11.08.2005 · Deutsche Unternehmen haben von ökonomischen Öffnung Irans immens profitiert. In den vergangen Jahren verdoppelte sich der Export. Den Atomstreit mit Teheran betrachtet die deutsche Industrie deshalb mit Sorge.
Die deutsche Wirtschaft verfolgt den Streit um das iranische Atomprogramm mit einer gewissen Sorge. Falls die Internationale Atomenergie-Organisation den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen anrufen und Sanktionen vorschlagen werde, könnte das auch den gegenwärtig lebhaften deutsch-iranischen Wirtschaftsbeziehungen schaden.
Schon jetzt sei bei mittelfristig orientierten Anlagenbauern eine gewisse Zurückhaltung wegen etwaiger Risiken zu spüren, sagte Jochen Clausnitzer, Nah- und Mittelostexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Noch zeigen sich Vertreter der Wirtschaft angesichts der beiderseitigen Verhandlungsbereitschaft gelassen: „Wir verfolgen das mit großer Aufmerksamkeit und wachsender Besorgnis, hoffen aber, daß es keine Eskalation geben wird“, sagte Robert Dölger von der Nordafrika-Mittelost-Initiative des Bundesverbands der Deutschen Industrie.
Anlagenbauer profitieren von der ökonomischen Öffnung
Jenseits des Konfliktes mit dem Westen um die Uranaufbereitung und Produktion von Atombrennstoff, der auch für Waffen eingesetzt werden könnte, wartet die Wirtschaft darauf, welche Wirtschaftspolitik die neue Regierung in Teheran verfolgen wird. Die vorherige Regierung hatte das Land wirtschaftlich geöffnet. Davon haben vor allem die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer profitiert. „Wir hoffen, daß auch unter dem neuen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad dieser Kurs fortgesetzt und bekräftigt wird“, sagte Dölger.
Für den Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) hat sich die Lage schon in den vergangenen Jahren zugespitzt. „Wir beobachten die Situation seit langem, weshalb sie nicht überraschend für uns kommt“, sagt Klaus Friedrich, der beim VDMA für die Außenwirtschaft zuständig ist. Seine Botschaft an den Iran ist deutlich: „Sollte es zu Exportbeschränkungen kommen, wird der deutsche Maschinen- und Anlagenbau die politische Entscheidung selbstverständlich respektieren.“
Teheran hofft auf die Exportlobby
Die Aussage hat insofern Gewicht, weil diese Branche mit einem Anteil von einem Drittel an den Gesamtausfuhren in den Iran der größte Exporteur ist. Die Botschaft soll Signalwirkung haben. Denn scheinbar, so ist in der Wirtschaft von Unternehmen zu hören, hofft Iran, daß sich Widerstand deutscher Unternehmen gegenüber einer solchen politischen Entscheidung bilden könnte.
Unternehmen wie Linde und Lurgi haben in Iran intensive Geschäftsbeziehungen. Erst Anfang Juli erhielt der Anlagenbauer Linde zusammen mit der koreanischen Hyundai-Gruppe von der staatlichen National Petrochemical einen Milliardenauftrag zum Bau einer petrochemischen Anlage. Davon entfallen allein 400 Millionen Euro auf die Wiesbadener Linde AG. Bei Sanktionen könnte dieser Auftrag im schlimmsten Fall ausfallen.
Das hätte, so betont ein Unternehmenssprecher, zwar keinen unmittelbaren Schaden zur Folge, da Linde wegen der weltweit guten Auftragslage im Anlagenbau genügend Kompensationsmöglichkeiten habe. Doch könnte das zur Folge haben, daß langfristig ein wichtiger strategischer Markt für künftige Aufträge wegbrechen würde. Die erwarteten neuen Ausschreibungen über mehrere hundert Millionen Euro könnten an Konkurrenten gehen. Für Linde gehört die Region Mittlerer Osten mit Iran als Kernland zu den fünf wichtigsten Exportmärkten.
Amerikaner betrachten die Geschäfte argwöhnisch
Zumeist, ist aus der Branche zu hören, halten sich die Unternehmen mit der Publizität im Hinblick auf Geschäfte jedoch zurück. Vor allem die Amerikaner würden die Geschäftsbeziehungen mit Argusaugen beobachten und für negative Schlagzeilen ausschlachten, hieß es.
In der Autoindustrie erschließt sich vor allem Volkswagen schrittweise den Iran und arbeitet mit lokalen Partnern zusammen. „Wir agieren sehr vorsichtig in diesem Markt“, sagte ein Unternehmenssprecher. In der Sonderwirtschaftszone Arg-e-Jadid nahe der Stadt Bam ist Ende 2004 eine Fertigung errichtet worden, in der jährlich mehr als 20000 Fahrzeuge montiert werden. Die Anlage ist nach VW-Angaben zur Zeit ausgelastet mit der Produktion des brasilianischen Kompaktautos Gol.
Ausfuhr in den vergangen Jahren verdoppelt
Iran bezieht aus keinem anderen Land so viele Waren wie aus Deutschland. Im vergangenen Jahr waren die deutschen Ausfuhren nach Iran nach Angaben der deutsch-iranischen Handelskammer um 33 Prozent auf 3,57 Milliarden Euro gestiegen. Seit dem Jahr 2000 haben sich die Ausfuhren mehr als verdoppelt. Der Maschinenbau profitierte besonders von der Wiederbelebung der Geschäftsbeziehungen, da sich in demselben Zeitraum das Ausfuhrvolumen auf 1,2 Milliarden Euro fast vervierfacht hat.
Laut Statistischem Bundesamt kletterten die Ausfuhren zwischen Januar und Mai dieses Jahres gegenüber dem Vorjahreszeitraum um gut ein Drittel auf 1,85 Milliarden Euro. In den einzelnen Branchen war der Maschinen- und Anlagenbau der größte Bereich, der laut VDMA kräftig um 44 Prozent auf knapp 700 Millionen Euro zulegte.
Nach Angaben des Automobilverbandes VDA hat sich der Autoexport in diesem Zeitraum gegenüber dem Vorjahr auf 325 Millionen Euro etwa verdoppelt. Auf Eisen- und Stahlerzeuger entfielen Lieferungen von 286 Millionen Euro, fast 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Weniger stark legten die Ausfuhren der Chemischen Industrie mit 151 Millionen Euro zu. Auf der anderen Seite stiegen die Einfuhren aus Iran im vergangenen Jahr um 35 Prozent auf 391 Millionen Euro.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.397,65 | +1,52% |
| Dow Jones | 12.583,60 | +1,03% |
| EUR/USD | 1,2543 | +0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 107,69 $ | +0,40% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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