28.12.2009 · Nachdem China Deutschland in diesem Jahr als Exportweltmeister abgelöst haben dürfte, will man 2010 Japan von Platz zwei der größten Wirtschaftsmächte verdrängen. Doch erste Blasen bilden sich, notwendige Reformen bleiben aus. Auch wenn das Land es der Welt weismacht: China ist noch nicht über den Berg.
Von Christian Geinitz, PekingIn China gehen die Uhren anders, die Kalender ebenso. Erst Mitte Februar begehen die Asiaten das neue Jahr, das sich an einem Mondkalender orientiert. Dann wird geknallt und gefeuert, was die Pyrotechnik hergibt. Beim letzten Mal ging das neue Pekinger Fernsehkulturzentrum TVCC in Flammen auf. Das Entsetzen war groß, zumal die verkohlte Fassade wie ein Menetekel wirkte für Chinas wirtschaftliche Verbrennungen in der Krise.
Nachdem 2008 schon die schwächsten Zuwächse seit sieben Jahren gesehen hatte, ging es 2009 weiter bergab. Die Exportflaute kostete zu Jahresbeginn zwei Drittel des Wachstums. Im Jahresverlauf jedoch hat sich die Lage erstaunlich schnell stabilisiert. Wenn demnächst wieder die Böller krachen, dann in der Freude darüber, die bösen Geister hoffentlich verscheucht zu haben.
Wachstumsprognose nach Glückszahlen
Nachdem China Deutschland in diesem Jahr als Exportweltmeister abgelöst haben dürfte, will man im Jahr des Tigers Japan von Platz zwei der größten Wirtschaftsmächte verdrängen. Doch darf man am Aufschwung Zweifel hegen: Das Wachstum ist zwar recht eindrucksvoll, es ist mit Konjunkturhilfen jedoch teuer erkauft, erste Blasen bilden sich, notwendige Reformen bleiben aus. Auch wenn das Land es der Welt weismacht und diese es gern hört: China ist noch nicht über den Berg.
Wie sich die Wirtschaft gefangen hat, ist ohne Zweifel beeindruckend. Innerhalb eines Jahres wandelte sich das Bild von einem Fast-Desaster zu einem kräftigen Aufschwung. Aufhorchen lässt jedoch, dass die erwarteten acht Prozent Wachstum in planwirtschaftlicher Mustergültigkeit den Regierungsvorgaben und dem Glückszahlglauben der Chinesen entsprechen. Selbst wenn man den Statistiken vertraut, ist der Aufschwung allenfalls im Vergleich mit anderen Volkswirtschaften beachtlich. Im chinesischen Maßstab sind die Zuwächse nicht nur schwächer als im Krisenjahr 2008, sondern so gering wie seit 2000 nicht mehr. Acht Prozent sind allein nötig, um die Beschäftigung stabil zu halten. Schon jetzt hat die Krise 20 Millionen Wanderarbeitern den Job gekostet. Die Asiatische Entwicklungsbank schätzt die ländliche Arbeitslosigkeit auf 30 Prozent.
Künstliche Nachfrage und staatliche Kaufanreize
Einige der Stellenlosen haben neue Tätigkeiten im Straßen-, Eisenbahn- oder Hochbau gefunden. Diese Branchen werden aus einem riesigen Konjunkturpaket von rund 400 Milliarden Euro befeuert. Wenig hilfreich ist, dass das Geld auch in kapitalintensive staatliche Industriebetriebe fließt, was zwar die Anlagenausgaben, den Ausstoß und damit die Wirtschaftszahlen in die Höhe treibt, kaum jedoch die Beschäftigung. Die künstliche Nachfrage verschärft die ohnehin bedenklichen Überkapazitäten, schmälert Profitabilität und Produktivität und setzt die Wettbewerbsfähigkeit herab. Ähnliches gilt für die staatlichen Kaufanreize für Haushaltsgeräte oder Personenwagen im nun größten Automarkt der Welt. Die Kraftfahrzeugindustrie erweitert fieberhaft die Produktion. Doch auch hier besteht die Gefahr von Überkapazitäten, sobald die Sonderkonjunktur ausläuft.
Noch größere Risiken lauern im zweiten Hauptpfeiler der Stimulierungspolitik, der Kreditausweitung. Der Staat hat die Darlehensaufnahme derart erleichtert, dass sich die Ausleihungen mehr als verdoppelt haben. Die überschießende Liquidität fließt zum Teil in Spekulationen an den Aktien- und Immobilienmärkten. Während sonst weitgehend Preisstabilität herrscht, haben sich Wertpapiere und Liegenschaften stark verteuert. Diese Entwicklung ist riskant, solange die Finanzierungskosten signifikant unter den Wertzuwächsen bleiben und die Anlagepreise sich als Wetten auf die Zukunft erweisen, statt Unternehmensgewinne oder Mietnachfrage zu spiegeln. Selbst offizielle Stellen warnen vor Blasenbildung und Kreditausfällen.
Reformen sind notwendig
Die Einschätzungen zu Chinas künftiger Wirtschaftsentwicklung schwanken zwischen Stabilitätserwartungen und Absturzszenarien. Die meisten Beobachter sind sich jedoch einig, dass das Land um große Reformen nicht herumkommt. Dazu gehört die Umleitung übertriebener Anlage- und Infrastrukturinvestitionen in Dienstleistungen, Bildungs-, Forschungs-, Umwelt- oder Gesundheitseinrichtungen. Der Aufbau eines Sozialsystems mit Altersvorsorge und Krankenversicherung könnte private Rücklagen freisetzen und den schwachen Binnenkonsum anfachen. Für intelligente Investitionen mit Kaufkraft- und Beschäftigungseffekten könnten auch die Spareinlagen staatlicher Unternehmen herangezogen werden, die doppelt so hoch sind wie die Rücklagen privater Haushalte und dreimal so hoch wie die der Regierung.
Chinas Sparquote gehört zu den höchsten der Welt, der private Verbrauch ist einer der geringsten. Solange die Asiaten in Amerika, wo das Verhältnis umgekehrt ist, Aufnahme für ihre Waren und ihr Kapital fanden, ließ sich mit dem Ungleichgewicht gut leben. Die Krise aber hat gelehrt, welche Risiken dieses Modell für beide Seiten birgt. Nicht nur in Amerika sind grundlegende Korrekturen gefragt, auch die Chinesen müssen endlich ihre Hausaufgaben machen.
Christian Geinitz Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.
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