Home
http://www.faz.net/-gqf-73zf4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Autoindustrie in der Krise Volkswagen von Volkswagen

Millionen Menschen in Schwellenländern wollen ein Auto kaufen, können sich aber keinen VW leisten. In Teilen Europas könnte es wegen der Krise bald ähnlich sein. Braucht der größte Automobilhersteller des Kontinents eine Billigmarke? Eine Analyse.

© dapd Vergrößern Sollte Volkswagen Autos für 6000 Euro bauen?

Braucht Europas größter Automobilhersteller eine Billigmarke? Die Frage wird in Wolfsburg schon seit gut einem Jahr diskutiert, seit die Partnerschaft mit dem japanischen Kleinwagenspezialisten Suzuki gescheitert ist - und immer drängender. Sie lässt sich aus zweierlei Perspektive beantworten: aus Sicht der Konkurrenz, die fürchten muss, dann werde VW noch stärker und der Wettbewerb noch unausgewogener, mit: Nein. Aus Sicht von Volkswagen mit: Ja.

Frank-Holger  Appel Folgen:  

Trotz einem Dutzend Hausmarken fehlt dem VW-Konzern ein Angebot für jene Menschen vornehmlich in Schwellenländern, denen es auf individuelle Mobilität im einfachsten Sinne ankommt. Dabei geht es um einen beträchtlichen Markt. Auf 8 bis 9 Millionen Einheiten jährlich wird das Volumen geschätzt. Mehr als die Hälfte davon entfällt auf China, aber auch in Indien, Russland oder Brasilien gibt es viele Menschen, die sich ein Auto leisten wollen, aber keinen VW leisten können.

Kein klassenloser Günstig-Chic

Und wer weiß: Womöglich ist die Krise in Südeuropa so hartnäckig, dass sich schneller, als vielen lieb ist, hierzulande ein Segment weitet, das nicht der rumänischen Renault-Tochtergesellschaft Dacia oder vordringenden Marken aus China oder Korea überlassen werden sollte. Es geht um Volumen, um Ertrag nach dem Motto „Kleinvieh macht auch Mist“, aber auch um die Frage, wer überhaupt noch Autos verkauft.

Mehr zum Thema

Fällt die grundsätzliche Entscheidung zugunsten einer Billigmarke, stellt sich eine Fülle von Anschlussfragen: Welche Marke einsetzen? Welche Technik verwenden? Welche Fahrzeugform wählen und wie viele Modelle bauen? Welchen Preis anstreben? Welche Märkte versorgen? Wie die (ertragreichen) Kernmarken schützen, damit man nicht in das kannibalisierende Dilemma läuft, das sich im Renault-Konzern mit seinem sich zu klassenlosem Günstig-Chic entwickelnden Ableger Dacia abzeichnet?

6000 Euro Einstiegspreis

Gespräche in der Führungsetage weisen den Weg zu Antworten. VW müsste auf ein Segment zwischen 5500 und 8000 Euro abzielen, rund 6000 Euro Einstiegspreis gelten derzeit als Ziel. Damit läge die Billigmarke gut 2000 Euro unter den bisher günstigsten Angeboten des Konzerns, im Automobilbau ist das eine Welt. Zu erreichen wäre das nur mit bescheidenem Entwicklungsaufwand und bestehender Technik. Mit Teilen und Fertigungseinrichtungen, die zwar nicht aus uralten Modellen abgelegt, aber schon investiert sind.

Im Design müssten simplere Linien gezeichnet werden, etwa um Ziehstufen in den Werkzeugen einzusparen. Der Automatisierungsgrad müsste weiter erhöht werden. Entstehen müssten die Fahrzeuge dort, wo sie verkauft werden, die Produktion müsste möglichst zu hundert Prozent aus lokalen Quellen stammen, damit Zölle nicht die Preise verderben. Zu beginnen wäre mit einem Modell, doch bald müsste sich die Palette auffächern, weil nicht in jedem Land dieselben Anforderungen bestehen.

Kleinstwagen für Megastädte in Indien

Priorität wird ein geräumiges Fahrzeug mit großem Ladevolumen haben. Aber rasch wird man für Südamerika oder Indien einen Kleinstwagen brauchen. Wer dort einmal in den Megastädten versucht hat, Auto zu fahren, weiß, warum. Ganz ohne verwöhnende und damit preistreibende Zutaten wird es nicht funktionieren. Auch ein günstiges Fahrzeug muss Anschlüsse für Bluetooth und Navigationsgerät oder einfache Assistenzsysteme haben. Die Kunden wollen schlicht kein nacktes Auto.

Für seinen Vorstoß müsste VW eine neue Marke schaffen, denn der Weg, den etwa Toyota (behutsam) mit einer Billigversion seines Kleinwagens Yaris geht, kratzt am Markenkern. Die Gefahr ist groß, dass ein Billigprodukt das Ansehen und damit die Preisgestaltung höher angesiedelter Marken (VW, Skoda, Seat, Audi) herunterzieht. Das darf nicht passieren, denn mit den hochwertigen Autos wird das Geld verdient, das hochwertige Arbeitsplätze sichert, und zwar Zehntausende. Aus dem Portefeuille käme nur die seit Ewigkeiten kränkelnde spanische Marke Seat infrage, doch die soll gerade mal wieder höher positioniert werden, und selbstredend könnte ein Billig-Seat nicht in Spanien hergestellt werden.

Kann VW überhaupt billig?

Also muss eine neue Marke erfunden oder eine schlummernde aus dem Archiv geholt werden. Wie auch immer sie heißen wird, schon tut sich die nächste Hürde auf. Kann VW überhaupt billig? Können die Entwickler, die seit Jahren von Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn auf haarfeine Spaltmasse trainiert worden sind, scheppernde Türen und Fensterkurbeln aus Plastik ertragen?

Einige von ihnen werden es lernen müssen. Womöglich sitzen sie in Brasilien, wo für VW rund 1000 Entwickler arbeiten, womöglich in Indien oder China. Die größte Herausforderung wird indes nicht in der Technik liegen, die steht weitgehend zur Verfügung und muss „nur noch“ vereinfacht werden. Die große Herausforderung besteht für Vertrieb, Marketing und Kundenservice, die es mit Wünschen einer Kundschaft zu tun bekommen, die Monatseinkommen von vielleicht 1000, vielleicht 1500 Euro zur Verfügung hat.

Fällt jetzt bald die Entscheidung zugunsten eines Volkswagens von Volkswagen, wird der erste 2015, eher 2016 auf den Markt kommen können. Bis dahin werden Dacia & Co. noch eine Menge Autos verkaufen.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Plädoyer für TTIP Freier Markt für Autobauer

Das Chlor-Hühnchen hat das Interesse am Freihhandelsabkommen TTIP geweckt. Die Autobranche sorgt sich nun, dass der Widerstand zu groß wird. Mehr

28.01.2015, 13:30 Uhr | Wirtschaft
Roboterdamen im Formationstanz

In Japans Hauptstadt Tokio hat der Technikkonzern Murata ein Ensemble aus kleinen Roboterdamen präsentiert, das eine perfekte Tanzchoreographie aufführt. Die Technik könnte Fahreigenschaften von Autos verbessern oder in selbstfahrenden Fahrzeugen zum Einsatz kommen. Mehr

25.09.2014, 22:30 Uhr | Technik-Motor
Digitalkonferenz DLD Oliver Samwer: Ich sehe tausend Probleme

Die Kursentwicklung war alles andere als raketenmäßig, als die Internet-Firmen Zalando und Rocket Internet ihren Börsenstart hatten. Inzwischen ist alles anders - und Oliver Samwer präsentiert sich als Vorzeige-Gründer. Mehr

19.01.2015, 10:20 Uhr | Wirtschaft
Auftragseinbruch bei sächsischen Maschinenbauern

Vor dem Mauerfall und der politischen Wende lieferten sie Autos, Maschinen und Anlagen in die ehemalige Sowjetunion. Später wurden die Geschäftsbeziehungen wieder aufgenommen - der neue russische Markt zum Teil unter schwierigen Bedingungen erkämpft. Doch nun bestellen die russischen Partner zunehmend bei der Konkurrenz in China oder Japan. Mehr

09.10.2014, 12:07 Uhr | Wirtschaft
Andreas Renschler Trucker mit Kampfgeist

Er hat den Stallgeruch von Daimler, doch jetzt hat VW ihn geholt: Andreas Renschler soll aus den Nutzfahrzeug-Geschäften von VW eine schlagkräftige Einheit machen - einen echten Gegner für die Weltmarktführer aus Stuttgart. Mehr Von Christian Müßgens und Susanne Preuß

28.01.2015, 18:52 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 04.11.2012, 10:10 Uhr

Sparen mit Gesundheits-Apps?

Von Philipp Krohn

Mit Gesundheits-Apps können Versicherer widerspruchslos Daten ihrer Kunden sammeln – und stoßen damit auf viel Wohlwollen. Technische Rabatte winken dem, der die Versicherungen tief in sein Leben schauen lässt. Das birgt Risiken. Mehr 5


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
Umfrage

Soll Griechenland aus dem Euro ausscheiden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Grafik des Tages Das iPad macht halb so viel Umsatz wie Google

26,7 Milliarden Euro betrug der Umsatz mit Apples Tabletcomputer iPad. Damit setzt der Konzern allein mit einem Produkt mehr um, als viele Dax-Konzerne erwirtschaften. Mehr 4

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden