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China : Die größte Stadt der Welt heißt Chongqing

Bild: F.A.Z.

In der chinesischen Metropole Chongqing leben 31 Millionen Menschen. Jedes Jahr kommt eine halbe Million dazu. ABB baut hier die größten Trafos der Welt: 400-Tonnen-Kolosse für den Drei-Schluchten-Damm.

          Abends, wenn der Dunst von den Flüssen hochzieht, verschwindet das neue China unter die Erde. Dann treffen sich die Jungen, die Schönen, die Reichen im "Falling", dem heißesten Top-Spot von Chongqing. Im "Falling" kostet die Flasche Black Label mehr, als ein chinesischer Arbeiter im Jahr verdient. Oben auf der Straße aber braten die Köche an ihren Buden für ein paar Yuan Hamster- und Entenköpfe, Singvögel und Schweineschnauzen. So wie sie es schon immer getan haben.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Tagsüber kehrt das neue China zurück an die Oberfläche. Voller Stolz zeigt es sich im milchigen Licht des sauren Smogs über der Stadt. Dann gibt es Armani-Anzüge und Uhren von A. Lange & Söhne aus Glashütte am anderen Ende der Welt, dann kurven Geländewagen und BMW durch Chongqing. "Acht Brücken bauen wir bis 2010 über unsere Flüsse, acht neue Autobahnen und acht Eisenbahnlinien", sagt Zhou Bin, Leiter der Wirtschaftskommission in Chongqing.

          Chongqing, die Geschlagene, die Unerschüttliche

          Zhou sagt das nicht nur, weil die Acht die Glückszahl der Chinesen ist. Er sagt das, weil Chongqing endlich den Rang einnehmen will, der ihm gebührt: Die fortschrittlichste, leuchtendste Stadt im Reich der Mitte will es sein. Chongqing, die Geschlagene, Chongqing, die Unerschüttliche - von den Japanern in Schutt und Asche bombardiert, von Tschiang Kai-schek zur Hauptstadt seines Reiches erklärt, wieder versunken im westchinesischen Hinterland und nun wieder auferstanden. Mit 31 Millionen Einwohnern ist Chongqing die größte Stadt der Welt - zumindest wenn man das Umland mitrechnet, wie es die Chinesen tun.

          Die Stadt ist erster Anlaufpunkt für die Armeen der Armen aus dem Westen. Auf der Suche nach Wohlstand strömen sie gen Osten, in Richtung Küste. Eine halbe Million Menschen zieht Jahr für Jahr in die Stadt - sie wächst jedes Jahr um die Größe Hannovers. Das neue Leben aber beginnt in Stoffturnschuhen und abgewetzter Militärjacke: als "Bang Bang Man", als Lastenträger, der auf seiner Bambusstange Zuckersäcke und Stereoanlagen über die steilen Gassen Chongqings schleppt.

          Vor zehn Jahren hatte der durchschnittliche Städter noch ein Einkommen von 5022 Yuan, der Bauer kam auf 1479. Im vergangenen Jahr lag das Durchschnittseinkommen in der Stadt schon bei 10244 Yuan (1055 Euro), das der Landbevölkerung immer noch nur bei 2809 - Zahlen, die zu Sprengstoff werden.

          Hier muß gelingen, was Peking ersann

          Peking will die Zeitbombe entschärfen, indem es den Westen entwickelt, dort Industrie ansiedelt. Ist China ein überdimensionales Versuchslabor für ein neues Gesellschaftsmodell, so ist Chongqing sein wichtigstes Studienobjekt. Hier muß gelingen, was Peking ersann. In einer Art Marshall-Plan hat sich China seine Go-West-Politik seit 1999 rund 1,6 Billionen Yuan (164,7 Milliarden Euro) kosten lassen. "Bis 2010 wollen wir hier 1,2 Millionen neue Stellen geschaffen, 1,6 Millionen Bauern zu Arbeitern transformiert haben", sagt Zhou. "Es ist unsere größte Herausforderung und Verantwortung, die Neuankömmlinge aufzunehmen, ihnen Arbeit und ein menschenwürdiges Dasein zu verschaffen." Dann fügt er an: "Das ist meine persönlichen Meinung, nicht die des Amtes." So als wäre es im neuen China ein Fehler, über ein wenig Menschlichkeit zu sinnieren.

          Chongqing ist der Brückenkopf Pekings im Westen. Hier vereinen sich Jangtse und der Jialing zu einem großen Strom. Der mündet 1500 Kilometer weiter bei Schanghai ins Meer und bildet damit einen idealen Transportweg. Einst errichteten die Briten in Chongqing Handelshäuser, inmitten des an Getreide, Mineralien und Kohle reichen Roten Beckens Chinas. Reedereien wie die britische Butterfield & Swire verdienten sich unter dem Schutz von Kanonenbooten auf dem Jangtse eine goldene Nase.

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