11.01.2012 · 2011 wächst das Inlandsprodukt um 3 Prozent - so hoch wie in nur fünf Jahren seit der Wiedervereinigung. Allerdings bremst ein Rückgang im Schlussquartal die deutsche Wirtschaftsleistung ein wenig aus.
Von Jan Grossarth und Manfred SchäfersDie deutsche Wirtschaftsleistung ist im vergangenen Jahr insgesamt kräftig gestiegen, ging allerdings im Schlussquartal wieder ein wenig zurück. Im Gesamtjahr lag die Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes (BIP) preisbereinigt bei 3 Prozent – so hoch wie in nur fünf Jahren seit der Wiedervereinigung. Damit wuchs die größte europäische Volkswirtschaft doppelt so schnell wie die Wirtschaft des gesamten Euroraums.
Im vierten Quartal jedoch sank das BIP erstmals seit 2009 wieder leicht, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch bekanntgab. Der Rückgang betrage „schätzungsweise 0,25 Prozent“, sagte der leitende Volkswirt des Statistikamtes Norbert Räth in Wiesbaden. Die genauen Zahlen für dieses Quartal werden erst Mitte Februar veröffentlicht.
Die Veröffentlichung nährt unter Ökonomen die Diskussion darüber, ob die Wirtschaftsleistung im laufenden Quartal weiter schrumpft. Damit wäre die größte Volkswirtschaft Europas vom Boom direkt in eine Rezession gesteuert. Mehrere Ökonomen vertraten jedoch die Ansicht, es handle sich eher um eine Konjunkturdelle. Der Chefvolkswirt der Bank Unicredit Andreas Rees sagte, er glaube nicht, dass eine Rezession bevorstehe: „Der Tiefpunkt in der Stimmung der Unternehmen ist möglicherweise schon überschritten.“
Vorhersagen seien schwierig, da „keiner von uns“ bisher eine solche Staatsschuldenkrise erlebt habe, sagte Jörg Krämer von der Commerzbank, die für das Jahr 2012 eine Stagnation voraussieht. Der Deutsche Gewerkschaftsbund forderte von der Bundesregierung konjunkturpolitische Maßnahmen, die Regierung schloss diese aber aus.
Im vergangenen Jahr machte die deutsche Wirtschaft den historischen Einbruch von 2009 wieder wett, als das BIP um 5,1 Prozent eingebrochen war. Das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2011 betrug 2570 Milliarden Euro. Es bemisst den Wert aller für den Endverbrauch hergestellten Güter und Dienstleistungen. Allen voran steigerte das produzierende Gewerbe mit einer Zuwachsrate von 6 Prozent seine Bruttowertschöpfung.
Besonders der Außenhandel, aber auch die gute Baukonjunktur und der stärkere private Konsum im Inland trugen zum starken Wachstum bei. Die Haushalte steigerten ihre Konsumausgaben um preisbereinigt 1,5 Prozent – so stark wie seit fünf Jahren nicht. Die Bauinvestitionen nahmen um 5,4 Prozent zu, der Export um 8,2 Prozent. Insgesamt trug die gestiegene Inlandsnachfrage sogar etwas mehr zum Wachstum bei, als der Außenhandel. Das lag auch daran, dass das verfügbare Einkommen der Haushalte um 3,3 Prozent zunahm, so stark wie lange nicht mehr.
Vom Aufschwung profitierten auch die Arbeitnehmer. Die Schere zwischen Arbeitnehmer- und den Unternehmer- sowie Vermögenseinkommen, die in den vergangenen acht Jahren enorm auseinanderging, schloss sich wieder ein wenig: Das Arbeitnehmerentgelt stieg wegen höherer Tarifabschlüsse und Beschäftigtenzahlen um 4,5 Prozent – so stark wie seit 1992 nicht. Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen nahmen nur um 1,5 Prozent zu. Niemals waren in Deutschland so viele Menschen erwerbstätig, im Jahresdurchschnitt 41,1 Millionen. Die Produktivität je Erwerbsstunde stieg um 1,2 Prozent, die Nettolöhne um 2,2 Prozent.
Auch die Staatsfinanzen erholten sich. Das Defizit rutschte auf 1 Prozent des BIP und damit deutlich unter die Obergrenze zum Schutz des Euro. Die Einnahmen des Staates stiegen deutlich um 6,1 Prozent, die Ausgaben sanken um 1,1 Prozent. Damit war das Staatsdefizit um 3,3 Prozentpunkte niedriger als im Vorjahr. Nur Estland und Luxemburg stehen nach Schätzungen der EU-Kommission derzeit besser da, Finnland hat nach der Prognose vom Herbst dasselbe Defizit wie Deutschland.
Für die übrigen Euro-Länder wurden Lücken zwischen Einnahmen und Ausgaben von 3 Prozent und mehr vorhergesagt, beispielsweise für Frankreich eine Neuverschuldung von 5,8 Prozent. Allen Euroländern wurde eine durchschnittliche Defizitquote von 4,1 Prozent prognostiziert. Beim zweiten Maastricht-Kriterium liegt Deutschland mit einer Quote von 81,7 Prozent des BIP weiter über der Obergrenze von 60 Prozent.
Am stärksten verbesserte der Bund seine finanzielle Position. Sein Defizit sank von knapp 80 Milliarden Euro auf etwas weniger als 30 Milliarden Euro. Das Defizit der Länder verbesserte sich um rund 7 Milliarden Euro auf gut 16 Milliarden Euro. Gemeinden und Sozialversicherungen beendeten das Jahr mit Überschüssen. In den vergangenen zehn Jahren war das deutsche Staatsdefizit nur zwei Mal niedriger gewesen.
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