Vollbeschäftigung - wer hätte nach Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise gedacht, dass keine drei Jahre später ein deutscher Wirtschaftsminister dieses Wort schon wieder in den Mund nimmt. Rainer Brüderle hat es dieser Tage getan, und die aktuellen Arbeitsmarktdaten scheinen dem Liberalen recht zu geben: Der Anstieg der Erwerbslosigkeit im Sommer fiel moderater aus als üblich, schon im Herbst könnte die Marke von drei Millionen Arbeitslosen unterschritten werden (siehe: Sommerpause macht sich am Arbeitsmarkt bemerkbar). Perspektivisch entlastet auch der demographische Wandel - die Deutschen werden älter und weniger - die Statistik. Wird der Arbeitsmarkt zum Selbstläufer, gehört das Phänomen der Massenarbeitslosigkeit bald der Vergangenheit an?
So einfach ist es natürlich nicht. Zunächst einmal unterzeichnen die 3,19 Millionen registrierten Arbeitsuchenden das tatsächliche Problem erheblich. Denn noch immer sichert die staatlich geförderte Kurzarbeit fast einer halben Million Menschen den Arbeitsplatz, auch wenn die Zahl rasch sinkt. Eine weitere Million befindet sich derzeit in einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme und wird allein deshalb aus der Statistik definiert, weil sie für eine Vermittlung nicht zur Verfügung steht.
Eher fünf als drei Millionen Arbeitslose
Was formal korrekt sein mag, ist inhaltlicher Nonsens, denn auch diese Gruppe bleibt auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Dazu kommt eine stille Reserve im weiteren Sinne, etwa Rentner oder Studenten, die an einer Erwerbstätigkeit interessiert wären, jedoch nirgendwo amtlich gemeldet sind. Alles in allem muss also eher von fünf als von drei Millionen Arbeitslosen die Rede sein.
Die größere Grundgesamtheit würde bei fortdauernd hoher Arbeitskräftenachfrage seitens der Unternehmen den Abbau der Arbeitslosigkeit allerdings nur verlängern. Doch sind bezüglich der Nachfrage berechtigte Zweifel angebracht. Gerade die zuvor vom Einbruch der Weltwirtschaft arg gebeutelte deutsche Exportindustrie profitiert nun stark von der anziehenden Auslandsnachfrage (siehe: Außenhandel mit stärkstem Anstieg seit zehn Jahren). Verlässliche Aussagen über die Dauer der Erholung scheinen schwieriger denn je. In Amerika mehren sich die Zweifel an der Nachhaltigkeit der konjunkturellen Erholung, die Finanzmärkte spiegeln die Unsicherheit. Ein neuerlicher Einbruch der Wirtschaft wäre kaum noch einmal über Kurzarbeit derart glimpflich abzufedern wie zuletzt.
Eintrittsbarrieren sind ausschlaggebend
Entscheidend für die weitere Entwicklung des Arbeitsmarkts ist nicht zuletzt die Frage der Eintrittsbarrieren. Nach Meinung vieler Beobachter ist die Beschäftigungsschwelle, also die Höhe des Wirtschaftswachstums, von dem an im Saldo neue Stellen entstehen, dank der Arbeitsmarktreformen der ehemaligen rot-grünen Bundesregierung gesunken. Der Zusammenhang leuchtet ein: Zögerten Arbeitgeber früher zu Beginn eines Aufschwungs mit Neueinstellungen und ließen statt dessen die vorhandene Belegschaft lieber Überstunden schieben, sind sie heute eher bereit, flexibel - etwa über Zeitarbeit - zu rekrutieren. Bei schlechtem Geschäftsverlauf können die Personalkosten rasch angepasst werden. Dieser (gute) Mechanismus greift jetzt. Derzeit kommt jede Dritte Stelle aus der Zeitarbeit. Der Anteil könnte noch steigen.
Gewerkschaften müssen auf mögliche Folgen eines solchen Wandels der Beschäftigungsstrukturen hinweisen und ihn zu gestalten versuchen. Von dem regelmäßig unterstellten Massenphänomen der Verdrängung von Stammbelegschaften kann angesichts eines Zeitarbeiteranteils von rund 2 Prozent an allen Beschäftigten freilich nicht die Rede sein. In der Branche gelten Tarifeinstiegslöhne für Hilfstätigkeiten von 7,60 Euro je Stunde im Westen, 10 Cent mehr als die bis vor kurzem gültige Forderung des Deutschen Gewerkschaftsbundes für einen allgemeinen Mindestlohn. In Ostdeutschland liegen die Einstiegstarife je nach Vertrag zwischen 6 und 7 Euro. In anderen Branchen haben DGB-Mitgliedsgewerkschaften Tarifverträge abgeschlossen, die deutlich darunter liegen. Die extremen Niedriglöhne, das zeigen aktuelle Untersuchungen, werden vor allem für Minijobs gezahlt. Deren Reform ist eine der arbeitsmarktpolitischen Herausforderungen der Zukunft.
Zeitarbeit als Alternative zur Arbeitslosigkeit
Viele Zeitarbeiter waren zuvor arbeitslos. Für einen Großteil stellt die Tätigkeit eine Etappe in einer wechselhaften Erwerbsbiographie dar, für einige ist sie aber auch eine Option für den dauerhaften Wiedereinstieg ins Berufsleben. Entscheidend ist die Frage: Wie lautet für diese Menschen die Alternative zur Zeitarbeit? Wären sie arbeitslos oder bekämen sie „bessere“ Jobs? Die Jahrzehnte vor den Arbeitsmarktreformen, gekennzeichnet von steigender Sockelarbeitslosigkeit, lassen die Antwort erahnen.
Das Alternativszenario zur Vollbeschäftigung heißt Fachkräftemangel gepaart mit verfestigter Langzeitarbeitslosigkeit. Damit dieses nicht eintritt, muss der Zugang in den Arbeitsmarkt breit bleiben, die Chancen auf einen Aufstieg gerade aus dem Niedriglohnbereich etwa durch gezielte Weiterbildung jedoch verbessert werden. Die derzeit gute Entwicklung am Arbeitsmarkt nährt also Zuversicht auf eine positive Zukunft. Angesichts der Unsicherheiten und Herausforderungen ist überbordende Begeisterung jedoch Fehl am Platz.
Ich lasse mich mal überraschen.
(McKiri)
- 30.07.2010, 13:07 Uhr
Es ist immer wieder erstaunlich
Stefan Rubens (RubensStefan)
- 30.07.2010, 15:14 Uhr
Das "Phänomen" Massenarbeitslosigkeit
Kai Schraube (schrauber)
- 30.07.2010, 15:15 Uhr
Ein Versuch
Hiep Van Tran (WatersToronto)
- 30.07.2010, 15:22 Uhr
Na Klasse , H.Brüderle,
(dieterfc)
- 30.07.2010, 16:25 Uhr
