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Konjunktur Indien wächst rasant

30.11.2006 ·  Indiens Wirtschaft wächst deutlich schneller als bislang erwartet. Doch viele Analysten warnen nun vor einer Überhitzung der Konjunktur auf dem Subkontinent.

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Indiens Volkswirtschaft wächst deutlich schneller als bislang erwartet. Im zweiten Quartal des Fiskaljahres (31. März) legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 9,2 Prozent zu. Im Vergleichsquartal vergangenen Jahres hatte der Zuwachs bei 8,4 Prozent gelegen, zwischen April und Juni war das BIP um 8,9 Prozent gestiegen.

Gemessen am BIP-Wachstum ist dieses Halbjahr das beste, seit Indien 1991 seine Wirtschaftsreformen begann. Derzeit ist der Subkontinent die am zweitschnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Erde nach China mit 10,4 Prozent Wachstum im dritten Quartal. Allerdings steigt nun die Sorge vor einer Überhitzung. Sie galt bislang vor allem China - nun rückt der zweite wichtige Wachstumsmarkt in den Blickwinkel. Anders als die chinesischen gelten die indischen Statistiken als relativ verläßlich.

Hohe Inflationsrate deutet auf baldigen Zinsschritt

"Der einzige Faktor, der Sorge bereitet, ist die Inflationsrate. Sie liegt höher als uns lieb ist", sagte Finanzminister Palaniappan Chidambaram nach der Vorlage der Zahlen. "Sie wird vor allem vom knappen Angebot getrieben." Beobachter gehen davon aus, daß die indische Zentralbank bei ihrer nächsten Sitzung am 30. Januar die Zinsen vom derzeitigen Stand von 7,25 Prozent um mindestens 25 Basispunkte anheben werde.

Die Inflationsrate liegt mit 5,29 Prozent deutlich über der "tolerierten Rate" von 4 Prozent. Yaga Venugopal Reddy, Gouverneur der indischen Zentralbank Reserve Bank of India, hatte schon Ende Oktober gesagt, daß ein hoher Nachfragedruck bestünde und die Produktionskapazität Schritt halten müsse mit dem Wachstum, solle die Inflation im Zaum gehalten werden. Am Mittwoch hatte die Regierung erstmals seit zwei Jahren die Preise für Kraft- und Brennstoff verringert, um den Inflationsdruck zu mindern.

Viele Analysten warnen nun vor einer Überhitzung der Konjunktur. "Das wachsende Handelsdefizit belegt klar die hohe Nachfrage, die die Zunahme des Angebots übersteigt", sagt Robert Prior-Wandesforde, Südasien-Analyst von HSBC Holdings in Singapur. "Dies führt zu schnell steigenden Einfuhren und anderen Signalen für eine Überhitzung."

Bis Oktober summierte sich das Handelsdefizit auf 41 Milliarden Dollar, das war ein Fünftel mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. "Die vergangenen drei Jahre waren nicht nur einfach gute Jahre für die indische Volkswirtschaft", sagt Prior-Wandesforde. Mit einem BIP-Wachstum von durchschnittlich 8 Prozent und einem Anstieg des BIP pro Kopf von 50 Prozent seien sie zwar die besten in einer ganzen Generation gewesen. "Das Risiko aber liegt darin, daß sie ein bißchen zu gut waren."

Miserable Infrastruktur, rigide Arbeitsgesetze und ein schrumpfendes Angebot an qualifizierten Arbeitskräften

Zwar sank das Wachstum der Landwirtschaft, die fast 20 Prozent zum BIP beiträgt und 60 Prozent der Arbeitnehmer beschäftigt, in diesem Quartal auf nur noch 1,7 (März bis Juni: 3,4) Prozent. Die herstellende Industrie aber legte 11,9 (8,1) Prozent zu. 96 Prozent der befragten Betriebe gaben jüngst an, am Rande oder über der Kapazitätsgrenze zu arbeiten.

Nadelöhre der Wirtschaft sind eine miserable Infrastruktur, rigide Arbeitsgesetze, ein langwieriger politischer Prozeß - gerade in einigen Bundesstaaten - und ein schrumpfendes Angebot gut ausgebildeter Arbeitskräfte. So schätzt Indiens Ministerpräsident Manmohan Singh die notwendigen Ausgaben für den Ausbau von Häfen, Strom- und Wasserversorgung, Flugplätzen und Straßen auf rund 320 Milliarden Dollar in den kommenden fünf Jahren. HSBC geht von 370 Milliarden Dollar aus. Der künftige Geschäftsführer der Asiatischen Entwicklungsbank, Rajat M. Nag, rechnete im Gespräch mit dieser Zeitung sogar mit 500 Milliarden Dollar, die in den nächsten fünf Jahren notwendig seien.

Quelle: F.A.Z., 01.12.2006, Nr. 280 / Seite 15, che.
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