Die Krisenzeichen nehmen zu. Schlecker-Insolvenz: 25.000 Menschen werden arbeitslos. Neckermann-Pleite: 2000 Menschen verlieren ihre Stelle. Deutsche Bank muss umstrukturieren: fast 2500 Stellen fallen weg. Diese Fakten sind plakativ. Aber sie bilden nur einen Teil der Realität ab.
Noch sinkt die Arbeitslosigkeit in Deutschland. Die Erfassung aller öffentlich bekanntgemachten Einstellungen und Stellenreduzierungen von jeweils mehr als 100 Personen im Einzelfall durch diese Zeitung zeichnet noch immer mehr Einstellungen als Stellenstreichungen. In den ersten neun Monaten dieses Jahres sind in deutschen Großunternehmen gut 91.000 Einstellungen verkündet worden. Das sind jetzt schon mehr als im gesamten Jahr 2011; damals waren es in zwölf Monaten 89.400. Diesem Zuwachs in der Schaffung neuer Stellen steht allerdings auf der anderen Seite ein noch schnellerer Zuwachs der Stellenstreichungen gegenüber. Bis Ende September sind hierzulande allein in Großunternehmen 75.000 Stellen weggefallen. Das ist mehr als doppelt so viel wie im gesamten Jahr 2011 (32.000). Die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums schlägt sich eindeutig am Arbeitsmarkt nieder.
Mangel an Ingenieuren
Aber diese Entwicklung ist kurzfristig. Mittel- und langfristig treibt die Unternehmen die Sorge, wie angesichts der demographischen Entwicklung der Personalstamm erhalten und immer wieder aufgefüllt werden kann. Das Prüf- und Zertifizierungsunternehmen Dekra mit Sitz in Stuttgart (mehr als 2 Milliarden Euro Umsatz) setzt weiterhin seinen Plan um, von 2010 bis 2015 insgesamt 10.000 neue Stellen zu schaffen. Davon habe man schon in den ersten zwei Jahren 2010 und 2011 insgesamt 5500 neue Stellen besetzt - bei insgesamt knapp 30000 Mitarbeitern. „Als Sachverständigenorganisation benötigen wir ständig versierte und exzellent ausgebildete Mitarbeiter. Wir stellen weiterhin bundesweit insbesondere Prüfingenieure für den Bereich Fahrzeugprüfungen und Industrieprüfungen ein sowie Sachverständige für Gutachten“, sagt der Vorstandsvorsitzende Stefan Kölbl.
Während der Mangel an Ingenieuren bereits seit Jahren bekannt ist, öffnen sich auch in anderen Bereichen große Lücken am Arbeitsmarkt. „In Hessen fehlen schon heute 2000 Fachkräfte in der Altenpflege“, schreibt das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Frankfurter Goethe-Universität. Und bis zum Jahr 2020 käme ein weiterer Bedarf von 1800 Pflegekräften hinzu. Fachkräftemangel zeige sich aber auch in der Logistik oder bei IT-Berufen und die Besetzung von Lehrstellen fällt immer schwerer. Darunter leidet vor allem das Handwerk. „Die Situation wird sich in den kommenden Jahren aufgrund des demographischen Wandels weiter zuspitzen. Jetzt sind Konzepte gefragt, bei denen die unterschiedlichen Akteure zusammenarbeiten“, sagte Professor Robert Pütz, der Direktor des IWAK vor einer Tagung über die Entwicklung des Fachkräftebedarfs.
Nachwuchsförderung und Hochschulkooperationen
Die Unternehmen versuchen dabei immer wieder, die jungen Menschen noch früher an sich zu binden. „Damit wir früh Talente für uns gewinnen können, setzen wir unter anderem auf Hochschulkooperationen - besonders in technischen Berufen. Wir engagieren uns seit einigen Jahren bei der Formula Student Germany - einem internationalen studentischen Konstruktionswettbewerb für Rennwagen. Wir vergeben Stipendien und vernetzen uns mit der Generation Smartphone“, sagt Kölbl.
Ähnlich machen es die Wirtschaftsprüfungsunternehmen. Kürzlich startete der von den größten Prüfungsgesellschaften unterstützte AuditXcellence-Masterstudiengang an den Universitäten Düsseldorf, Frankfurt, Mannheim und Lüneburg. Dort kann der Student während seines Studiums schon Prüfungen ablegen, die hinterher für das Wirtschaftsprüferexamen anerkannt werden. „Unser Ziel ist es, dass junge Leute schon mit 27 statt erst mit 33 Jahren ihre Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer abschließen“, sagte Norbert Winkeljohann, Vorstandssprecher der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC. Allein PWC hat im abgelaufenen Geschäftsjahr 2011/12 fast 1700 Mitarbeiter eingestellt. Diese Zahl werde zwar zurückgehen aufgrund der geringeren Nachfrage in einigen Beratungsbereichen. Aber auch im laufenden Geschäftsjahr geht Winkeljohann davon aus, dass man gut 1000 Mitarbeiter einstellen werde. Bei Prüfungsgesellschaften ist das nicht mit einem entsprechenden Ausbau der Belegschaft gleich zu setzen, weil in der Wirtschaftsprüferbranche eine Fluktuation von 11 bis 15 Prozent als normal gilt.
Mitarbeiter halten
Für viele andere Unternehmen wäre das der Horror. Bei ihnen geht es vor allem darum, viele Mitarbeiter zu halten. Dabei reicht es nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Personalführung nicht, nur an Weiterbildung zu denken oder die Freiräume für Mitarbeiter zu erhöhen. Die Unternehmen müssten zunehmend auf die persönlichen Wünsche der Mitarbeiter eingehen: mehr gesellschaftliche Verantwortung, ein ausgeglicheneres Verhältnis von Arbeit und Freizeit, eine größere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ein stärkeres betriebliches Gesundheitsmanagement.
Als eines der ersten Unternehmen in Deutschland erstellt der Versandhändler Otto auf Basis einer anonymen Mitarbeiterbefragung einen wissenschaftlich gestützten „Gesundheitsindex“ für die gesamte Belegschaft. Das Ziel ist es, die Belastungen der Beschäftigten auszugleichen, deren persönliche Ressourcen zu stärken und damit die Produktivität und Innovationsfähigkeit des Unternehmens zu erhöhen. Mittels 20 Fragen werden neun Themenfelder erfasst, die in ihrer Gesamtheit den Indexwert bilden. Bei Otto wurde der Gesundheitsindex zum dritten mal erfasst. Er liegt mit 63 Punkten leicht über vergleichbaren Unternehmen (Durchschnitt 60 Punkte) und unverändert gegenüber dem Vorjahr.
Dass er stabil bei 63 liege, wertet man bei Otto angesichts der - auch mit Stellenstreichungen verbundenen - Umstrukturierungen und der damit verbundenen Belastungen im Konzern als Erfolg. Ziel sei es, „in Gesprächen zwischen Führungskräften, Personalverantwortlichen und Mitarbeitern Projekte umzusetzen, um die jeweiligen Werte zu verbessern.“ Denn je höher der Gesundheitsindex, umso niedriger die Fehlzeiten. Und durch Fehlzeiten verliert die deutsche Wirtschaft fast 70 Milliarden Euro Umsatz im Jahr.
Der Titel spricht für sich!
Paul Laudenberg (Joker1001x)
- 09.10.2012, 15:59 Uhr
Dieser Beitrag zum Arbeitsmarkt widerspricht allen offiziellen Zahlen.
Otto Meier (DerQuerulant)
- 08.10.2012, 11:59 Uhr
Die alte Mär....
Karl Rotte (Karl_Rotte)
- 08.10.2012, 11:43 Uhr
Das
Miguel Torres (eyesopen)
- 08.10.2012, 10:47 Uhr
"Firmen binden ihre Mitarbeiter - und halten sie gesund"
Damit der Staat das Letzte aus ihnen
Roland Magiera (Roland_M)
- 08.10.2012, 09:25 Uhr
