Home
http://www.faz.net/-gqe-sivf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

China Die größte Stadt der Welt heißt Chongqing

In der chinesischen Metropole Chongqing leben 31 Millionen Menschen. Jedes Jahr kommt eine halbe Million dazu. ABB baut hier die größten Trafos der Welt: 400-Tonnen-Kolosse für den Drei-Schluchten-Damm.

© F.A.Z.

Abends, wenn der Dunst von den Flüssen hochzieht, verschwindet das neue China unter die Erde. Dann treffen sich die Jungen, die Schönen, die Reichen im "Falling", dem heißesten Top-Spot von Chongqing. Im "Falling" kostet die Flasche Black Label mehr, als ein chinesischer Arbeiter im Jahr verdient. Oben auf der Straße aber braten die Köche an ihren Buden für ein paar Yuan Hamster- und Entenköpfe, Singvögel und Schweineschnauzen. So wie sie es schon immer getan haben.

Christoph Hein Folgen:

Tagsüber kehrt das neue China zurück an die Oberfläche. Voller Stolz zeigt es sich im milchigen Licht des sauren Smogs über der Stadt. Dann gibt es Armani-Anzüge und Uhren von A. Lange & Söhne aus Glashütte am anderen Ende der Welt, dann kurven Geländewagen und BMW durch Chongqing. "Acht Brücken bauen wir bis 2010 über unsere Flüsse, acht neue Autobahnen und acht Eisenbahnlinien", sagt Zhou Bin, Leiter der Wirtschaftskommission in Chongqing.

Mehr zum Thema

Chongqing, die Geschlagene, die Unerschüttliche

Zhou sagt das nicht nur, weil die Acht die Glückszahl der Chinesen ist. Er sagt das, weil Chongqing endlich den Rang einnehmen will, der ihm gebührt: Die fortschrittlichste, leuchtendste Stadt im Reich der Mitte will es sein. Chongqing, die Geschlagene, Chongqing, die Unerschüttliche - von den Japanern in Schutt und Asche bombardiert, von Tschiang Kai-schek zur Hauptstadt seines Reiches erklärt, wieder versunken im westchinesischen Hinterland und nun wieder auferstanden. Mit 31 Millionen Einwohnern ist Chongqing die größte Stadt der Welt - zumindest wenn man das Umland mitrechnet, wie es die Chinesen tun.

Die Stadt ist erster Anlaufpunkt für die Armeen der Armen aus dem Westen. Auf der Suche nach Wohlstand strömen sie gen Osten, in Richtung Küste. Eine halbe Million Menschen zieht Jahr für Jahr in die Stadt - sie wächst jedes Jahr um die Größe Hannovers. Das neue Leben aber beginnt in Stoffturnschuhen und abgewetzter Militärjacke: als "Bang Bang Man", als Lastenträger, der auf seiner Bambusstange Zuckersäcke und Stereoanlagen über die steilen Gassen Chongqings schleppt.

Vor zehn Jahren hatte der durchschnittliche Städter noch ein Einkommen von 5022 Yuan, der Bauer kam auf 1479. Im vergangenen Jahr lag das Durchschnittseinkommen in der Stadt schon bei 10244 Yuan (1055 Euro), das der Landbevölkerung immer noch nur bei 2809 - Zahlen, die zu Sprengstoff werden.

Hier muß gelingen, was Peking ersann

Peking will die Zeitbombe entschärfen, indem es den Westen entwickelt, dort Industrie ansiedelt. Ist China ein überdimensionales Versuchslabor für ein neues Gesellschaftsmodell, so ist Chongqing sein wichtigstes Studienobjekt. Hier muß gelingen, was Peking ersann. In einer Art Marshall-Plan hat sich China seine Go-West-Politik seit 1999 rund 1,6 Billionen Yuan (164,7 Milliarden Euro) kosten lassen. "Bis 2010 wollen wir hier 1,2 Millionen neue Stellen geschaffen, 1,6 Millionen Bauern zu Arbeitern transformiert haben", sagt Zhou. "Es ist unsere größte Herausforderung und Verantwortung, die Neuankömmlinge aufzunehmen, ihnen Arbeit und ein menschenwürdiges Dasein zu verschaffen." Dann fügt er an: "Das ist meine persönlichen Meinung, nicht die des Amtes." So als wäre es im neuen China ein Fehler, über ein wenig Menschlichkeit zu sinnieren.

Chongqing ist der Brückenkopf Pekings im Westen. Hier vereinen sich Jangtse und der Jialing zu einem großen Strom. Der mündet 1500 Kilometer weiter bei Schanghai ins Meer und bildet damit einen idealen Transportweg. Einst errichteten die Briten in Chongqing Handelshäuser, inmitten des an Getreide, Mineralien und Kohle reichen Roten Beckens Chinas. Reedereien wie die britische Butterfield & Swire verdienten sich unter dem Schutz von Kanonenbooten auf dem Jangtse eine goldene Nase.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Projekt Neue Seidenstraße Die Stadt der unsichtbaren Einwohner

In Neu-Lanzhou hat Chinas Führung Hochhäuser für eine Million Menschen gebaut. Sie sind Teil des Prestigeprojekts Neue Seidenstraße, mit dem China den Weg nach Westen verkürzen will. Doch noch stehen sie leer. Mehr Von Petra Kolonko, Peking

25.06.2015, 08:00 Uhr | Politik
China 20 Vermisste nach Schiffsunglück

Nach einem Schiffsunglück auf dem Jangtse-Fluss in China werden mehr als 20 Personen vermisst. Der Schlepper war bei einer Probefahrt plötzlich gekentert und gesunken. Mehr

16.01.2015, 11:37 Uhr | Gesellschaft
Aktienmarkt Chinas politische Börse

Erst sah es so aus, als könnte Chinas Regierung mit Propaganda die Aktienkurse im Land immer weiter treiben. Dann schien ihr die Kontrolle zu entgleiten und die Blase zu platzen. Aber haben Chinas politische Börsen wirklich kurze oder vielmehr lange Beine? Mehr Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai

30.06.2015, 07:27 Uhr | Wirtschaft
Schiffsunglück Keine Hoffnung auf Überlebende in Jangtse-Schiff

Drei Tage nach dem Kentern eines Ausflugsschiffs mit 456 Menschen an Bord auf dem Jangtse-Fluss in China hat die Regierung eingeräumt, dass es praktisch keine Hoffnung mehr auf Überlebende gibt. Zuvor hatten die Behörden begonnen, das Schiff mit Hilfe zweier großer Kräne aufzurichten. Sollten sich die Befürchtungen bestätigen, wäre es laut Staatsmedien das schwerste Schiffsunglück in China seit fast 70 Jahren. Mehr

06.06.2015, 10:37 Uhr | Gesellschaft
Chinesischer Aktienmarkt Chinas Börsenverluste zehn Mal so groß wie Griechenlands Wirtschaft

Der Kursverlust an den chinesischen Aktienmärkten entwickelt sich zur Gefahr für die Stabilität im Land. Peking zeigt bereits mit dem Finger auf angeblich schuldige Manager und Börsenhändler. Welche Folgen hätte ein Crash für die Weltwirtschaft? Mehr Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai

03.07.2015, 07:20 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.04.2006, 10:00 Uhr

Maut-Schaden

Von Manfred Schäfers

Die Freude des Verkehrsministers über das Maut-Gesetz währte nur kurz. Tatsächlich rollt nun das Geld, dummerweise in die falsche Richtung: aus dem Verkehrsetat, statt hinein. Mehr 29 21


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --