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Arbeitsmarkt Die Massenentlassungen fallen aus

21.09.2009 ·  Mehr als fünf Millionen Arbeitslose: das war die düstere Prognose für 2010. So schlimm wird es aber nicht. Auf den Schock über die Schwere der Finanzkrise folgt das Staunen über das Ausbleiben der Apokalypse.

Von Christian Siedenbiedel
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Deutschland tritt in eine neue Befindlichkeitsphase: Auf den Schock über die Schwere der Finanz- und Wirtschaftskrise folgt das Staunen über das Ausbleiben der Apokalypse. Auf das Erschrecken über die eigene Ahnungslosigkeit folgt das Aufatmen, dass es so schlimm wie befürchtet nun wohl doch nicht kommt.

Nicht nur die Stimmung der Unternehmer und Konsumenten hat sich allen Barometern zufolge unerwartet verbessert. Ein Wirtschaftsforscher nach dem anderen macht sich derzeit daran, das Szenario eines Weltuntergangs-Herbstes mit Massenentlassungen und am Schluss bis zu fünf Millionen Arbeitslosen zu verwerfen. Nur die Industrieländer-Organisation OECD in Paris malte die Zukunft Deutschlands in der vergangenen Woche noch einmal in eher düsteren Farben. Ansonsten macht sich eine neue Gelassenheit breit.

"Es wird Entlassungen geben, ja. Aber so schlimm wie befürchtet wird es nicht kommen", sagt Eugen Spitznagel vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit, das seine Prognose in der vergangenen Woche in die optimistische Richtung korrigiert hat. Die Nürnberger rechnen jetzt mit 3,5 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt 2009 und 4,1 Millionen im Durchschnitt des kommenden Jahres. "Das ist für die Betroffenen natürlich schlimm", sagt Spitznagel. "Aber wir hatten zwischenzeitlich mit mehr als fünf Millionen Arbeitslosen rechnen müssen."

„Ein erster Trupp Kurzarbeiter kehrt an die Bänder zurück“

Noch im Frühjahr hatten sich die Apokalyptiker gegenseitig überboten. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, hatte besonders demonstrativ die magische Zahl fünf Millionen in der Öffentlichkeit beschworen. Aber auch Forschungsinstitute wie das RWI in Essen speisten diese Zahl in die öffentliche Diskussion ein. Das zeigte Wirkung: Schließlich war Deutschland 2005 unter Gerhard Schröder nur knapp an diesem Wert vorbeigeschrammt - er bedeutete den Anfang vom Ende der rot-grünen Bundesregierung. Mehr als fünf Millionen Arbeitslose hatten sogar, wenn auch unter anderen Umständen, in den Jahren nach der Großen Depression 1929 die Grundfesten der deutschen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung erschüttert. Mit dieser Zahl lässt sich also durchaus Schrecken verbreiten.

Ob es wirklich die "Entdeckung der sanften Rezession" ist, was jetzt geschieht, wie es der Volkswirt einer Münchener Kapitalanlagegesellschaft euphorisch zu Protokoll gibt - daran haben viele Manager in den Unternehmen allerdings noch Zweifel. "Wir fahren auf Sicht", ist immer noch eine gern verwendete Formulierung. Über September und Oktober hinaus will sich keiner so recht festlegen. Immerhin berichten erste Unternehmen wie Schaeffler oder BMW, sie hätten die Kurzarbeit zurückgefahren. "Ein erster Trupp Kurzarbeiter kehrt an die Bänder zurück", sagt Arbeitsmarktforscher Spitznagel.

Was auch immer man nach den vielen Fehlprognosen von den Vorhersage-Fähigkeiten der Wirtschaftsforscher und Konjunktur-Auguren halten mag - unbestreitbar ist, dass im Verlauf der Krise die Zahl der registrierten Arbeitslosen deutlich unter den Erwartungen geblieben ist. Im August lag sie deutschlandweit bei 3,47 Millionen Arbeitslosen; was gegenüber dem Juli einen praktisch zu vernachlässigenden Anstieg der Arbeitslosenquote um 0,1 Prozentpunkte auf 8,3 Prozent bedeutete.

In anderen Ländern steigt die Arbeitslosigkeit viel schneller

Das Ausbleiben der Massenentlassungen ist zum Teil ein rein deutsches Phänomen - zum Teil aber auch in anderen von der Krise erfassten Industrieländern zu beobachten.

Dafür gibt es unter anderem eine demographische Deutung, wie der Havard-Ökonom Gregory Mankiw in seinem Internetblog erwähnt: Weil in den Industrieländern weniger junge Leute geboren werden, ist gerade unter diesen die Arbeitslosigkeit geringer als nach früheren Krisen. Ähnlich argumentiert Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Maschinenbauverbands VDMA: Firmen überlegten es sich zweimal, gut ausgebildete Fachkräfte zu entlassen. Denn in einem späteren Boom müssten sie befürchten, wegen des demographisch bedingten Fachkräftemangels keine geeigneten neuen Leute auftreiben zu können.

Wirksamer, darin sind sich die Ökonomen einig, war in Deutschland bislang das Instrument der Kurzarbeit. Es hat zumindest im ersten Schock der Weltwirtschaft nach der Lehman-Pleite im vorigen Herbst Entlassungen aufgeschoben. Ein Vergleich der europäischen Statistikbehörde Eurostat zeigt, dass die deutsche Arbeitslosenquote von Juli 2008 bis Juli 2009 nur um 0,5 Prozentpunkte stieg. Dagegen schnellte sie in Spanien um stolze 7,1 nach oben, in den Vereinigten Staaten immerhin um 3,6 Prozentpunkte (siehe Grafik).

Inwieweit aus der Kurzarbeit doch noch Arbeitslosigkeit wird, ist in vielen Unternehmen aber noch nicht entschieden. "Die Planung fürs nächste Jahr machen die meisten Firmen im Herbst", sagt Arbeitsmarktforscher Spitznagel. Immerhin könnte es passieren, dass die Kürze der Krise das eine oder andere Unternehmen überrascht und man wie in manchen Schaeffler-Werken darüber nachdenken muss, ob man zuerst Leiharbeiter für die Produktionsspitzen einsetzt oder doch die Stammbelegschaft aus der Kurzarbeit zurückholt.

So könnte es wieder aufwärtsgehen, bevor die Unternehmen die umständlichen und für sie unangenehmen Hebel der betriebsbedingten Kündigungen erst richtig in Gang gesetzt haben. Immerhin steigt die Hoffnung, dass die Menschen es nicht nur einst im Boom mit der Euphorie übertrieben haben - sondern auch zu Beginn der Krise mit der Depression.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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