03.09.2010 · Am Sonntag will die schwarz-gelbe Koalition über ihr Energiekonzept 2050 entscheiden. Damit soll auch der Streit um die Laufzeiten der Kernkraftwerke beigelegt werden. Greenpeace warnt derweil vor stark wachsenden Atommüllbergen nach einer Verlängerung der Laufzeiten.
Von Andreas MihmEiniges spricht dafür, dass es eine Jahreszahl für die durchschnittliche Laufzeitverlängerung aller 17 Anlagen geben wird, die für ältere Meiler kürzer und für jüngere Anlagen länger ausfallen wird. Ab Sonntagmittag seien Treffen der Fachminister, der Partei- und Fraktionschefs sowie der Fachpolitiker anberaumt, hieß es am Freitag in Koalitionskreisen. Auch am Samstag soll - telefonisch - konferiert werden.
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte eine Spanne für die Laufzeitverlängerung von 10 bis 15 Jahren genannt, Wirtschaftspolitiker wollen eher längere Laufzeiten, Umweltpolitiker kürzere. Die Laufzeit ist wichtig, weil die Regierung erwartet, dass sie ihre anspruchvollen Pläne für das Energiekonzept aus dem Mehrerlös der AKW-Betreiber finanzieren kann.
Nach dem weitgehend fertiggestellten Energieprogramm sollen aus Haushaltsmitteln bis zu 3 Milliarden Euro für Energie- und Klimaschutz ausgegeben werden. Das Geld ist nicht da. Deshalb wird erwogen, die Brennstoffsteuer, die der Haushaltssanierung dient, zu befristen und durch einen Anschlussvertrag mit den Kraftwerksbetreibern zu ergänzen. Als eine Art Abschlag darauf könnten diese vorzeitig in einen Fonds für erneuerbaren Energie einzahlen. In Koalitionskreisen wird auch darauf hingewiesen, dass der Steuersatz für die am Dienstag im Grunde beschlossene Brennstoffsteuer noch nicht endgültig feststeht. Er ist bisher mit 220 Euro je Gramm Kernbrennstoff angesetzt. Fiele er niedriger aus, könnte das Spielraum für Zahlungen der Konzerne in einen Fonds eröffnen. Zudem sollen die Erlöse aus der Versteigerung der CO2-Zertifikate von 2013 an für deutsche Klimaprojekte eingesetzt werden.
Vorher sind weitere Klippen zu nehmen. So will die Koalition sicherstellen, dass das Verfassungsgericht nachträglich nichts daran anzusetzen hat, wenn die Zustimmung des Bundesrats umgangen würde. Auch ist zu klären, welches Sicherheitsniveau bei der Nachrüstung der Meiler angestrebt wird. Beteiligte weisen darauf hin, dass es Jahre dauern würde, bis die von Röttgen geplanten neuen Betonmäntel gegen Flugzeugabstürze um ältere Kraftwerke – Insider sprechen vom „harten Hut“ – gegossen wären. Die Kanzlerin wird unterschiedliche Ansichten in ihrer Fraktion und Partei ausgleichen müssen.
Stadtwerke wollen alte Kohlekraftwerke abschalten
Wie tief die Gräben sind, zeigte die Veröffentlichung eines Papiers aus dem Umweltministerium, in dem die Gutachter der Regierung für das Energiekonzept kritisiert werden. Die Modellierung der Strompreise entfalte „fragwürdige Elemente“, die auch von der F.A.Z. berichteten Kostensteigerungen für Haushalte und Verkehr seien „Extremfälle, die offensichtlich bewusst ausgewählt worden sind, um Klimaschutz und Umstrukturierung der Energieversorgung zu diskreditieren“. Die Sprecherin Röttgens sagte, er kenne das Papier nicht. Umwelt- und Wirtschaftsministerium hatten die Studie gemeinsam bestellt und abgenommen.
Derweil verlangen Stadtwerke als Kompensation für Laufzeitverlängerungen, alte Kohlekraftwerke abzuschalten. „Fossile Kraftwerke der Energiekonzerne mit einem Wirkungsgrad von weniger als 35 Prozent sollten stillgelegt werden“, sagte der Chef des Verbands Kommunaler Unternehmen, Hans-Joachim Reck. Das helfe dem Klimaschutz und dem Wettbewerb. 80 Prozent des Stroms stammen von Eon, RWE, Vattenfall und EnBW. Laufzeiten von Kernkraftwerken sollten nur verlängert werden, „wenn es zu einem Wettbewerbsausgleich zugunsten der Stadtwerke kommt“. Die Koalition müsse die Rufe von Monopolkommission und Bundeskartellamt nach mehr Wettbewerb im Energiesektor aufnehmen.
Längere Laufzeit, mehr Müll, höhere Kosten
Greenpeace warnt vor stark wachsenden Atommüllbergen nach einer Verlängerung der AKW-Laufzeiten. Schon 10 Jahre mehr könnten dazu führen, dass der letzte Atommeiler erst 2053 abgeschaltet würde, hieß es in einer Mitteilung vom Freitag. Dann fielen, gerechnet von heute an, noch mehr als 6000 Tonnen hochradioaktiven Atommülls an. Beim gültigen Atomausstieg wären es 2000 Tonnen Atommüll, zwei Drittel weniger. Eine Laufzeitverlängerung von 15 Jahren führte zu mehr als 6000 Tonnen Extra-Abfall. Unklar blieb, welche Produktionsmenge Atomstrom dieser Berechnung zugrundelag.
Die Kritik lenkt den Blick auf die nur am Rande diskutierte Frage der Zusatzkosten für zusätzlich anfallende Atommüllmengen. In Deutschland gibt es derzeit ein genehmigtes Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Abfall, Schacht Konrad. Das Lager bei Salzgitter wird derzeit vorbereitet, die Kosten werden auf mehr als 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Sie werden laut Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) zu etwa 60 Prozent von der Industrie getragen.
Die Kosten für das Endlager für hochradioaktiven Abfall - dessen Erkundung in Gorleben demnächst nach zehnjähriger Unterbrechung fortgesetzt werden soll - werden zu 95 Prozent von der Industrie übernommen. Dafür sind laut Umweltministerium Kosten von rund 1,5 Milliarden Euro entstanden. Grundlage für die Kostenzuordnung der Endlagerung ist das Atomgesetz von 1976. Darin wird zwar dem Bund die Verantwortung für den Bau eines Endlagers und den Ländern die Zuständigkeit für die Planung und Überwachung übertragen, den Verursachern aber die Übernahme der Kosten aufgebürdet. Sie müssen dafür Rückstellungen bilden, die allerdings steuerfrei sind. Für die Sanierung der Lager Asse II in Niedersachsen und Morsleben in Sachsen-Anhalt werden weitere Milliardenbeträge fällig. Dazu soll die Brennelementesteuer herangezogen werden.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.807,68 | +0,87% |
| FAZ-INDEX | 1.518,86 | +0,85% |
| TecDAX | 773,70 | +0,01% |
| MDAX | 10.369,70 | +0,52% |
| SDAX | 4.992,11 | +0,54% |
| REX | 421,13 | +0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.535,12 | +0,88% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,55 | +0,72% |
| Dow Jones | 12.884,00 | +0,04% |
| Nasdaq 100 | 2.545,72 | +0,54% |
| S&P500 | 1.349,96 | +0,22% |
| Nikkei225 | 9.002,24 | −0,15% |
| EUR/USD | 1,3277 | +0,21% |
| Rohöl Brent Crude | 118,36 $ | +0,43% |
| Gold | 1.746,00 $ | 0,00% |
| Bund Future | 137,26 € | −0,35% |