29.09.2006 · lllegale Druckerzeugnisse gefährden in Indien die Buchbranche. Straßenhändler verscherbeln nicht nur simple Plagiate, sondern auch gefälschte Übersetzungen und Veröffentlichungen unter falschen Autorennamen.
Von Christoph Hein, BombayLesen kann Shubham nicht. Und doch weiß er, was in Indiens Bestsellern steht. Zumindest in etwa. „Hier, das ist die Geschichte von Google, dem größten Unternehmen der Welt“, sagt der Elfjährige, während er auf den Stapel Taschenbücher in seiner Hand verweist. Er zieht den nächsten Band heraus. „Das hier erklärt, warum die Welt flach ist, keine Kugel“, sagt er, als er Thomas Friedmans Verkaufsschlager aus dem Stapel fischt. „Oder wollen Sie Harry Potter?“
Shubham ist Opfer. Und Täter. Denn für ein paar Rupien am Tag verkauft er Raubkopien von Büchern und bringt damit Autoren, Verlage und Buchhändler um ihr Geschäft. Täte er es aber nicht, so könnte Shubham allenfalls durch das Aufsammeln von Müll überleben oder indem er seinen Körper zur Prostitution anbieten würde. Also steht er lieber tagtäglich an der Straßenkreuzung auf dem Weg in Bombays Geschäftsviertel und klopft, wenn die Ampel auf Rot springt, den Stoß Bücher auf dem linken Arm, an die Scheiben der Autos. Mehr als elf Millionen Straßenkinder gibt es in Indien, allein in der Wirtschaftskapitale Bombay sollen es mindestens 125.000 sein. Shubham aber sieht sich als Kaufmann.
„Die Raubkopierer werden immer besser“
Kaufmann ist auch Anuj Bahri, auch wenn er sich selber so nicht sieht. Denn Bahri ist Buchhändler, einer der ältesten und arriviertesten Indiens. In seiner Buchhandlung im Khan Market in Neu-Delhi verkauft er nicht nur, hier lebt er. Bei Bahrisons stapeln sich die Bände bis unter die Decke, in Regalen, auf Tischen, auf dem Boden. „Die Raubkopierer werden immer besser“, sagt der alte Mann hinter seinem Tresen. „Natürlich haben wir viel mehr Auswahl, können beraten. Doch wenn jemand einen der neuen Bestseller haben will, braucht er nicht bis zu uns zu fahren - für ein paar Rupien kann er ihn an jeder Straßenkreuzung bekommen.“ Dann lächelt er das Lächeln des Literaten: „Aber die Hauptsache ist doch, die Inder lesen.“
Das denkt sich Shubham auch. Er bekommt die Bände, die er zu seiner Straßenkreuzung schleppt, jeden Morgen in einem Kellergeschoß. Dort hat der Mittelsmann sein Lager. Er wiederum erhält seine Ware von einem Großhändler, der sie von einer Druckerei in der Altstadt Bombays bezieht. „Dahinter steckt eine richtige Mafia“, sagt Bahri. „Bestens organisiert, mit neuen Druckmaschinen.“ Im Juli vergangenen Jahres wurden in Delhi Straßenverkäufer von Raubkopien festgenommen, die insgesamt 5700 Bände von Autoren wie Sheldon, Grisham, Coelho und Dan Brown mit sich führten. Bei Mittelsmännern stellte die Polizei daraufhin zum einen 24.000, zum anderen 34.000 Bände sicher.
40 Milliarden Umsatzverlust aufgrund des Schwarzdrucks
Indien ist ein Bücherparadies. Die Inder debattieren gerne, die Mittelschicht ist hoch gebildet, die Druckqualität ist so gut, daß selbst Verleger von Kunstbänden wie der Kölner Taschenverlag auf dem Subkontinent produzieren lassen. Und in Indien wird Englisch gelesen, was - anders als etwa im Fälscherparadies China - den Indern den Zugriff auf einen ganzen Literaturkosmos eröffnet. Rund 15.000 Verlage bringen jährlich mindestens 700.000 Bücher in 22 Sprachen auf den indischen Markt, schätzt die Indische Vereinigung für Buchhändler und Verleger (FBPAI).
„Die Buchpiraterie stellt eine massive Bedrohung der Branche dar“, heißt es dort. Von ihren rund 700 Milliarden Rupien (12 Milliarden Euro) Umsatz gingen 40 Milliarden aufgrund des Schwarzdrucks verloren, schätzt R. Gopalan, Direktor des Verlegerinstituts in Chennai. „Die am meisten verbreitete Art des Raubdrucks ist schlicht die Kopie eines veröffentlichten Buches. Dann aber folgt die Unart, Bücher mit den Namen berühmter Autoren zu versehen, sie aber von jemand anderem schreiben zu lassen. Der dritte Typ sind Raubübersetzungen von Büchern in anderen Sprachen. Natürlich zahlt keiner der Buchpiraten Steuern oder Abgaben an den Autor.“
„Schutzlos vor dem korrupten System“
Der Kampf gegen die Piraterie hat gerade erst begonnen. Es wird ein schwerer Weg. Denn die Branche ist extrem zersplittert: Nur etwa 10 Prozent der Verlage produzieren mehr als 50 Titel im Jahr und besitzen eigene Druckwerkstätten und ein Vertreternetzwerk. Und die Unsitte des Kopierens von Büchern fängt schon in der Schule an. Bibliotheken sind miserabel ausgestattet, die Schüler und Studenten arm, die Lehrbücher teuer. Selbst Verbandschef Gopalan räumt ein: „Der Hauptgrund für das Elend liegt im Preis für Bücher in unserem Land angesichts des schwachen wirtschaftlichen Hintergrunds unserer Studenten.“ Ein Unrechtsbewußtsein kommt da nur schwer auf.
„Verlage schätzen, daß jedem Bestseller 50 bis 60 Prozent Umsatz durch die Piraterie verlorengehen“, warnt die Internationale Allianz des geistigen Eigentums (IIPA), in der sich amerikanische Verleger zusammengeschlossen haben. „Zum Beispiel verkaufen 70 Händler rund um das Viertel Churchgate in Bombay öffentlich Raubkopien von Büchern, ohne jeglichen Widerstand seitens des Gesetzes.“ Der Verband nimmt kein Blatt vor den Mund: „Wiederholte Beschlagnahmungen von Druckmaschinen haben die Lage besonders in Delhi etwas verbessert. Speziell in Bangalore und in Bombay aber ist das Bemühen der Behörden eher geschwunden, so daß die legalen Besitzer des geistigen Eigentums schutzlos einem korrupten System gegenüberstehen, das die Augen noch vor der offensichtlichsten Piraterie verschließt.“
Das Rechtssystem hilft nicht weiter
Längst ist bekannt, daß die Buchpiraten beste Druckmaschinen etwa in China kaufen. Diese wiederum sind oft ihrerseits Nachbauten hochwertiger Maschinen etwa der Heidelberger Druckmaschinen AG. Das Rechtssystem in Indien hilft nicht weiter: „Die Verfolgung bleibt so sklerotisch wie immer. 441 Fälle liegen bei den Gerichten vor. Zwischen April und Juni hat der britische Verlegerverband 15 Fälle vor Gericht gebracht - und sie alle wurden vertagt“, bemängelt IIPA.
Dabei bleibt die Piraterie längst nicht mehr auf Indien beschränkt: „Qualitativ hochwertige raubkopierte Bücher werden von Indien aus nach ganz Asien, in den Mittleren Osten, nach Europa und Amerika exportiert. Die Piraten nutzen dabei immer öfter das Internet. Viele Betreiber dieser Websites haben sich hoch organisiert mit ausgefeilten Verkaufs- und Verteilungssystemen“, warnt IIPA.
Auch die Qualität von Shubhams Büchern ist nicht zu bestreiten. Das Papier ist gut, sie riechen gut, das Druckbild ist sauber. Auf der hinteren Umschlagseite sind sie mit einem Barcode für die elektronische Kasse versehen. Und nach dem Vorsatzpapier tragen sie den Hinweis: "Nachdruck verboten".
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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