29.06.2010 · Mehr Stunden arbeiten oder überhaupt eine Stelle antreten: Das ist der Wunsch von 8,6 Millionen Menschen in Deutschland. Dies geht aus einer Umfrage des Statistischen Bundesamts hervor. Neueste Zahlen machen aber Hoffnung. Der Aufschwung am Arbeitsmarkt hat sich im Juni wohl fortgesetzt.
8,6 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 74 Jahren hätten gerne Arbeit beziehungsweise mehr Arbeitsstunden. Dies geht aus der jährlichen Haushaltsbefragung, dem Mikrozensus, des Statistischen Bundesamt hervor, wie die Behörde am Dienstag in Wiesbaden mitteilte. Die Altersspanne entspricht der EU-weiten Festlegung. Als „unterbeschäftigt“ bezeichnete sich jeder Zehnte (10,9 Prozent), das sind 4,2 Millionen Erwerbstätige, die den Wunsch nach zusätzlichen Arbeitsstunden haben und erklärten, für diese auch zur Verfügung zu stehen. Teilzeitbeschäftigte äußern relativ häufiger (22,2 Prozent) den Wunsch nach zusätzlichen Arbeitsstunden als Vollzeitbeschäftigte (6,8 Prozent).
Die übrigen der 8,6 Millionen sind Erwerbslose (3,2 Millionen) und in stiller Reserve (1,2 Millionen). Zu den Erwerbslosen werden Personen gezählt, die nicht erwerbstätig sind, aber in den letzten vier Wochen aktiv nach einer Tätigkeit gesucht haben und für eine Arbeit auch innerhalb von zwei Wochen zur Verfügung stünden. Personen in stiller Reserve haben ebenso wie die Erwerbslosen überhaupt keine Arbeit. Sie gelten nach den strengen Kriterien der Internationalen Arbeitsorganisation zwar nicht als erwerbslos, weisen aber dennoch eine hohe Nähe zum Arbeitsmarkt auf. Zur stillen Reserve gehören Personen, die zwar Arbeit suchen, jedoch im Moment kurzfristig (innerhalb von zwei Wochen) für eine Arbeitsaufnahme nicht zur Verfügung stehen - außerdem auch Menschen, die aus verschiedenen Gründen keine Arbeit suchen, aber grundsätzlich gerne arbeiten würden und für diese Arbeit auch verfügbar sind. Im Jahr 2009 gehörten 5,7 Prozent der Nichterwerbspersonen im Alter von 15 bis 74 Jahren zur stillen Reserve.
Aktuell Entspannung am Arbeitsmarkt
Die Chance auf Beschäftigung steigt aktuell jedoch tendenziell. Der Aufschwung am Arbeitsmarkt hat sich auch im Juni fortgesetzt. Nach Berechnungen von Bankenvolkswirten und Konjunkturforschern waren im Juni rund 3,13 Millionen Männer und Frauen ohne Arbeit; dies wären rund 110.000 weniger als im Mai und knapp 280.000 weniger als vor einem Jahr. Selbst nach Abzug jahreszeitlicher Einflüsse ist die Zahl der Erwerbslosen nach Berechnungen der Experten im Juni zwischen 10.000 und 40.000 gesunken. Die offiziellen Zahlen will die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Mittwoch in Nürnberg bekanntgeben.
„Im Moment ist der Trend auf dem Arbeitsmarkt ganz klar positiv“, sagte der Volkswirt der DZ-Bank, Philipp Jäger. Auch für Steffen Henzel vom Münchner Ifo-Institut stehen die Zeichen eindeutig auf Erholung. „Aus vielen volkswirtschaftlichen Indikatoren kann man klar ableiten, dass vor allem im verarbeitenden Gewerbe ein Aufholprozess im Gange ist“, betonte der Leiter der Ifo- Abteilung Konjunktur und Finanzmärkte. Ähnlich optimistisch ist der Commerzbank-Volkswirt Eckart Tuchtfeld: Angesichts der guten Auftragslage werde die Industrie nicht um die Schaffung neuer Stellen herumkommen; mit Überstunden alleine lasse sich die gute Auftragslage nicht mehr bewältigen. Im Jahresdurchschnitt 2010 werde die Zahl der Erwerbslosen wahrscheinlich unter dem Wert von 2009 liegen, betonten die Experten. Noch Ende vergangenen Jahres hatten die Fachleute mit einer Zunahme der durchschnittlichen Jahresarbeitslosigkeit von mehreren hunderttausend gerechnet.
Auch für die Bundesagentur stehen die Zeichen am Arbeitsmarkt auf Entspannung; darauf weise auch die wachsende Arbeitskräftenachfrage in der Wirtschaft hin. So kletterte der Beschäftigungsindex der Bundesagentur im Juni um 3 auf 158 Punkte. Die Nachfrage nach Arbeitskräften habe damit fast das Vorkrisenniveau vom Oktober 2008 erreicht. Etwa jede dritte Stelle böten Leiharbeitsunternehmen an.
Einige Experten gehen allerdings nicht davon aus, dass sich die Erholung auf dem Arbeitsmarkt im gleichen Tempo fortsetzt. „Ich rechne gegen Ende des Jahres bei der saisonbereinigten Arbeitslosenzahl eher mit einer Seitwärtsbewegung“, betonte Tuchtfeld. Auch Ifo-Experte Henzel geht mittelfristig von einem Abflauen der Aufwärtsentwicklung aus. In den Unternehmen gebe es immer noch Anpassungsbedarf. „Wir haben immer noch Kurzarbeit und die Stundenproduktivität ist in vielen Unternehmen immer noch relativ niedrig.“ Im Mai hatte ein kräftiger Frühjahrsaufschwung die Zahl der Arbeitslosen um 165.000 auf 3.242.000 sinken lassen. Das waren 217.000 weniger als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote hatte um 0,4 Punkte auf 7,7 Prozent abgenommen. Vor einem Jahr hatte sie noch bei 8,2 Prozent gelegen. Bereinigt um jahreszeitliche Sondereffekte war die Zahl der Erwerbslosen um 45.000 auf 3,246 Millionen zurückgegangen - im Westen um 34.000, im Osten um 11.000. Damit hatte der Arbeitsmarkt schon im Mai von der guten Konjunktur profitiert.
Der Realität des Arbeitsmarktes schon näher ...
Robert Hamacher (harohama)
- 01.07.2010, 12:55 Uhr
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