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Veröffentlicht: 01.08.2014, 09:22 Uhr

Immer weniger Wachstum Die neue deutsche Bescheidenheit

Deutschland muss sich auf Jahrzehnte mit Mini-Wachstum gefasst machen, meinen Forscher. Das liegt vor allem an der demographischen Entwicklung. Sind die fetten Jahre tatsächlich bald vorbei?

von
© AP Jüngste Prognose der Commerzbank: „Deutschland schrumpft, Demographie bremst Wachstum“

Der Ansturm in Leipzig wird groß sein. Mehr als 2.000 Menschen haben sich schon angemeldet für einen Schrumpfkongress, die „Degrowth“-Konferenz. Forscher und Studenten werden Anfang September darüber diskutieren, wie eine moderne Gesellschaft auch ohne ständig weiter wachsende Wirtschaftsleistung funktionieren kann. Im Kern geht es um neue Formen des Wirtschaftens,die Rücksicht auf knappe Ressourcen, das Klima und die menschliche Belastbarkeit in der Arbeitswelt nehmen. Ökonomische Analysen vermischen sich mit Aktivistentum. Die Degrowth-Bewegung propagiert die Wachstumswende.

Johannes Pennekamp Folgen:

Man muss sich dieser Forderung nicht anschließen, um zu konstatieren, dass die Konferenz ein wichtiges Thema berührt: Wie geht es mit dem Wirtschaftswachstum in Deutschland und anderen Industriestaaten langfristig weiter? Mehrere Veröffentlichungen haben sich in jüngster Zeit dieser Frage gewidmet. Die Prognosen erscheinen auf den ersten Blick besorgniserregend.

„Deutschland schrumpft, Demographie bremst Wachstum“, überschreiben die Volkswirte der Commerzbank ihre Langfristprognose. Mit dem sich abzeichnenden deutlichen Rückgang der arbeitenden Bevölkerung sei ein niedrigeres Wirtschaftswachstum programmiert. Nur wenige Tage zuvor hatte die Industriestaatenorganisation OECD gewarnt: „Das globale Wachstum wird in den kommenden Jahrzehnten sinken.“ Besonders betroffen sind Industrieländer wie Deutschland. Beide Langfristprognosen – die naturgemäß mit großen Unsicherheiten behaftet sind – attestieren Deutschland in den kommenden Jahrzehnten ein Mini-Wachstum um durchschnittlich weniger als 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr.

Die OECD errechnet für die Jahre 2018 bis 2030 einen jährlichen Zuwachs um 0,9 Prozent, für den Zeitraum bis 2060 nur noch um durchschnittlich 0,7 Prozent – also beinahe eine Stagnation. Südkorea hat noch schwächere Werte, Großbritannien, Frankreich und die Vereinigten Staaten können sich dagegen auf höhere Raten einstellen. Die Commerzbank beziffert das sogenannte Potentialwachstum Deutschlands, das auf Grundlage der zu erwartenden Produktivitätssteigerung errechnet wird, langfristig auf 0,8 Prozent des BIP. Keine Rede mehr von den üppigen Zuwachsraten der Vergangenheit.

Infografik / Das Wachstum in Deutschland sinkt © F.A.Z. Vergrößern

„Am Rückgang der Arbeitskräftezahl in Deutschland gibt es nichts zu deuteln, etwas anderes anzunehmen wäre nicht plausibel“, ist Commerzbank-Volkswirt Bernd Weidensteiner sicher. Die Geburtenrate in Deutschland ist eine der niedrigsten der Welt. Bis 2040 dürfte die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um über 20 Prozent auf 39 Millionen Menschen schrumpfen. Anschaulich wird dies, wenn man sich vorstellt, dass im Büro oder der Fabrik jeder fünfte Kollege nicht mehr da wäre.

Dass die Bevölkerung hierzulande in den vergangenen beiden Jahren aufgrund überdurchschnittlicher Einwanderung sogar leicht gewachsen ist, widerspreche der Prognose nicht. Denn so gehe es nicht weiter: Die erweiterte Freizügigkeit in der EU und die Krise in mehreren südeuropäischen Ländern des Euroraums haben einen „temporären Zuwanderungsboom“ gebracht, fassen die Ökonomen der Deutschen Bank zusammen. Man bräuchte eine Nettozuwanderung von 500.000 Menschen jedes Jahr in den kommenden beiden Jahrzehnten, um das Schrumpfen zu verhindern.

„Das ist unrealistisch“, sagt Ökonom Weidensteiner. Falls die Deutschen künftig später in Rente gehen, noch mehr Frauen erwerbstätig sind und mehr Einwanderer ins Land kommen würden, könne das dem Trend entgegenwirken, „es kann die Entwicklung aber nicht kompensieren“, ist der Bankenökonom überzeugt. Gefährdet diese Entwicklung den Wohlstand in Deutschland? Für den individuellen materiellen Wohlstand ist erst einmal eine andere Größe ausschlaggebend.

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