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China Die größte Stadt der Welt heißt Chongqing

18.04.2006 ·  In der chinesischen Metropole Chongqing leben 31 Millionen Menschen. Jedes Jahr kommt eine halbe Million dazu. ABB baut hier die größten Trafos der Welt: 400-Tonnen-Kolosse für den Drei-Schluchten-Damm.

Von Christoph Hein
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Abends, wenn der Dunst von den Flüssen hochzieht, verschwindet das neue China unter die Erde. Dann treffen sich die Jungen, die Schönen, die Reichen im "Falling", dem heißesten Top-Spot von Chongqing. Im "Falling" kostet die Flasche Black Label mehr, als ein chinesischer Arbeiter im Jahr verdient. Oben auf der Straße aber braten die Köche an ihren Buden für ein paar Yuan Hamster- und Entenköpfe, Singvögel und Schweineschnauzen. So wie sie es schon immer getan haben.

Tagsüber kehrt das neue China zurück an die Oberfläche. Voller Stolz zeigt es sich im milchigen Licht des sauren Smogs über der Stadt. Dann gibt es Armani-Anzüge und Uhren von A. Lange & Söhne aus Glashütte am anderen Ende der Welt, dann kurven Geländewagen und BMW durch Chongqing. "Acht Brücken bauen wir bis 2010 über unsere Flüsse, acht neue Autobahnen und acht Eisenbahnlinien", sagt Zhou Bin, Leiter der Wirtschaftskommission in Chongqing.

Chongqing, die Geschlagene, die Unerschüttliche

Zhou sagt das nicht nur, weil die Acht die Glückszahl der Chinesen ist. Er sagt das, weil Chongqing endlich den Rang einnehmen will, der ihm gebührt: Die fortschrittlichste, leuchtendste Stadt im Reich der Mitte will es sein. Chongqing, die Geschlagene, Chongqing, die Unerschüttliche - von den Japanern in Schutt und Asche bombardiert, von Tschiang Kai-schek zur Hauptstadt seines Reiches erklärt, wieder versunken im westchinesischen Hinterland und nun wieder auferstanden. Mit 31 Millionen Einwohnern ist Chongqing die größte Stadt der Welt - zumindest wenn man das Umland mitrechnet, wie es die Chinesen tun.

Die Stadt ist erster Anlaufpunkt für die Armeen der Armen aus dem Westen. Auf der Suche nach Wohlstand strömen sie gen Osten, in Richtung Küste. Eine halbe Million Menschen zieht Jahr für Jahr in die Stadt - sie wächst jedes Jahr um die Größe Hannovers. Das neue Leben aber beginnt in Stoffturnschuhen und abgewetzter Militärjacke: als "Bang Bang Man", als Lastenträger, der auf seiner Bambusstange Zuckersäcke und Stereoanlagen über die steilen Gassen Chongqings schleppt.

Vor zehn Jahren hatte der durchschnittliche Städter noch ein Einkommen von 5022 Yuan, der Bauer kam auf 1479. Im vergangenen Jahr lag das Durchschnittseinkommen in der Stadt schon bei 10244 Yuan (1055 Euro), das der Landbevölkerung immer noch nur bei 2809 - Zahlen, die zu Sprengstoff werden.

Hier muß gelingen, was Peking ersann

Peking will die Zeitbombe entschärfen, indem es den Westen entwickelt, dort Industrie ansiedelt. Ist China ein überdimensionales Versuchslabor für ein neues Gesellschaftsmodell, so ist Chongqing sein wichtigstes Studienobjekt. Hier muß gelingen, was Peking ersann. In einer Art Marshall-Plan hat sich China seine Go-West-Politik seit 1999 rund 1,6 Billionen Yuan (164,7 Milliarden Euro) kosten lassen. "Bis 2010 wollen wir hier 1,2 Millionen neue Stellen geschaffen, 1,6 Millionen Bauern zu Arbeitern transformiert haben", sagt Zhou. "Es ist unsere größte Herausforderung und Verantwortung, die Neuankömmlinge aufzunehmen, ihnen Arbeit und ein menschenwürdiges Dasein zu verschaffen." Dann fügt er an: "Das ist meine persönlichen Meinung, nicht die des Amtes." So als wäre es im neuen China ein Fehler, über ein wenig Menschlichkeit zu sinnieren.

Chongqing ist der Brückenkopf Pekings im Westen. Hier vereinen sich Jangtse und der Jialing zu einem großen Strom. Der mündet 1500 Kilometer weiter bei Schanghai ins Meer und bildet damit einen idealen Transportweg. Einst errichteten die Briten in Chongqing Handelshäuser, inmitten des an Getreide, Mineralien und Kohle reichen Roten Beckens Chinas. Reedereien wie die britische Butterfield & Swire verdienten sich unter dem Schutz von Kanonenbooten auf dem Jangtse eine goldene Nase.

ABB baut hier die größten Transformatoren der Welt

Heute hilft der Drei-Schluchten-Damm beim Geldverdienen. Er wird den Jangtse 2009 zu einem 600 Kilometer langen See stauen. Auf ihm werden 10000-Tonnen-Frachter bis ins Bergland nach Chongqing fahren. Die Gesamttonnage auf dem Fluß soll sich verfünffachen, die Transportkosten sollen um ein gutes Drittel fallen. Doch auch vom Damm selber profitiert Chongqing: dank der Touristen, die ihn sehen wollen und sich hier einschiffen, aber auch dank der Trafofabrik der Schweizer ABB.

Die Fertigung vor den Toren der Stadt wird von Matti Stoor geleitet. Er und seine Familie zählen zu den wenigen westlichen Ausländern in Chongqing. "Ich schätze, hier gibt es vielleicht 25 weiße Familien", sagt Anne Stoor. "Geduld und Anpassungsfähigkeit" seien ihre wichtigsten Tugenden hier draußen. Sie hat viel Zeit, Ablenkung gibt es in Chongqing kaum. "Ich lerne vier bis fünf Stunden täglich Chinesisch", sagt die Schwedin. Was ihr fehle? "Einmal wieder selber Auto fahren zu können, einmal wieder ins Kino zu gehen." ABB baut hier die größten Transformatoren der Welt: 400-Tonnen-Kolosse für das Kraftwerk am Damm. Dafür bekommen die Schweizer Unterstützung vom Staat. Auf die setzen auch andere. Aus der Rüstungsindustrie während des Krieges entwickelte sich eine Stahl- und Aluminium-, eine Automobil- und Motorradindustrie. Changan baut in Chongqing den Ford Mondeo, Aokang näht eine Million Paar Schuhe im Jahr, BP betreibt eine Raffinerie, Haier fertigt Kühlschränke, und Pepsi braut Brause.

Wie Bitterfeld vor der Wende

Der Autohersteller Lifan will eine Fertigungsstraße von BMW kaufen, um seine Fahrzeuge an den Weltmarkt zu liefern. Gerade erst kehrte eine Chongqing-Delegation aus Deutschland zurück: Bei BASF in Ludwigshafen und Bayer in Leverkusen hatte sie für die Ansiedlung einer Ethylenproduktion geworben. 40 "Industrieparks" plant die Stadt, 266 Großanlagen sollen entstehen. Eine halbe Milliarde Dollar investierten Ausländer allein im vergangenen Jahr in Chongqing - in diesem Jahr wird es mehr sein. Und doch: Gemessen an Schanghai, wohin 2004 fast 6,5 Milliarden Dollar aus dem Ausland flossen, liegt die Summe viel zu niedrig.

Die besten Köpfe des Landes sollen es nun richten. Wang Yang, seit dem Jahreswechsel Sekretär der Kommunistischen Partei in Chongqing, war Vizeminister der mächtigen Staatlichen Entwicklungs- und Planungskommission. Vizebürgermeister Huang Qifan trieb zuvor den Aufbau Schanghais voran. "2010 werden wir das wirtschaftliche Gewicht von Schanghai erreichen, 2017 dasjenige Hongkongs", sagt Huang. Das Pfund, mit dem er wuchern kann, ist das unerschöpfliche Reservoir der Arbeitskraft zu niedrigen Kosten: "Die Löhne hier betragen etwa ein Drittel des Niveaus Schanghais", sagt Zhu. Auch Boden und Energie sind billiger.

Einfach aber ist das Leben nicht. Im Sommer wird Chongqing bei 45 Grad zum Glutofen. Tagein, tagaus liegt es unter einem feuchtwarmen Grauschleier. Ganze Stadtteile wirken wie Bitterfeld vor der Wende. Straßenzüge sind entvölkert, leere Fensterhöhlen gähnen, Fabrikruinen warten auf das Abrißkommando. Die Städter aber haben tief unten in der Schlucht am Fluß Sonnenschirme aufgestellt. Wie Sommerwiesen mit bunten Schmetterlingen wirken die Auen. Es stinkt erbärmlich, doch die Kinder lassen Drachen steigen und spielen Büchsenwerfen. Inmitten des Umbruchs suchen die Menschen ihr kleines Glück. Wenn der Fluß erst gestaut ist, wenn sein braunes Wasser erst die Böschungen überflutet, dann, ja dann soll daraus das große Glück werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.04.2006, Nr. 15 / Seite 46
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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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