18.04.2005 · Die politischen Spannungen zwischen China und Japan beginnen Spuren in der Wirtschaft zu hinterlassen. Der Nikkei-Index stürzte mehr als 430 Zähler in die Tiefe. Investoren fürchten eine Verschärfung der Lage.
Die politische Krise zwischen China und Japan beginnt Spuren in der Wirtschaft zu hinterlassen. Nach den gewalttätigen Protesten gegen japanische Einrichtungen in China am Wochenende stürzte am Tokioter Aktienmarkt der Nikkei-Index zum Wochenauftakt mehr als 430 Zähler in die Tiefe. Investoren fürchten eine Verschärfung der Lage.
Japanische Unternehmen wie Mazda, Honda oder Toshiba, die in den vergangenen Jahren Milliarden von Euro in China investierten, stellten Geschäftsreisen ins Reich der Mitte größtenteils ein. Das Verhältnis zwischen Asiens größten Wirtschaftsmächten ist so schlecht wie seit dreißig Jahren nicht.
Polizei muß Bürotürme sichern
"Diese Krise hat das Potential, ganz Ostasien zu destabilisieren", meint Andy Xie von Morgan Stanley. Von den jüngsten Demonstrationen besonders betroffen war Schanghai. Dort gingen am Wochenende rund 20.000 Menschen auf die Straße. Sie hatten das japanische Konsulat belagert und mit Farbbeuteln sowie Steinen beworfen, verwüstet und demoliert. Sicherheitskräfte schritten kaum ein.
Zwar wirkt die Wirtschaftsmetropole, in der mehr als 4.500 japanische Unternehmen tätig sind, am Montag so geschäftig wie eh und je, doch bleibt nach den jüngsten Ereignissen viel Unsicherheit. Die Polizei mußte Bürotürme sichern - etwa den, in dem Sony in Schanghai logiert. In Geschäftshotels wie dem Portman Ritz Carlton hatten sich japanische Gäste nicht mehr vor die Tür gewagt. Vorausgegangen waren Warnungen der japanischen, aber auch der amerikanischen Botschaft in Peking.
Wieder Demos am kommenden Wochenende?
Bei den Amerikanern heißt es: "Amerikanische Staatsbürger, die China bereisen, sollten achtgeben auf Demonstrationen und Märsche, zu denen es ohne vorherige Warnung kommen kann. Die Proteste richten sich in erster Linie gegen Japaner, sie könnten aber auch andere Ausländer treffen." Diese Warnung hat bis Mitte Juni Bestand. Sie könnte auch verlängert werden. Denn Japan versucht bei der für September anstehenden ersten Reformrunde der Vereinten Nationen einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat zu erhalten. Dagegen aber hat Chinas Regierung in der vergangenen Woche Vorbehalte angemeldet.
Dabei verweist Peking auf die militaristische Vergangenheit Japans in den dreißiger Jahren. Damals hatte das Inselreich weite Teile Chinas besetzt. Viele Chinesen sehen diese Zeit von den Japanern nicht richtig aufgearbeitet. Das sei ein Grund für die gewalttätigen Proteste, erklärte die Regierung in Peking. Noch ist schwer einzuschätzen, ob die Demonstrationen am kommenden Wochenende wieder ausbrechen. Dann beginnt in Schanghai die größte Automobilmesse Chinas. Zu ihren Ausstellern zählen viele japanische Hersteller. "Es ist noch offen, wie breit und wie erfolgreich eine Kampagne wird, die zum Boykott japanischer Waren im Mai aufruft", warnt zudem Pablo F.G. Breard, Chefanalyst der Scotiabank. Bislang gilt die Sorge vor allem einem Umsichgreifen der Gewalt.
„Wachsende wirtschaftliche Abhängigkeit“
So haben Chinesen während des Wochenendes am Börsenplatz Shenzhen vor dem japanischen Supermarkt Jusco protestiert und japanische Autos ramponiert. In mehreren Städten wurden auf japanische Geschäfte und Restaurants Wasserflaschen, Farbbeutel und Steine geschmissen. In Schanghai greifen die unzähligen japanischen Restaurants vorerst zu einem einfachen Trick: Sie hängen selbstgemalte Schilder ins Fenster, auf denen steht, ihr Besitzer sei ein Chinese. Von einem stagnierenden Absatz von japanischer Elektronik oder japanischen Automobilen in China mag noch niemand sprechen - ausgeschlossen indes wird es nicht mehr. Dabei sind die beiden Länder wirtschaftlich überaus eng verzahnt.
"Unter der Oberfläche der Spannungen gibt es eine wachsende wirtschaftliche Abhängigkeit, und das, obwohl die beiden Länder Widersacher im Ringen um regionalen Einfluß und Rohstoffe werden", sagt Breard. Insofern liegt eine Eskalation der Ausschreitungen auch nicht im Interesse der chinesischen Regierung. Sie weiß, daß sie Japan braucht - seine Investoren, seine Touristen, sein wirtschaftliches Know-how. Den letzten verfügbaren statistischen Angaben nach stiegen die japanischen Direktinvestitionen in China in den sechs Monaten bis Ende September vergangenen Jahres um 89 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. Das sind knapp 15 Prozent aller Auslandsinvestitionen Japans.
Gespräche auf höchster politischer Ebene
In diesem Zusammenhang hat China im vergangenen Jahr Amerika als größten Handelspartner Japans abgelöst. Das jährliche Handelsvolumen beläuft sich auf 206 Milliarden Dollar, ein Fünftel des gesamten japanischen Handels. Aus Chinas Sicht ist Japan der drittgrößte Handelspartner nach der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten. Dennoch stehen beide Länder vor einer weiteren Hürde. Hatte doch die Regierung in Tokio Mitte vergangener Woche das Vergabeverfahren für Testbohrungen zur Erschließung mehrerer Gasfelder im Ostchinesischen Meer eröffnet. China ist hier einen Schritt weiter. Es bereitet bereits die Ausbeutung dieser Felder vor. Große Teile der Vorkommen liegen allerdings auf beiden Seiten der Seegrenze.
Dennoch will Peking im Sommer seine knapp eine Milliarde Euro teuren Förderungen aufnehmen. Die Pipeline von den Bohrinseln nach Shanghai ist gelegt. Die ersten 400 Kilometer waren mit 100 Millionen Euro japanischer Entwicklungshilfe finanziert worden. Tokio versucht nun, sein Gesicht zu wahren. Firmen wie die Japan Petroleum Exploration arbeiten seit mehr als dreißig Jahren an der Erschließung der Vorkommen. So fordert Japan die chinesische Gegenseite auf, die angekündigte Förderung auszusetzen. Tokio fürchtet, daß Peking die Gasvorkommen unter seiner Seite des Meeresgrundes anzapfen könnte. China schließt das aus. Gespräche darüber sollen nun auf höchster politischer Ebene geführt werden. Japan und China sind nach Amerika die weltweit zweit- und drittgrößten Ölverbraucher.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.397,65 | +1,52% |
| Dow Jones | 12.583,60 | +1,03% |
| EUR/USD | 1,2543 | +0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 107,69 $ | +0,40% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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