15.06.2010 · Während die Schuldenkrise Europa in Atem hält, gibt es gute Nachrichten von Industrie und Handel: Wie eine DIHK-Umfrage zeigt, schöpfen die deutschen Unternehmen wieder Mut und investieren. Doch Wirtschaftsforscher aus Hamburg und Mannheim sind skeptisch; die Krise sei noch nicht überwunden.
„Die Konjunkturerholung beschleunigt sich.“ Das ist das Fazit einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage des Deutschen Industrie und Handelskammertages (DIHK) unter mehr als 22.000 Unternehmen. Fast zwei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise gewinnen große Teile der deutschen Wirtschaft wieder an Kraft. Vor allem der anziehende Export hilft der Industrie aus dem Konjunkturtal und lässt die Firmen mutiger investieren, wie aus der Umfrage hervorgeht.
Erstmals seit Herbst 2008 beurteilten mehr Firmen ihre Lage positiv als negativ. „Der Export hievt die Wirtschaft aus der Krise“, heißt es in der Studie. Dabei helfe auch der schwache Euro. Zudem liefere die Binnenwirtschaft bei Bau und Einzelhandel mehr und mehr Impulse. „Erstmals seit zwei Jahren wollen wieder mehr Firmen Arbeitsplätze schaffen als Beschäftigung abbauen.“
„Konjunkturoptimisten haben wieder satte Mehrheit“
Nach dem Konjunktureinbruch von rund fünf Prozent im Rezessionsjahr 2009 rechnet der DIHK für das laufende Jahr weiter mit einem Wachstum von 2,3 Prozent. Die Erholung beschleunige sich über alle Branchen hinweg. „Fast zwei Jahre nach Zuspitzung der Wirtschaftskrise haben die Konjunkturoptimisten wieder eine satte Mehrheit gegenüber den Skeptikern“, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. Die Aussichten der Industrie für die künftigen Geschäfte erreichten sogar ihren historisch zweitbesten Wert. Aber auch die Geschäftserwartungen binnenmarktorientierter Branchen wie Einzelhandel, Bau und bestimmte Dienstleister verbesserten sich überdurchschnittlich.
Als Lichtblick gilt auch die wachsende Bereitschaft der Firmen, wieder mehr zu investieren. Es gebe nicht nur Produktmodernisierungen und Ersatzinvestitionen, sondern auch erste Ansätze für Erweiterungsinvestitionen. Der Investitionsstau löse sich langsam auf und die Industrie wachse hier wieder in ihre Rolle als Zugpferd hinein. „Die wieder auflebende Exportnachfrage veranlasst insbesondere die chemische Industrie, die Medizintechnik und die Auto-Hersteller zu mehr Investitionen“, heißt es. Sogar der in der Krise arg gebeutelte Maschinenbau liege wieder im Plus. Zuversichtlicher seien auch Anbieter von IT-Diensten, Hoch- und Spitzentechnologie.
Gute Signale vom Arbeitsmarkt
Am Arbeitsmarkt mehren sich ebenfalls die Zeichen für eine Erholung. Mit einem krisenbedingten Rückschlag rechnet der DIHK nicht mehr. Im laufenden Jahr dürfte die Arbeitslosigkeit auf durchschnittlich 3,2 Millionen sinken und damit auf den niedrigsten Wert seit 1992, sagte Wansleben.
Noch im Februar hatte der DIHK mit rund 400.000 Erwerbslosen mehr gerechnet. „Selbst in der Industrie ist der Beschäftigungsrückgang größtenteils gestoppt - in erster Linie infolge der deutlich anziehenden Exporterwartungen.“ Immer weniger Unternehmen seien auf Kurzarbeit angewiesen, was für eine steigende Kapazitätsauslastung spreche. Dafür rückt nach DIHK-Angaben nun wieder der Fachkräftemangel stärker in den Blickpunkt.
HWWI und ZEW skeptischer
Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) zeigte sich hingegen deutlich skeptischer als der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Die Aussichten für die wirtschaftliche Entwicklung haben sich nach Einschätzung des Hamburger HWWI eingetrübt. Man könne nicht davon ausgehen, dass die Finanzkrise überwunden sei, das zeige die Schuldenkrise in Europa, teilten die Experten des HWWI am Dienstag mit. Um den Euro zu stabilisieren, sei ein Ausstieg aus den Konjunkturprogrammen nötig - das gehe aber auf Kosten des Wachstums. Für das zweite Quartal sei noch mit einem kräftigen Plus in Deutschland zu rechnen. Danach werde die Erholung aber an Tempo verlieren.
Für 2010 erwarten die Forscher ein Wachstum von 1,5 Prozent, 2011 ist ein Zuwachs von 1,6 Prozent in Sicht. Damit liege aber die Wirtschaftsleistung Ende 2011 immer noch um etwa 2,5 Prozent niedriger als vor Ausbruch der Krise Anfang 2008.
Die Schuldenkrise in Europa verdirbt außerdem auch den Finanzexperten die Stimmung: Das zeigt der ZEW-Konjunkturindex, der im Juni unerwartet deutlich um 17,1 Punkte auf 28,7 Punkte einbrach, wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag in Mannheim mitteilte. Es ist der niedrigste Stand seit April 2009.
Die vom ZEW befragten Finanzexperten rechnen den Angaben zufolge damit, dass sich die Erholung der deutschen Wirtschaft zum Jahresende abschwächt. Der Ausblick bleibe zwar positiv. Gleichwohl drücke die Unsicherheit über die Schuldenkrise und die Aussicht auf notwendige Sparmaßnahmen in den EU-Ländern auf die Stimmung. „Die aktuelle Erholung ist noch fragil. Die Politik ist deswegen gut beraten, die notwendigen Konsolidierungsschritte jetzt festzulegen, aber erst im Jahr 2011 umzusetzen“, erklärte ZEW-Präsident Wolfgang Franz.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.999,18 | +0,58% |
| EUR/USD | 1,3242 | +0,03% |
| Rohöl Brent Crude | 118,38 $ | +0,41% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |