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Konjunktur Kein Ende der Talfahrt absehbar

 ·  Deutschland steckt in der tiefsten Rezession seit Gründung der Bundesrepublik. Selbst in der ersten Ölpreiskrise in den Siebzigern sank die Wirtschaftsleistung nicht so stark wie heute. Wie geht es weiter?

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Die deutsche Wirtschaft ist von der Wucht der Rezession überrascht worden. Noch im Herbst wähnten sich viele Unternehmen einigermaßen sicher; die Kapazitätsauslastung in der Industrie war noch gut. Seitdem fallen die Auftragseingänge mit einer kaum glaublichen Geschwindigkeit. Vor allem die Nachfrage aus dem Ausland sinkt rapide, was den Absturz der Weltwirtschaft widerspiegelt. Große Teile der exportabhängigen deutschen Wirtschaft starren nun in ein tiefes Loch. Beängstigend schnell fällt die Kapazitätsauslastung der Industrie, die der Motor des Aufschwungs der Jahre 2005 bis 2007 war. Selbst aus dem Maschinenbau, Deutschlands Vorzeigebranche, kommen besorgniserregende Zahlen. Immer mehr Unternehmen, allen voran die Autobauer und ihre Zulieferer, aber auch die Chemie und andere, melden Kurzarbeit an oder legen Werke zeitweise still. Die Stimmung in weiten Teilen der Wirtschaft ist auf einen Tiefpunkt gesunken.

Wie geht es weiter? Derzeit ist überhaupt kein Ende der Talfahrt abzusehen. Der Absturz im vierten Quartal 2008 mit minus 2,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zum Vorquartal scheint im ersten Quartal 2009 ungebremst weiterzugehen. Das katastrophale Exportminus von 20 Prozent zum Vorjahr im Januar legt das nahe. Neben der Ausfuhr sinken vor allem die Investitionen, weil sich immer mehr Unternehmen auf einen langen wirtschaftlichen Winter einstellen. Die Nachfrage der privaten Haushalte, die bislang noch recht stabil geblieben ist, sowie die höheren Staatsausgaben können den Ausfall von Export und Investitionen nur zum geringen Teil kompensieren. Ein realer Rückgang des BIP von mehr als 3 Prozent in diesem Jahr wird immer wahrscheinlicher.

Rückgang auf hohem Wohlstandsniveau

Damit steckt Deutschland in der tiefsten Rezession seit Gründung der Bundesrepublik. Zum Vergleich: 1975, nach der ersten Ölpreiskrise, sank die Wirtschaftsleistung "nur" um 0,9 Prozent, was die Bürger damals aber schon als Schock empfanden. Freilich ist das Wohlstandsniveau heute viel höher als vor dreißig Jahren. Einen allgemeinen Rückgang um 3 bis 4 Prozent, wenn er gleichmäßig verteilt wäre, könnten die Bürger gut wegstecken. Aber die Verluste sind ungleich verteilt: Vielen tausend kleinen und großen Unternehmen steht das Wasser bis zum Halse, sie werden dieses Jahr untergehen. Die Unzufriedenheit und Unsicherheit werden im Wahljahr 2009 stark zunehmen, was die Politik in ihrer ordnungspolitischen Geisterfahrt antreiben wird, als scheinbarer Retter aufzutreten. Bislang ist zwar der Arbeitsmarkt von der Rezession noch nicht voll erfasst worden, auch bedingt durch das verlängerte Kurzarbeitergeld. Im Jahresverlauf droht aber ein Anstieg der Arbeitslosenzahl von 3 auf rund 4 Millionen.

Auch mittelfristig erwartet Deutschland eine wirtschaftliche Durststrecke. Zwar halten sich die Regierung und auch der Sachverständigenrat an der Hoffnung fest, zur Jahresmitte sei der konjunkturelle Boden erreicht; danach ginge es langsam wieder aufwärts. Doch ist das keineswegs sicher. Dafür sprechen zwei Faktoren: zum einen der Rückgang der Rohstoffpreise, vor allem des Ölpreises, wodurch die deutsche Importrechnung um 30 bis 50 Milliarden Euro entlastet wird und die Inflationsrate stark sinkt. Mehrheitlich sind die Verbraucher daher noch recht zuversichtlich, weil sie Reallohnzuwächse erwarten. Zum anderen die beiden Konjunkturpakete, die - wenn auch mit Verspätung - im zweiten Halbjahr zu wirken beginnen werden. Beides hat dazu beigetragen, dass in der monatlichen Ifo-Umfrage zum Geschäftsklima die Unternehmen zuletzt leicht verbesserte Erwartungen äußerten.

Auch 2010 wird die Wirtschaft vermutlich stagnieren

Es gibt jedoch auch erhebliche Risiken, die eine Erholung gefährden können. Nach wie vor ist die Finanzkrise nicht ausgestanden. Sie hat die Weltwirtschaft im Herbst in einer Weise getroffen, die mit der Kollision eines Tankers mit einem Eisberg zu vergleichen ist. Seit der Verschärfung der Bankenkrise bemühen sich die Staaten, mit gewaltigen Summen die Löcher in den Bankbilanzen zu stopfen, doch sind diese bei weitem noch nicht bereinigt. Es ist eine Eskalation der Finanzkrise vorstellbar, die den Tanker der Weltwirtschaft in so schwere Seenot brächte, die auch die Retter überfordern könnte. Schon jetzt warnt die Weltbank vor einem realen Rückgang des Weltsozialprodukts in diesem Jahr, was es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht gegeben hat. Zudem schrumpft der Welthandel dieses Jahr so stark wie seit 1929 nicht mehr - besonders für Deutschland eine düstere Perspektive.

Immer mehr Volkswirte rechnen daher mit einer nur sehr schleppenden Erholung. Auch 2010 wird vermutlich eine stagnierende oder allenfalls ganz schwach wachsende Wirtschaftsentwicklung bringen. Deutschlands ökonomisches Wohl und Wehe hängt von der Weltwirtschaft ab; erst wenn die Finanzkrise bereinigt ist und die Ungleichgewichte in der Welt abgebaut sind, ist eine Rückkehr zu robustem Wachstum denkbar. Dann besteht auch die realistische Hoffnung, dass Deutschland wieder einer der Hauptprofiteure der Globalisierung wird. Bis dahin steht die Wirtschaft aber noch vor einem langen Tal der Tränen.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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