Wird der Mensch in der Arbeitswelt von morgen noch gebraucht? Unzählige Tagungen zwischen Tutzing und Timmendorfer Strand haben in den vergangenen Jahrzehnten über diese Frage debattiert und sie pessimistisch mit Nein beantwortet.
Seit Maschinen die Muskelkraft ersetzen, chinesische Billigarbeiter den deutschen Facharbeiter niederkonkurrieren und deutsche Gewerkschaften wie zum Hohn die Löhne in die Höhe trieben, wollte hierzulande niemand mehr auf die „Zukunft der Arbeit“ (auch ein beliebtes Talkshow-Thema) wetten.
„Denn zum Unglück machen die Maschinen allezeit recht gute Arbeit und laufen den Menschen weit vor“, meinte der deutsche Dichter Jean Paul schon Anfang des 19. Jahrhunderts.
Erst drei, dann vier, dann fünf Millionen Arbeitslose
Lange Jahre gaben die dumpfen Beschäftigungszahlen aus Nürnberg den Untergangspropheten recht. Erst drei, dann vier, später womöglich fünf Millionen Arbeitslose: So drohte eine schreckliche Zukunft auszusehen, an die man sich wohl über kurz oder lang gewöhnen müsste.
„Viele der verlorengegangenen Arbeitsplätze werden nie ersetzt“, lautete die Prognose des amerikanischen Allzweckpessimisten Jeremy Rifkin. Der Ökonomie-Nobelpreisträger Wassily Leontief (1905 bis 1999) hatte früher schon behauptet, durch die Erfindung des Computers werde die Bedeutung des Menschen als wichtigster Produktionsfaktor in gleicher Weise schwinden wie die Bedeutung des Pferdes für die landwirtschaftliche Produktion durch die Einführung von Traktoren.
Niveau der frühen 90er Jahre
Es ist dann glücklicherweise anders gekommen. Kommende Woche wird die Bundesagentur für Arbeit die Arbeitslosenzahlen für den Oktober verkünden.
Die Spatzen pfeifen von den Dächern, dass zum ersten Mal seit den frühen 90er Jahren in einem Monat wieder weniger als drei Millionen Menschen auf der Suche nach Jobs sind. Noch liegt die Zahl für das gesamte Jahr 2010 knapp über drei Millionen. Aber 2011 werden auch dauerhaft im Jahresdurchschnitt weniger als drei Millionen Menschen ohne Arbeit sein.
„Stille Reserve“ schrumpft ebenfalls
Mehr noch: Die sogenannte „stille Reserve“ jener Arbeitnehmer, die jahrelang entmutigt sich gar nicht mehr beim Arbeitsamt gemeldet haben oder die sich von einer Weiterbildungsmaßnahme zur anderen hangelten (und deshalb nicht in den offiziellen Statistiken auftauchen), schrumpft ebenfalls. 2011 werden insgesamt fast 41 Millionen Menschen in Deutschland eine Arbeit haben: so viel wie nie zuvor im geeinten Deutschland.
Diese Rekordzahl ist auch der Beweis dafür, dass der deutsche Beschäftigungserfolg (noch) nicht der schrumpfenden Bevölkerung geschuldet ist: Er wäre dann nichts als billiger „windfall profit“. Wäre es so, müsste der Rückgang der Arbeitslosigkeit mit einem Rückgang der Beschäftigung einhergehen – doch diese erhöht sich ja gerade.
„Mit der Demographie hat das bisher noch relativ wenig zu tun“, sagt Joachim Möller, Direktor des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Noch steigt nicht nur der Anteil älterer Arbeitnehmer, sondern auch der der Jüngeren.
Noch. „Das kommt erst noch auf uns zu“, sagt Möller. Und zwar schon demnächst. Aus Gründen der schwachen Demographie wird das Erwerbslosenpotential – also jene „Überflüssigen“, die jetzt für die Firmen wieder interessant werden – schon im nächsten und übernächsten Jahr um jeweils 210.000 abnehmen.
Zahl der offenen Stellen wächst
Wenn Deutschland nichts tut, schrumpft die Zahl der Beschäftigten bis zum Jahr 2050 von heute 41 auf 25 Millionen. Schon wächst die Zahl der offenen Stellen. Besser sieht es erst aus, wenn die Erwerbsneigung der Deutschen wieder steigt oder mehr Menschen nach Deutschland einwandern.
Kein Wunder, dass die Unternehmen fürchten, mittelfristig ihre Aufträge nicht abarbeiten zu können, und sich vor allem um die Facharbeiter Sorgen machen. Dass Migration – wie jetzt wieder von den Protektionisten aller Parteien befürchtet – zu steigender Arbeitslosigkeit und sinkenden Löhnen (oder gar beidem) führe, sei ein Märchen, sagen die Arbeitsmarktforscher: „Empirisch hat Zuwanderung langfristig keinen negativen Effekt auf Löhne und Arbeitsplatzrisiko“, erklärt Herbert Brückner, Migrationsforscher am IAB
Nicht die Arbeit, die Arbeiter gehen aus
So schnell kann die Welt sich drehen. Wieder einmal hat niemand damit gerechnet, weshalb die derart Überraschten ein wenig hilflos vom „deutschen Jobwunder“ reden. Plötzlich zeigt sich: Die routiniert ausgeleierte Frage, ob uns die Arbeit ausgeht, war die falsche Frage.
Vielmehr ist zu ergründen, warum uns die Arbeit nicht ausgeht, obwohl so viele Bösewichte (technischer Fortschritt, Globalisierung, starrer Arbeitsmarkt, hohe Löhne und teure Lohnnebenkosten) sich scheinbar gegen die Jobs verschworen haben. Nicht die Arbeit, aber die Arbeiter gehen uns aus.
Noch nicht einmal die schwerste Krise der Nachkriegszeit mit einem Wachstumseinbruch von über fünf Prozent konnte der Beschäftigung etwas anhaben. „Deutschland gelang das Kunststück, eine Weltrezession ohne wesentliche Blessuren auf dem Arbeitsmarkt zu überstehen“, heißt es in einer aktuellen Studie der Deutschen Bank über „Deutschlands neue Blüte“. Warum glauben dann aber – wider den statistischen Befund – dennoch so viele Menschen, dass langfristig die Jobs verschwinden? Die Antwort auf diese Paradoxie hat der französische Ökonom Frédéric Bastiat schon vor 160 Jahren in seinem Essay „Was man sieht und was man nicht sieht“ gegeben.
Was man sieht, das sind die Massenentlassungen: Quelle schließt seinen Versandhandel, und die Leute stehen auf der Straße. Nokia verlagert die Handyproduktion nach Rumänien, und die Fertigung in Bochum wird eingestellt.
... und was man nicht sieht
Was man nicht sieht, sind all jene Jobs, die an anderer Stelle neu geschaffen werden: Dass Menschen damit ihr Geld verdienen, Klingeltöne für Handys zu erfinden, hätte sich vor 20 Jahren noch niemand vorstellen können. Die Klingeltonarbeiter feiern ihre Jobs bekanntlich auch nicht auf Gewerkschaftsdemonstrationen.
„Nur die Verlierer schreien“, sagt Andreas Peichl, Ökonom am Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn. Verständlicherweise. Denn sie leiden. Doch nicht nur der technische Fortschritt, sondern auch die Bedürfnisse der Menschen entwickeln sich weiter. Stets finden sich auch Unternehmer, die zur Abarbeitung der Bedürfnisse Arbeitnehmer brauchen.
Sättigungstheoretiker haben sich geirrt
All jene Sättigungstheoretiker, die uns glauben machen wollten, irgendwann sei Schluss, alle Bedürfnisse befriedigt und deshalb auch kein Geld mehr für die Arbeiter da, haben sich geirrt. In mittlerer Zukunft wird jeder, der arbeiten will, einen Job bekommen: Weder öffentlich organisierte Arbeit noch ein garantiertes Grundeinkommen sind dafür nötig.
Spätestens für das Jahr 2020 rechnet Arbeitsmarktfachmann Möller mit Vollbeschäftigung. Damit gemeint ist eine Arbeitslosenquote von unter vier Prozent. Schon heute gibt es Regionen in Bayern, in denen diese Quote nicht viel mehr als zwei Prozent beträgt.
Die Arbeit wandelt sich
Gewiss, bestimmte Tätigkeiten haben sich inzwischen erübrigt. Im Hochgeschwindigkeitszug wird kein Heizer gebraucht. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Landwirtschaft noch 25 Prozent der Beschäftigten auf.
Heute sind es gerade noch mickrige zwei Prozent. Das produzierende Gewerbe ist von 50 auf 25 Prozent geschrumpft; die Dienstleister haben von 30 auf 70 Prozent zugenommen. „Die Arbeit geht uns nicht aus, aber sie wandelt sich“, sagt Ökonom Peichl. Die althergebrachten stabilen Arbeitsverhältnisse bröckeln; prekäre Jobs nehmen zu. Autoritäre Organisationsmodelle sind außer Mode; gefragt ist der „flexible Mensch“ (Richard Sennett).
Immer neue Gruppen kommen hinzu: Der Anteil der arbeitenden Frauen hat in den vergangenen Jahren um eine halbe Million zugenommen, und die 55- bis 64-Jährigen stellen heute sogar eine Million mehr Beschäftigte als zur Jahrtausendwende. Wenn das Arbeitsvolumen – die insgesamt geleistete jährliche Arbeitszeit – gleichwohl mit 58 Milliarden Stunden seit 20 Jahren annähernd gleich blieb, liegt das daran, dass die Deutschen die Wochenarbeitszeit reduziert haben und sie sich über die Jahre stets ein bisschen mehr Freizeit gegönnt haben.
Allzu viel Freizeit aber ist ungesund. Kein Wunder, dass der gewerkschaftlich hochgepriesenen 30-Stunden-Woche niemand folgen wollte. Längst wissen die Glücksforscher, dass Arbeit viel mehr leisten muss, als nur ein Erwerbseinkommen zu verdienen.
Es krankt die Lebensqualität
Arbeit ist wichtig für die Lebenszufriedenheit. Arbeitslosigkeit macht unglücklich, mehr noch als psychische Krankheiten oder Ehescheidungen. Das ist aber nicht in erster Linie so, weil Menschen ohne Job weniger Geld zur Verfügung haben.
Viel stärker krankt die Lebensqualität, weil sich Arbeitslose ausgegrenzt fühlen und ihre Selbstachtung leidet. Gut also, dass es genügend zu tun gibt, und keine Gefahr besteht, dass uns je die Arbeit ausgeht.
Nun, wer über die nahen Grenzen schaute,
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 24.10.2010, 10:50 Uhr
der blanke hohn
joachim tarasenko (truthful)
- 24.10.2010, 10:59 Uhr
Jobwunder gibt es immer wieder mal
Thomas Oberhäuser (thomobe)
- 24.10.2010, 11:09 Uhr
Was nützt uns die Vollbeschäftigung...
Johannes Salzmann (enJOyIT)
- 24.10.2010, 11:25 Uhr
Was stimmt hier nicht?
Gottfried Lobeck (golo7)
- 24.10.2010, 11:50 Uhr
