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China Die Qualität des chinesischen Wachstums

19.07.2006 ·  Wachstum ist gut. Schnelles Wachstum ist besser. Chinas Volkswirtschaft boomt. Was also könnte schlecht daran sein? Doch wächst die Ungleichheit der Verteilung des Wohlstands. Es mangelt an Nachhaltigkeit, und die Regierung in Peking wird in den Provinzen kaum noch gehört.

Von Christoph Hein, Singapur
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Wachstum ist gut. Schnelles Wachstum ist besser. Es steigert den Wohlstand, erzeugt Vertrauen der Konsumenten und Investoren, schafft Arbeitsplätze und verleiht einem Staat Handlungsspielraum und oft auch politische Stabilität. Gerade Entwicklungsländer sind auf hohe Wachstumsraten angewiesen, da sie das Land nur dank einer florierenden Wirtschaft aufbauen und eine ausreichende Beschäftigung bieten können.

Grundsätzlich ist es also eine gute Nachricht, wenn China jetzt mit 11,3 Prozent die höchste Wachstumsrate seit einem Jahrzehnt meldet. Fragen sind dennoch angebracht - nach der Verläßlichkeit der Daten, der Nachhaltigkeit der Zuwachsraten und vor allem zur Qualität des Wachstums.

Statistische Werte aus China sind Ungefährwerte

Die Chinesen korrigieren ihre Wachstumswerte in schöner Regelmäßigkeit erheblich. Das Berichtswesen im Lande ist wenig fundiert und zugleich so stark von Partikularinteressen der Provinzen und Parteigrößen geprägt, daß auch die korrigierten Zahlen nicht in Übereinstimmung mit den Daten einzelner Regionen zu bringen sind. Jeder statistische Wert, der aus China kommt, ist ein Ungefährwert.

Doch er gibt eine Richtung vor - und diese Richtung überrascht. Denn die meisten Beobachter hatten mit einer langsamen Abschwächung der Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes in China gerechnet. Die Regierung selber strebt einen jährlichen Ausbau der Volkswirtschaft um neun Prozent an. Davon ist sie weit entfernt: Im zweiten Quartal wuchs Chinas Wirtschaft um die jetzt verkündeten 11,3 Prozent.

Spiegel der Machtlosigkeit und Selbstüberschätzung

Kritik macht sich nicht an der Höhe dieses Wertes fest, sondern an der Qualität. So geben die Begleiterscheinungen des raschen Wachstums aus mehreren Gründen zu denken: Die Wachstumsrate zeigt, daß die Regierung in Peking die chinesische Volkswirtschaft längst nicht so zu steuern vermag, wie sie selber dies wünscht und vorgibt - in den Daten spiegeln sich Machtlosigkeit und Selbstüberschätzung wider.

Das hohe Wachstum gründet auf einem Investitionsboom, nicht auf dem - gesünderen - Konsum der Chinesen. Hinter dem Wert verbirgt sich die gefährlich wachsende Ungleichheit der Verteilung des Wohlstands, denn das Wachstum findet vor allem entlang der Ostküste statt. Zudem deutet er auf einen Mangel an Nachhaltigkeit, da China unkontrolliert Ressourcen verschleudert.

Die Dominosteine Chinas könnten ins Wanken geraten

Sorge bereiten die hohe Geldmenge, das hohe Kreditvolumen und der deshalb vielerorts drohende Aufbau von Überkapazitäten. Fabriken werden aus dem Boden gestampft, die sich dauerhaft nicht werden halten können, weil sie schlechte Qualität liefern. Bricht der Gewinn aufgrund mangelnder Qualität und Überkapazitäten ein, könnten die Dominosteine in China ins Wanken geraten: Die Unternehmen haben in der Regel nur eine geringe Kapitalausstattung, eine Krise überstehen sie nicht. Dies führte zu steigenden Kreditausfällen der Banken. Brechen erst Banken zusammen, leidet die Börse. Platzt die Immobilienblase, verlieren die Verbraucher ihr Vertrauen, weil sie ihre Altersvorsorge verlieren. Der Schlußpunkt der Kettenreaktion wäre politische Instabilität, die China mit Hilfe hoher Wachstumsraten vermeiden will.

Peking muß erkennen, daß die Versuche, das Wachstum überhitzter Bereiche auf das angestrebte, nachhaltige Maß zu beschränken, fehlgeschlagen sind. Eine Ursache liegt darin, daß sich die Regierung vor dem großen Schritt scheut, den Kurs des Yuan freizugeben und seine Wirtschaft damit voll dem internationalen Wettbewerb auszusetzen.

Yuan-Anpassung würde die Spreu vom Weizen trennen

Die Begründung für das Zögern hat eine irrationale und eine rationale Seite. Die irrationale ist Pekings Wunsch, unbeeinflußt vom Drängen der Weltmächte eigene Entscheidungen zu einem selbstgewählten Zeitpunkt zu treffen. Rational betrachtet, wird Peking wohl nur die Möglichkeit haben, schrittweise und im Einklang mit dem Aufbau des eigenen Finanzmarktes den Yuan freizugeben.

Dies wird dauern. Denn die Regierung fürchtet ein Szenario, wie es etwa die Analysten von Standard & Poor's gerade beschrieben haben: Ein Anstieg des Yuan-Kurses um 25 Prozent und eine Anhebung des Zinssatzes von zwei Prozentpunkten ließen die Gewinne der chinesischen Unternehmen um ein Drittel einbrechen. Damit trennte sich zwar die Spreu vom Weizen. Der Prozeß aber wäre so abrupt, daß auch hier Instabilität drohte.

Staatsregierung wird in den Provinzen kaum gehört

Die zweite Ursache für das überschießende Wachstum ist für China-Kenner beängstigender: Belegt der deutlich über den Vorstellungen Pekings liegende Wert doch, daß die Staatsregierung in den Provinzen kaum gehört wird. Jeder Provinzfürst achtet eher darauf, sein eigenes Heil zu suchen, als den Anordnungen aus der Hauptstadt Folge zu leisten. Und dieses eigene Heil liegt zu oft darin, seine Schäfchen etwa durch zweifelhafte Immobiliengeschäfte ins trockene zu bringen. Deshalb sah sich Ministerpräsident Wen Jiabao am Sonntag gezwungen, die Provinzen ein weiteres Mal zum Maßhalten aufzufordern. Nützen wird dies wenig.

So bleiben kleine Schritte aus Pekings Sicht wohl der einzige Weg, Überhitzung und Überinvestition in einzelnen Bereichen einzudämmen. Im Vordergrund steht ein weiterer Zinsschritt. Folgen dürfte eine nochmalige Anhebung der Reserveanforderungen der Banken. Mittelfristig muß China von einem investitionsgetriebenen Wachstum auf ein nachfragegetriebenes Wachstum umschalten. Dazu aber sind die chinesischen Verbraucher dieser Generation noch zu vorsichtig, erscheint ihnen die Politik Pekings zu unverläßlich: So sparen sie lieber auf eine ungewisse Zukunft, als in großem Stile zu konsumieren. Das Vertrauen der Verbraucher in das eigene System steht auf dem niedrigsten Stand seit drei Jahren.

Quelle: F.A.Z., 19.07.2006, Nr. 165 / Seite 11
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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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