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Konjunktur Wolkenkratzer und Wirtschaftskrisen - ein etwas anderes Konjunkturbarometer

27.03.2001 ·  Möchten Sie wissen, wo die nächste Wirtschaftskrise droht? Andrew Lawrence von Deutsche Bank Securities in Hong Kong hat einen Tipp: „Schauen Sie nach oben!“

Von Kerstin Bach
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Als Bewohner der Millionenmetropole Hongkong hat Andrew Lawrence täglich Hunderte von Hochhäusern vor Augen. Doch sein besonderes Interesse an hohen Gebäuden entstand erst vor ungefähr zwei Jahren, als Shanghai und Hongkong mit zwei Bauprojekten um das zukünftig höchste Haus der Welt konkurrierten.

Neugierig auf solche Riesenvorhaben geworden, schaute sich der Analyst sämtliche bis dahin gebauten „Höchstleistungen“ an, und stellte Überraschendes fest: Alle großen Wirtschaftskrisen des letzten Jahrhunderts fielen zeitlich mit dem Bau des für die Zeit höchsten Wolkenkratzers zusammen. Das Ergebnis der Untersuchung: der „Skyscraper Index“ und die dahinter stehende Hypothese, dass rekordverdächtige Bauvorhaben ein verlässlicher Indikator für bevorstehende Wirtschaftskrisen sind.

Im Rausch der Höhe

In der Vergangenheit hätte der Indikator gute Dienste für Investoren und Anleger leisten können. Die Vollendung des Singer Buildings 1908 mit einer für die damalige Zeit enormen Höhe von 187 Metern und ein Jahr später die Vollendung des 26 Meter höheren Metropolitan Life in New York fielen beide in die Rezession der US-Wirtschaft der Jahre 1907 bis 1910.

Der nächste Bauboom in den USA folgte Ende der zwanziger/Anfang der dreißiger Jahre. Drei gigantische Wolkenkratzer, die Nummer 40 der Wall Street (283 Meter), das Gebäude von Chrysler (319 Meter) und das Empire State Building (381 Meter) überboten sich gegenseitig mit neuen Höhenrekorden. Über die Tiefenrekorde der Weltwirtschaft konnten sie allerdings nicht hinwegtäuschen.

Auch der Beginn der regen Bautätigkeit der siebziger Jahre mit dem World Trade Center in New York (417 Meter) und dem Sears Tower in Chicago (442 Meter) hätte ein Alarmzeichen sein können: die Fertigstellung der Gebäude 1972/73 und 1974 fand bereits inmitten der schlimmsten Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren statt.

Der nächste Vorbote wuchs gut 20 Jahre später auf einem anderen Kontinent aus dem Boden: Mit den Petronas Towers (452 Meter) im malaiischen Kuala Lumpur konnte zum ersten Mal ein asiatischer Staat den Titel für das höchste Gebäude der Welt für sich beanspruchen. Doch folgte auch hier die Krise auf dem Fuß. 1997 war nicht nur das Jahr der Fertigstellung dieses Mammutvorhabens, sondern auch der Beginn der Asien-Krise.

Denkmäler einer Epoche

Andrew Lawrence ist sich sicher, dass dies keine Zufälle sind und gibt eine Erklärung für die unglaublich scheinende Korrelation: rekordverdächtige Bauprojekte werden immer zu Zeiten großen ökonomischen Wachstums und immenser Finanzflüsse geboren, als „Denkmäler der Epoche“. Lawrence verdeutlicht: „Es dreht sich alles um die Möglichkeit, an Geld zu kommen. Politiker und Entwickler sind Optimisten und Spieler. Wenn sie einmal am Ball sind, kann niemand sie stoppen.“

Traditionell wurde der Bau höherer Gebäude von innovativen Technologien oder neuen Designrichtungen bestimmt. Mittlerweile allerdings werden die Bauvorhaben mindestens ebensosehr durch die ins Land fließenden Kapitalströme bestimmt. Hohe Liquidität braucht ehrgeizige Investitionsobjekte. Dies führt leicht zu Finanzspekulationen und einem exzessiven Investitionsboom, was oft den Anfang vom Ende einer wirtschaftlichen Expansion bedeutet. Auf den Boom folgt dann die Krise, auf das (zu) Hoch das Tief. Und vom Prestigeobjekt „Wolkenkratzer“ aus kann man nur noch auf die Trümmer der vormals prosperierenden Wirtschaft herunterschauen.

Aktuelle Krisenanwärter

Und was sagt der Index für die nähere Zukunft? Chicago hatte eigentlich vor, den Titel mit dem Gebäude 7 South Dearborn Street zurückzugewinnen, das Projekt wurde jedoch gerade zurückgestellt. Ärgerlich vielleicht für Chicago, möglicherweise Glück für die US-amerikanische Konjunktur. Stark im Rennen (und damit laut dem Index bald wieder draußen) ist deshalb im Moment besonders China: das Shanghai World Financial Center soll bald mit einer Höhe von 482 Metern die malaiischen Türme in den Schatten stellen. Wird diese Rekord-Raserei die chinesische Wirtschaft aus der Kurve fliegen lassen? „Wenn man sich nach dem Skyscraper Index richtet, konzentrieren sich die aktuellen Bedenken allerdings auf China“, sagt Lawrence.

Noch schlimmer könnte es für Japan kommen, wo Pläne für einen 840 Meter hohen Millennium Tower in Tokio vorliegen: stagnierende Konjunktur, ein marodes Bankwesen, hohe Staatsverschuldung und eine überalternde Bevölkerung. Die Zutaten für eine Krise sind vorhanden. Da könnte der Bau des Jahrtausendturms zum Tüpfelchen auf dem i werden.

Der Index war in der Vergangenheit recht verlässlich. Keine der großen Krisen dieses Jahrhunderts kam ohne einen Rekord-Wolkenkratzer daher. Macht sich Lawrence da keine Gedanken um die Entwicklung in Hongkong? Dass die nächste Krise von seinem jetzigen Arbeitsplatz ausgehen könnte, bereitet ihm jedenfalls „noch keine allzu großen Sorgen“. Für die Hochhaus-Hochburg Hongkong ist zwar schon der nächste Wolkenkratzer von 583 Metern geplant, doch „ob der so hoch wird, wie beabsichtigt, bleibt noch abzuwarten“, meint Lawrence optimistisch.

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