In Deutschland sind die Verbraucherpreise im Mai stärker als erwartet gestiegen. Auf Jahressicht seien die Preise auf Verbraucherebene um 3,0 Prozent geklettert, teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden auf Basis vorläufiger Daten aus sechs Bundesländern mit.
Von der Nachrichtenagentur Thomson Financial News befragte Volkswirte hatten mit einer Rate von 2,9 Prozent gerechnet. Im Vormonat lag die Jahresrate noch bei 2,4 Prozent.
Starke Preissteigerungen bei Heizöl und Diesel
Im Monatsvergleich stiegen die Verbraucherpreise im Mai um 0,6 Prozent und damit ebenfalls stärker als erwartet. Hier hatten die befragten Experten ein Plus von 0,5 Prozent erwartet. Im Vormonat waren die Verbraucherpreise noch um 0,2 Prozent gesunken. Das Bundesamt führt den neuerlichen Preisschub vor allem auf starke Preissteigerungen bei Heizöl und Diesel zurück.
Der für europäische Zwecke berechnete harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) für Deutschland erhöhte sich im Mai auf Monatssicht um 0,6 Prozent und um 3,0 Prozent auf Jahressicht. Die befragten Experten waren hier von Zuwächsen von 0,5 Prozent (Monat) und 2,9 Prozent (Jahr) ausgegangen.
Die endgültigen Ergebnisse wird das Statistische Bundesamt am 13. Juni vorlegen.
„Die um sich greifende Hysterie ist übertrieben“
Nach Ansicht von Ökonomen ist die Sorge vor einem wirtschaftlichen Absturz wie in den 70er Jahren jedoch ebenso unbegründet wie die Angst vor globaler Inflation. „Die um sich greifende Hysterie ist übertrieben“, sagt DekaBank- Chefvolkswirt Ulrich Kater. „Die Lage ist keineswegs so dramatisch wie in den 70er oder 90er Jahren.“ Massive Lohnsteigerungen und die Ölkrise trieben 1974 die Inflationsrate auf den Rekordwert von 7,0 Prozent. Heute ist die Situation aber ganz anders: Damals wurde der Ölhahn wegen politischer Spannungen zugedreht, was einen weltweiten Schock auslöste. Heute treibt dagegen die robuste Nachfrage den Ölpreis und weist auf ein starkes Wirtschaftswachstum weltweit hin.
Damals setzten die Gewerkschaften Lohnerhöhungen im zweistelligen Prozentbereich durch - von einer solchen Spirale aus steigenden Preisen und steigenden Löhnen ist derzeit keine Spur zu sehen. „Ich befürchte, dass die Löhne in Deutschland über viele Jahre weiter stagnieren werden“, meint der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans- Werner Sinn. Als Grund nennt er die auf den Weltmarkt drängenden Millionen Hungerlöhner aus China, Indien und anderen Ländern. Zu Beginn der 90er Jahre war es die Wiedervereinigung, die die Teuerung auf 5,1 Prozent im Jahr 1992 klettern ließ, weil Mieten und Preise im Osten an das Westniveau angepasst wurden.
„Steigende Inflationsraten sind Gift für die Wirtschaft“
In diesem Jahr wird die hohe Teuerungsrate die Wirtschaft bremsen. Ökonomen gehen davon aus, dass die Inflation Deutschland 2008 rund 0,5 Prozentpunkte Wachstum kosten wird. „Steigende Inflationsraten sind Gift für die Wirtschaft“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Die Teuerung zehrt Einkommenzuwächse auf und mindert die Kaufkraft der Haushalte. Inflationsängste halten Konsumenten von der Shopping-Tour ab. Dabei sollte der Konsum als jahrelanges Sorgenkind 2008 zur Triebfeder des Aufschwungs werden - doch der Verbrauch enttäuschte im ersten Quartal mit einem Plus von nur 0,3 Prozent. Dennoch soll die Wirtschaft 2008 um rund zwei Prozent wachsen.
Im Gegensatz zu den Ökonomen sind die Bürger sehr besorgt. Laut Umfragen glauben viele Menschen, dass ihre Lebenshaltungskosten stärker steigen als die Statistik ausweist. Diese „gefühlte Inflation“ ist nach einer Umfrage der EU-Kommission in Deutschland derzeit so hoch wie zuletzt nach der Einführung des Euro-Bargeldes 2002 - damals entbrannte die „Teuro“-Debatte um überzogene Preisaufschläge. Die Verbraucher blicken sorgenvoll in die Zukunft: nach einer Umfrage des Instituts TNS Infratest im Auftrag der DZ BANK rechnet die Mehrheit von 1300 Anlegern mit steigenden Benzin-, Strom- und Lebensmittelpreisen - obwohl sie bereits auf Rekordständen sind.
„Milch kauft man jede Woche“
In den vergangenen Monaten haben sich vor allem Produkte des täglichen Bedarfs verteuert wie Benzin und Milch sowie Dienstleistungen wie Friseurbesuche oder Autoreparaturen. „Deshalb empfinden die Verbraucher das viel stärker“, sagt Statistiker Timm Behrmann. „Die Milch, die nur einige Cent teurer wurde, kauft man jede Woche - das billiger gewordene Möbelregal nur alle paar Jahre.“
Die Zeiten niedriger Inflationsraten unter zwei Prozent gehen nach Expertenansicht in Deutschland dem Ende zu. „Auch 2009 ist keineswegs sicher, dass die Inflation im Jahresschnitt auf das angestrebte Ziel von knapp zwei Prozent zurückgehen wird“, sagt Bundesbank-Präsident Axel Weber. Das liege nicht nur an der weltweiten Nachfrage nach Öl und Lebensmitteln, die unvermindert hoch bleibe, sondern auch am Ende der Lohnzurückhaltung. Ein Verbündeter der Inflationswächter bei der Notenbank ist der starke Euro. Er macht Ölimporte, die in Dollar abgerechnet werden, billiger und sorgt dafür, dass Benzin und Heizöl nicht gänzlich unbezahlbar werden.
