Die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins für den Euro-Raum unverändert bei 2 Prozent belassen. Die geldpolitische Haltung habe sich im Vergleich zum vergangenen Monat nicht verändert, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet nach der Sitzung des EZB-Rats in Helsinki. Die Entscheidungen anderer Notenbanken hätten die Einschätzung durch den EZB-Rat nicht beeinflußt, sagte Trichet.
Die Bank of England dagegen erhöhte am Donnerstag ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf 4,25 Prozent. Großbritanniens Währungshüter begründeten diesen Schritt mit dem wachsenden Inflationsdruck in den kommenden zwei Jahren. Zwar liege die aktuelle Teuerungsrate mit 1,1 Prozent noch deutlich unter der kritischen Zielmarke von 2 Prozent. Doch mit wachsenden Exporterfolgen der heimischen Industrie sowie durch steigende Staatsausgaben könne die Inflation rasch steigen, heißt es bei der Bank of England.
Die EZB dagegen sieht die Risiken für Preisstabilität im Euro-Raum als ausgewogen an. Die Zentralbank erwarte unverändert, daß im Euro-Raum die Preisstabilität auf mittlere Sicht erhalten bleibe. Im April lag die Inflationsrate nach ersten Schätzungen bei 2 Prozent. In den kommenden Monaten sei ein Anstieg darüber hinaus möglich, auch weil der gestiegene Ölpreis Aufwärtsdruck ausübe. Die EZB sieht im Ölpreis und in den höheren Rohstoffpreisen bislang aber nur Risiken für die langfristige Inflationsrate. "Es wird wichtig sein, die Inflationserwartungen genau zu beobachten", sagte Trichet.
Auswirkungen des höheren Ölpreises auf das Wirtschaftswachstum erwartet Trichet derzeit offensichtlich nicht. Er verwies in dem Zusammenhang darauf, daß die Weltwirtschaft sich in einer robusten Erholung befände. Abermals forderte Trichet alle Partner auf, ihrer Verantwortung für die Weltwirtschaft nachzukommen. Dies wird als Signal an die Opec verstanden, den Ölpreis nicht zu hoch steigen zu lassen.
Trichet betonte, daß die jüngsten Wirtschaftsdaten für den Euro-Raum positiv ausgefallen seien. Insgesamt aber seien die Konjunkturdaten nach wie vor gemischt, sie stützten jedoch die Erwartung einer graduellen Erholung im Euro-Raum. "Die Bedingungen für eine Erholung sind gegeben", sagte Trichet. Er verwies wie auch die Bank von England auf die robuste Entwicklung der Weltwirtschaft und die günstigen finanziellen Bedingungen und die historisch niedrigen Zinsen im Euro-Raum über alle Laufzeiten. Die EZB leiste einen großen Beitrag für Wirtschaftswachstum und mehr Beschäftigung, wenn sie die Inflationsrate und die Preiserwartungen niedrig halte.
Der EZB-Präsident äußerte sich "zunehmend besorgt" über die Entwicklung der Finanzpolitik. Er ermahnte die Regierungen der Euro-Staaten, an der Konsolidierung der Staatshaushalte festzuhalten und dies mit Strukturreformen zu verbinden. "Das würde die moderate wirtschaftliche Erholung stützen", sagte Trichet.
Für England war eine Erhöhung der Leitzinsen erwartet worden. Bankenvertreter in London sagen im Jahresverlauf weitere Schritte der Notenbank voraus. Danach könnte der Leitzins in Großbritannien bis Jahresende auf 5 Prozent steigen. Mervyn King, Gouverneur der britischen Zentralbank, hatte erst kürzlich die Höhe der schuldenfinanzierten Ausgaben der privaten Haushalte sowie das rasante Wachstum der Immobilienpreise moniert.
