25.10.2004 · Vor dem Kauf langlebiger Wirtschaftsgüter schrecken wir zurück: „Der Deutsche holt sich zwar Champagner ins Haus, stellt ihn jedoch im alten Kühlschrank kalt.“ Eine nüchterne Analyse der Gesellschaft für Konsumforschung.
Marktforscher Klaus Wübbenhorst über die Tiefschläge Opel und Karstadt, streikende Konsumenten und die Lust auf Champagner.
Herr Wübbenhorst, eigentlich müßte es uns doch gut gehen: Deutschland ist weiterhin Exportweltmeister.
Ja, unser bescheidenes Wirtschaftswachstum wird vom Export getragen. Doch der private Konsum macht rund 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Und fällt derzeit als wichtiger Wachstumsmotor aus.
Aber die Leute rennen den Discountern noch immer die Läden ein.
Nach unseren Daten waren Verbrauchsgüter, wie Lebensmittel, in den ersten neun Monaten des Jahres tatsächlich leicht im Plus. Die Anschaffungsneigung jedoch befindet sich nach wie vor auf einem sehr niedrigen Niveau.
Die Anschaffungsneigung...
...ermittelt die Bereitschaft, langlebige Wirtschaftsgüter zu kaufen. Da sieht es nicht gut aus. Kurz gesagt: Der Deutsche holt sich zwar Champagner ins Haus, stellt ihn jedoch im alten Kühlschrank kalt.
Woran liegts, warum mögen wir nicht richtig ordentlich konsumieren?
Der Hauptgrund ist die hohe Arbeitslosigkeit.
Das sagt jeder - können Sie es mit Zahlen belegen?
In unserer jährlichen Studie "Challenges of Europe" fragen wir die Menschen europaweit nach ihrem drängendsten Problem. In Deutschland nannten 77 Prozent bei der diesjährigen Erhebung die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Diese Quote ist im Vergleich zum Vorjahr erneut gestiegen, damals waren es 75 Prozent. Bei den Ostdeutschen liegt der Anteil sogar bei 84 Prozent. Im europäischen Durchschnitt dagegen halten gerade mal 47 Prozent die Arbeitslosigkeit für das drängendste Problem.
Ihr Fazit?
Deutschland ist Weltmeister, wenn es um die Angst vor Arbeitslosigkeit geht.
Angesichts der Spitzenwerte bei der Arbeitslosenquote wohl nicht ohne Grund.
Unsere Quote ist mit 10,5 Prozent zwar hoch, aber bei weitem nicht die höchste in Europa. In Spanien ist sie höher - aber dort nennen nur 34 Prozent die Arbeitslosigkeit als wichtigstes Problem.
Sind die Deutschen einfach zu weinerlich?
Das will ich nicht sagen. In jedem Fall trauen sie der Politik nicht zu, das Problem zu lösen. Nur sechs Prozent sagen nach Erkenntnissen der GfK, sie hätten Vertrauen in Politiker. Im europäischen Durchschnittswert vertrauen 16 Prozent der Gruppe der Politiker, also fast dreimal so viele. Manager von Großunternehmen kommen übrigens in Deutschland auf eine Vertrauensquote von 18 Prozent.
Vor kurzem gaben Sie Entwarnung: In der GfK-September-Studie zum Konsumklima stiegen die Konjunkturerwartungen der Verbraucher zum zweiten Mal in Folge. Setzt sich dieser Trend fort?
Am kommenden Mittwoch legen wir die Daten für den Monat Oktober vor. Die Interviews mit 2.000 Befragten sind sicherlich von den aktuellen Diskussionen um Karstadt-Quelle und Opel beeinflußt worden. Vor einem Monat war ich positiver gestimmt, als ich es jetzt sein kann. Ich fürchte, die Erholung war nur eine vorübergehende Episode. Die beiden Fälle haben den Bundesbürgern nochmals deutlich vor Augen geführt, daß ihre Angst vor Arbeitslosigkeit begründet ist.
Ist sie das?
Entscheidend ist die psychologische Komponente. Konsum beginnt im Kopf. Wenn ich von Arbeitslosigkeit konkret bedroht bin, werde ich den Teufel tun, mir ein neues Auto zu kaufen. Ich halte mich aber auch dann mit einem Kauf zurück, wenn ich mich lediglich bedroht fühle - obwohl ich es in Wirklichkeit gar nicht bin.
Das Problem ist wohl, daß letztgenannte Gruppe die Mehrheit bildet.
Wahrscheinlich. Nach einer Studie fürchten 20 Prozent der Arbeitnehmer derzeit um ihre Stelle. Wenn man von einer Basis von 34 Millionen Beschäftigten in Deutschland ausgeht, wären das rund sieben Millionen.
Das heißt letztlich: Die aktuellen Sparprogramme betreffen nicht nur rund 45.000 Menschen - die Arbeiter und ihre Familien -, sondern einige Millionen?
Wenn Sie so wollen: Ein wegfallender Arbeitsplatz macht 150 Leuten Angst - die daraufhin ihren Konsum einschränken.
In den Vereinigten Staaten herrscht das System "hire and fire" - und trotzdem konsumieren die Amerikaner wie wild. Können wir von ihnen was lernen?
Tatsächlich liegt die Sparquote der Amerikaner bei einem Prozent, in Deutschland werden es dagegen elf. Da fließt ein gigantischer Geldstrom in den Konsum. Sogar nach den Anschlägen des 11. September sagten die Leute: "Jetzt konsumieren wir erst recht." Wir Deutsche dagegen verderben vor lauter Skepsis und Ans-Morgen-Denken unsere wirtschaftliche Zukunft. Ein bißchen mehr Konsumfreude täte unserem Land sicherlich gut.
Was kann Berlin tun, was sollte Berlin tun?
In den vergangenen Jahren ist schon einiges passiert: Die Steuern sind gesunken, der Arbeitsmarkt ist flexibler geworden. Dem steht eine Unberechenbarkeit der Politik gegenüber, die den Verbraucher immer wieder verunsichert. Dazu kommt noch ein schlechtes Marketing.
Alleine ein gutes Marketing überzeugt aber doch keinen Steuerzahler und keinen Verbraucher.
Nehmen wir die Steuerreform. Das Vorziehen in diesem Jahr brachte vielen Haushalten netto ein Prozent mehr. Die Schlagzeile wäre gewesen: Die Steuersenkung wirkt wie eine zweite Gehaltserhöhung. Beim Bürger dagegen ist hängengeblieben: Die in Berlin haben sich mit Hängen und Würgen zu einer halbherzigen Regelung durchringen können.
Betrifft die Konsum-Malaise eigentlich alle Produktbereiche gleichermaßen?
Nein, zum Glück nicht. Digitalkameras, Mobiltelefone und Flachbild-TV-Geräte haben mengenmäßig sogar zulegen können. Alles Bereiche, wo es gelungen ist, den Kunden einen innovativen Zusatznutzen zu bieten.
Rettet uns das aus der Konsumflaute?
Grundsätzlich gilt: Wenn was Tolles auf den Markt kommt, wird es auch gekauft. Nehmen Sie Foto-Handys, nehmen Sie Carving-Skier: Mit solchen Produkten hat man die Branchen auf den Kopf gestellt.
Bislang wurde die Werbung vor allem auf junge Konsumenten abgestellt - ein Fehler?
Im Fernsehen hat man bislang die Generation 50 plus vernachlässigt, das läßt sich nicht von der Hand weisen. Im Vergleich zur Kaufkraft der Jugendlichen ist jedoch die Kaufkraft der Senioren überproportional stark angestiegen. Die 60- und 70jährigen haben heute enorme Bedürfnisse, während man früher sagte: Die sind sowieso bald weg.
Retten uns also die Alten aus dem Konsumtal?
Es retten uns eine berechenbare Politik und niedrigere Steuern. Schließlich haben die Deutschen 8,4 Billionen Euro auf der hohen Kante. Und jetzt kommt die Erbengeneration. Die Deutschen haben also durchaus Geld zum Ausgeben.
Tun sie das auch, auf kurze und mittlere Frist?
In den nächsten drei, sechs oder neun Monaten gewiß nicht, dafür ist die Lage zu kritisch. Vor kurzem hatte ich noch die Hoffnung, daß sich das Konsumklima rasch stabilisiert - dahinter muß ich jetzt ein kleines Fragezeichen setzen. Von den zwei Beinen des Verbrauchers steht eines auf dem Gaspedal und eines auf der Bremse.
Welches ist stärker?
Darauf mag ich momentan noch keine Wetten abschließen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.395,65 | +1,37% |
| Dow Jones | 12.566,70 | +0,90% |
| EUR/USD | 1,2541 | 0,00% |
| Rohöl Brent Crude | 107,63 $ | +0,34% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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