Frage aber ist: Ist dieses Plus auf den Euro zurückzuführen?
Vergleiche müssen her, um zu zeigen, daß der Handel innerhalb des Euro-Raums schneller wuchs als der weltumspannende Handel, schneller als der Handel zwischen anderen Staaten und schneller als der Außenhandel des Euro-Raums. Andere Faktoren, die den Export und Import steigern, müssen ausgeschlossen werden. Denn es könnte beispielsweise auch sein, daß der Handelszuwachs innerhalb des Euro-Raums keine Folge des Euro ist, sondern eine Spätfolge des Abbaus von Handelsschranken innerhalb des europäischen Binnenmarktes.
Schwer zu fassen in der Wirklichkeit
In den vergangenen Jahren haben die Ökonomen das Problem immer näher eingekreist. Doch die Ergebnisse für den Intra-Handel im Euro-Raum schwanken stark. Manche Forscher wie Helge Berger und Volker Nitsch fanden kürzlich in einer Studie für das Ifo-Institut in einer langfristigen Perspektive gar keine Effekte des Euro auf den Handel. Andere Ökonomen schätzen den Handelseffekt des Euro auf 8 Prozent, auf 15 Prozent oder langfristig auf bis zu 30 Prozent. Das wäre viel. Es gibt freilich gute Gründe, diesen Daten nur bedingt zu trauen.
Die Tücken des Rotterdam-Effekts
Baldwin beispielsweise hält es für möglich, daß die Ökonomen den Handelseffekt des Euro über- oder unterschätzen. Ein Problem sind die Tücken der Statistik. Ein Beispiel ist der Rotterdam-Effekt. Deutschland bezieht einen Großteil seiner außereuropäischen Einfuhr über die Seehäfen Rotterdam oder Antwerpen. Ein Teil dieser Waren wird im Transit abgefertigt; Zoll und Mehrwertsteuer werden erst in Deutschland entrichtet. Dieses System bietet viele Möglichkeiten zum Betrug. Als Reaktion darauf war es seit Mitte der neunziger Jahre nicht mehr möglich, Waren wie Alkohol und Tabak unter dem Transitsystem nach Deutschland einzuführen, erklärt Baldwin.
In der Statistik tauchen diese für Deutschland bestimmten Importgüter seither als Import in die Niederlande und als niederländischer Export nach Deutschland auf. Der Handel im Euro-Raum wird statistisch aufgebläht, ohne daß mehr Güter bewegt werden. Zumindest teilweise könnte der scheinbare Euro-Impuls auf den Intra-Handel solche Verzerrungen widerspiegeln.
Mehr noch als die statistischen Probleme irritiert die Ökonomen, daß die Ergebnisse zum Handelseffekt des Euro ihren theoretischen Vorhersagen nicht ganz entsprechen. Eigentlich hatten sie eine Handelsumlenkung erwartet: Wenn der Wegfall des Wechselkursrisikos Händlern Kosten spart, sollte der Intra-Handel im Euro-Raum zu Lasten des Außenhandels zunehmen. Für einen deutschen Importeur sollte es lohnender sein, Güter aus Frankreich als aus Großbritannien zu beziehen.
Handelsumlenkung und Handelsliberalisierung
Freilich deuten die meisten Studien darauf hin, daß mit dem Euro nicht nur der Handel innerhalb des Euro-Raums stark stieg, sondern auch der Export von außen in den Euro-Raum hinein. Der Euro lenkte den Handel nicht um, er wirkte eher wie eine einseitige Handelsliberalisierung. Nun müssen die Volkswirte nach neuen Erklärungen suchen, warum der Euro den Handel anschob.
Hinweise dafür gibt es genug. Der Euro-Schub für den Handel kam überraschend schnell. Das spricht dagegen, daß er Folge einer langwierigen Verlagerung von Produktionsstätten ist. Der Handelseffekt begann im Jahr 1998, im Jahr vor dem Euro-Start, und verstärkte sich noch mit der Einführung des Euro-Bargelds. Der Euro-Effekt zeigt sich vor allem im Handel mit Maschinen und mit fein differenzierten Gütern wie Lebensmitteln, Alkohol, Tabak. Zugleich deuten Studien darauf hin, daß sich die relativen Produktionskosten kaum veränderten. Dies spricht gegen die These, daß regionale Neuausrichtungen der Produktion den Handel beschleunigten.
Baldwin bindet diese empirischen Fragmente in einer neuen Erklärung zusammen: Mit dem Euro seien mehr europäische Unternehmen dazu übergegangen, nicht nur den lokalen Markt zu bedienen, sondern auch grenzüberschreitend zu handeln. Eine Verschiebung der Produktionsstruktur braucht es dafür nicht. Doch weiß auch Baldwin, daß diese Theorie bislang nur eine Vermutung ist.
Auf dem Weg zum optimalen Währungsraum
Vor dem Start der Europäischen Währungsunion wurde lebhaft darüber gestritten, was der Euro und der Wegfall der Wechselkursunsicherheit für die Wirtschaft bringen werde. Euro-Freunde erwarteten einen Schub für die Arbeitsteilung, der sich in einem verstärkten Intra-Handel im Euro-Raum zeigen werde. Skeptiker behaupteten, daß die Kosten der Wechselkursabsicherung zwischen den künftigen Euro-Staaten gering seien, so daß der Euro kaum noch einen Vorteil biete. Die meisten Studien deuten mittlerweile darauf hin, daß der Intra-Handel im Euro-Raum mit dem Euro zugenommen hat und womöglich weiter zunehmen wird.
Für die Europäische Zentralbank ist das ein beruhigendes Resultat. Je tiefer die Handelsverflechtungen zwischen den Volkswirtschaften im Euro-Raum sind, desto mehr gleichen sich ihre Konjunkturzyklen an. Die Währungsunion würde sich insoweit selbst die Voraussetzungen für einen optimalen Währungsraum schaffen. Das erleichterte es der EZB, eine einheitliche Geldpolitik für alle Euro-Staaten zu setzen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2471 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,34 $ | −0,48% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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